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"Rückständig": Kritik an Literatur-Nobelpreis für Mo Yan

12.10.2012 | 11:55 |   (DiePresse.com)

Der chinesische Künstler Ai Weiwei nennt die Wahl der Schwedischen Akademie "gefühllos". China selbst feiert den Literaten als "ersten chinesischen Nobelpreisträger"

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Zum ersten Mal geht der Literaturnobelpreis heuer an einen Literaten aus China, der auch in seinem Heimatland lebt und arbeitet: Mo Yan, ein Bauernsohn, schildert in seinen Büchern das Leben auf dem Lande und ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller der Volksrepublik. Die Auszeichnung stößt auf ein gemischtes Echo. Die einen sehen einen angepassten "Staatsschriftsteller", die anderen einen großen Geschichtenerzähler und unabhängigen Literaten. Chinas Staatsmedien feiern Mo Yan als den "ersten chinesischen Nobelpreisträger". Schon diese falsche Einstufung verdeutlicht die Kontroverse. Der erste chinesische Autor, der 2000 den Literaturnobelpreis erhielt, war nämlich Gao Xingjian. Der lebt aber im französischen Exil, gilt dem offiziellen China nicht mehr als Chinese. Der Dalai Lama, der 1989 den Friedensnobelpreis erhielt, würde sich wiederum selbst ungerne als chinesischer Bürger einstufen lassen, weil das chinesisch beherrschte Tibet aus seiner Sicht nicht zu China gehört. Auch darf das religiöse Oberhaupt der Tibeter überhaupt nicht mehr ins Land.

Umgekehrt lässt China den letzten chinesischen Nobelpreisträger nicht mehr aus dem Land, geschweige denn aus der Haft: So sitzt der Friedensnobelpreisträger von 2010, Liu Xiaobo, weiter im Gefängnis, während seine Frau Liu Xia unter strengem Hausarrest steht. Immerhin ist Liu Xiaobo auch der Ehrenvorsitzende des PEN-Clubs der unabhängigen chinesischen Schriftsteller, während Mo Yan hingegen der Vizevorsitzende der offiziellen chinesischen Schriftstellervereinigung ist.

"Von der Realität abgehoben"

Kritik an der Wahl der Schwedischen Akademie kam vom chinesischen Dissident und Künstler Ai Weiwei. "Kann man einen Schriftsteller mit diesem Preis auszeichnen, der sich vom heutigen politischen Kampf in China fernhält? Ich halte das für fast unerträglich", sagte Ai Weiwei am Donnerstag der portugiesischen Zeitung "Publico" (Onlineausgabe). Die Entscheidung der Schwedischen Akademie empfinde er deshalb als "sehr bedauerlich" und "gelinde gesagt gefühllos".

Auch in der deutschen Zeitung "Die Welt" (Freitagausgabe) übte er Kritik: Moderne Intellektuelle hätten eine tiefgehende Beziehung zur aktuellen Realität ihres Landes. "Einen Nobelpreis an jemanden zu geben, der von der Realität abgehoben lebt, ist eine rückständige und unsensible Verfahrensweise", kritisierte Ai die Entscheidung der Schwedischen Akademie. Dennoch wolle er Mo Yan zu der Auszeichnung gratulieren.

Besonderen Anstoß löste auch die Tatsache aus, dass Mo Yan 2002 mit anderen Autoren zu Ehren von Mao Tsetung eine Seite aus den Reden des Revolutionärs zur Literatur mit der Hand für einen Jubiläumsband abgeschrieben hatte. Nur ist Mao nicht nur für den Tod vieler Millionen Chinesen verantwortlich, sondern hat auch Schriftsteller verfolgt und Kultur vernichtet.

Mo Yan: Preis für Literatur, nicht Politik

Mo Yan hat die Kritik zurückgewiesen. Der Preis sei eine literarische Auszeichnung und "nicht ein politischer Preis", sagte er am Freitag in seinem Geburtsort Gaomi. Zugleich erklärte er, einige Äußerungen des chinesischen Revolutionsführers Mao Tse Tung zur Kunst seien "sinnvoll" gewesen. Mao hatte im Zuge der Kulturrevolution eine strenge Überwachung der Kunst in der Volksrepublik etabliert.

