Friedenspreisträger Liao: "Mo Yan ist Staatsautor"

Der chinesische Autor Liao Yiwu erhält heuer den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Er kritisiert den Literatur-Nobelpreisträger 2012.

Friedenspreistraeger Liao Staatsautor
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(c) EPA (ARNE DEDERT)

Der chinesische Autor Liao Yiwu, der heuer den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält, hat die Vergabe des Literaturnobelpreises an seinen Landsmann Mo Yan kritisiert. Für alle Chinesen, die einen Sinn für Gerechtigkeit hätten, sei Mo Yan ein Staatsautor, sagte Liao am Freitag in Frankfurt am Main. Liao, der nach dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz 1989 wegen Veröffentlichung eines Gedichts vier Jahre im Gefängnis saß und 2011 nach Deutschland flüchtete, erhält die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung am Sonntag. Der seit 1950 vergebene Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ist eine der bedeutendsten Auszeichnungen des Landes. Geehrt wird damit eine Persönlichkeit aus dem In- oder Ausland, die vor allem auf den Gebieten Literatur, Wissenschaft und Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen hat.

Kein Schriftsteller, unabhängig von seinem Genre, dürfe gewissenlos oder unmoralisch handeln, sagte Liao. "Für uns vertritt Mo Yan das System." Mo habe eine hohe Ebene der Literatur erreicht, aber dies habe mit Wahrheit oder Menschlichkeit nichts zu tun. "Ich bin anders", betonte der 54-Jährige. Für ihn stehe an erster Stelle die Wahrheit und erst an zweiter die Literatur.

Diffuses Moralsystem im Westen

Er erzählte, wie er 2010 in Deutschland, auf dem Weg zur Buchmesse, von der Vergabe des Friedensnobelpreises an den chinesischen Dissidenten Liu Xiaobo erfahren habe. Die Entscheidung habe Intellektuelle und Aktivisten im chinesischen Untergrund ermutigt. "Wir haben uns so gefreut." Am Donnerstag habe er ebenfalls auf dem Weg zur Buchmesse von der Wahl für Mo Yan erfahren. Sein Eindruck sei, dass es ein sehr diffuses Moralsystem im Westen gebe.

Die Kraft zu schreiben, auch wenn seine Aufzeichnungen mehrfach beschlagnahmt worden seien, habe mit seinem Wunsch nach Wahrheit zu tun. Ihm mache der Gedanke große Angst, dass seine Erfahrungen und Erlebnisse in Vergessenheit geraten könnten. Diese Angst treibe alle um, die 1989 Opfer des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens geworden seien. "Mo Yan ist bereit, das Massaker zu vergessen", sagte Liao.

Vier Jahre Schande und die Demütigungen

Liao sprach auch von den vier Jahren, die er im Gefängnis verbracht hatte: Das Gefängnis mache Menschen zu Hunden, sagte er. Um die Schande und die Demütigungen verarbeiten zu können, habe er das Bedürfnis gehabt, seine Erlebnisse aufzuschreiben.

In seinem neuen Buch "Die Kugel und das Opium" lässt der Autor, der sich selbst als Chronist sieht, Opfer der Ereignisse vor 23 Jahren zu Wort kommen. Der deutsche Altbundeskanzler Helmut Schmidt, der jüngst Verständnis für das Verhalten der Soldaten beim Massaker 1989 gezeigt hatte, warf er erneut "Doppelmoral" vor. Schmidt stelle wirtschaftliche Interessen über Menschenrechte, sagte er. "Menschen zu töten gehört sich nicht", betonte Liao.

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Verliehen wird die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels, dem Dachverband der deutschen Buchbranche. Überreicht wird der Preis zum Ende der Frankfurter Buchmesse in der Paulskirche, wo 1848 die für die demokratische Entwicklung Deutschlands bedeutende Nationalversammlung tagte. Die Preisträger werden von einem Stiftungsrat mit einfacher Mehrheit gewählt. Der Rat setzt sich aus Mitgliedern des Börsenvereins sowie Persönlichkeiten aus Kultur und Wissenschaft zusammen.

Zu den bekanntesten Preisträgern gehören Albert Schweitzer (1951), Hermann Hesse (1955), Astrid Lindgren (1978), Siegfried Lenz (1988), Vaclav Havel (1989) und Mario Vargas Llosa (1996).

(APA/dpa)

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