Er ist in seiner Laufbahn so gut wie nie in Konflikt mit Chinas Behörden geraten. Stattdessen befürwortete er als stellvertretender Vorsitzender des chinesischen Schriftstellerverbands die offiziellen Richtlinien der Regierung, wonach Kunst und Literatur dem sozialistischen Zweck dienen müssen und nicht der Kommunistische Partei zuwiderlaufen dürfen.

Allerdings sprach sich Mo Yan am Freitag dafür aus, seinen Kollegen Liu Xiaobo bald aus der Haft zu entlassen. "Ich hoffe, dass er so schnell wie möglich die Freiheit wiederfinden wird."

Verteidigung von Mo Yan

Die Literaturwissenschaftlerin Shelley Chan, eine Professorin für chinesische Literatur an der Wittenberg Universität in den USA, stuft seine Bedeutung für die Literatur deutlich höher ein als er selbst. "Er ist einer der stärksten Schriftsteller und sehr experimentell", sagte Chan. "Viele seiner Geschichten dienen als kulturelle, soziale oder politische Kommentare." Sein starker Sarkasmus erinnere sogar stark an den berühmten Lu Xun (1881-1936) - einen der größten Schriftsteller Chinas.

Der englische Übersetzer von Mo Yan, Howard Goldblatt, verteidigte Mo Yan auch gegen Kritik: "Der Zensur ausgesetzt zu sein und sich anzustrengen, ihr zu entsprechen, sind zweierlei." Doch seine Kritiker verweisen nicht nur darauf, dass sich Mo Yan selbst demonstrativ von Regimekritikern distanziert hat.

Die kritische Internetautorin Liu Di, die als "Maus aus Edelstahl" zum Symbol für die Freiheit im Netz bekannt geworden ist, meinte zu Mo Yan: "Mal sehen, ob er sich traut, den Preis anzunehmen. Und ob er sich traut, in seiner Rede bei der Verleihung zu sagen, er sei der erste Chinese, der den Nobelpreis gewinnt. Wir müssen sehen, wie er reagiert, wenn ihn die Leute nach Liu Xiaobo fragen."

Nobelpreis
Der Literatur-Nobelpreis 2012 geht an den Chinesen Mo Yan, "der mit halluzinatorischem Realismus Volksmärchen, Historie und Aktuelles verflicht", so die Schwedische Akademie, die den Literaturnobelpreis verleiht. Die Auszeichnung ist heuer mit acht Millionen Schwedischen Kronen (930.000 Euro) dotiert, zwei Millionen weniger als im Vorjahr.

2012: Mo Yan (China)
2011: Tomas Tranströmer (Schweden)
2010: Mario Vargas Llosa (Peru/Spanien)
2009: Herta Müller (Deutschland, geboren in Rumänien)
2008: Jean-Marie Gustave Le Clézio
(Frankreich/Mauritius)
2007: Doris Lessing (Großbritannien)
2006: Orhan Pamuk (Türkei)
2005: Harold Pinter (Großbritannien)

(APA/dpa/Red.)

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3 Kommentare
1 0

Unpolitischer Goethe/ politischer Schiller

Man kann Goethe vorwerfen, nicht energisch gegen Absolutismus und Napoleon aufgetreten zu sein, also "unpolitisch" und opportunistisch gewesen zu sein. Aber schlechter als der Schiller ist er nicht, und vor allem in Vielem zeitlos.

Nicht alles muss politisch sein

Warum soll sich ein Schriftsteller nicht aus dem politischen Gezaenk heraushalten? Vielleicht ist das nicht sein Thema und er will einfach nur Buecher schreiben? Und vielleicht macht er das auch gut?

Den Medizinnobelpreis vergibt man auch nicht nach politischen Kriterien, warum sollte man das bei der Literatur muessen?

Gast: mens sana
12.10.2012 13:13
2 0

Die literarische Qualität geht nicht immer mit der korrekten politischen Gesinnung Hand in Hand.

Ein wirklich würdiger Preisträger wäre beispielsweise der Albaner Ismail Kadaré. Er hat nie gegen das steinzeitkommunistische Regime angeschrieben, sondern stets eine eher privilegierte Stellung genossen.

Nichtsdestowenige sind seine Bücher wirklich grosse Literatur, nicht zu vergleichen mit z.B. den befremdlichen Absonderungen einer Elfriede Jelinek.