Der Film appelliert mehr an den Spieltrieb des Menschen als die Literatur, oder?
Daniel Kehlmann: Allerdings, vor allem die Herstellung eines historischen Films. Man kommt aufs Set, alle sind verkleidet. Alle diese wunderbaren Orte aus einer anderen Zeit sind aufgebaut und rekonstruiert.
Gab es auch Pleiten, Pech und Pannen?
Nein. Gott sei Dank hat im Wesentlichen alles geklappt. Wenn etwas Wichtiges nicht geklappt hätte, wäre der Film gescheitert. Es war eine große Produktion mit einem sehr knapp kalkulierten Budget: 31 Drehtage, 10,5 Millionen Euro. Das war wirklich wenig. Noch nie wurde 3-D-Equipment auf diese Höhe gebracht – für die Dreharbeiten in Ecuador. Regisseur Detlev Buck sagte mir, dass er bei dem Film ein paar graue Haare bekommen hat.
Wie sind Sie insgesamt zufrieden mit den bisherigen Bearbeitungen Ihrer Bücher für Bühne und Film. „Ruhm“ war in Reichenau zu sehen, „Geister in Princeton“ in Graz und Berlin, „Ruhm“ wurde auch verfilmt.
Manches ist meiner Meinung nach sehr gut gelungen, anderes ehrenvoll gescheitert. Aber mehr möchte ich dazu gar nicht sagen, das sollen lieber andere beurteilen.
Ist die Bebilderung der „Vermessung der Welt“ Ihrer Ansicht nach geglückt?
Es ist ein schöner Film geworden. Ich bin wirklich beeindruckt, speziell vom visuellen Aspekt des Films.
Historische Romane sind ja ein weites Feld. Wo ordnen Sie sich da ein?
Mario Vargas Llosa oder Voltaires „Candide“ waren wichtig, der Erste für die Form, der Zweite für den Sprachstil. Ich wollte einen historischen Roman schreiben für Leute wie mich, die dem historischen Roman skeptisch gegenüberstehen. Ich habe bewusst auf Opulenz verzichtet, die Erzählung sollte ganz knapp sein. Da war es ein echtes Experiment, dass der Film den umgekehrten Weg gegangen ist und die Opulenz wieder hergestellt hat.
In einer kleinen Rolle treten Sie selbst im Film auf – als unheimlicher Mann, der im Wesentlichen nur einen Satz sagt: „Wir wissen Bescheid“ über Alexander von Humboldt. Ist das eine Anspielung auf dessen Homosexualität?
Es bleibt absichtlich unklar, was der unheimliche Mann mit diesem Satz meint. Er könnte die Homosexualität Humboldts meinen, aber auch dessen antimonarchistische Ansichten und seine Verbindungen zu den Republikanern. Es gibt einen südamerikanischen Film über Humboldts Reisen, in dem sich Humboldt und Aimé Bonpland, sein Reisegefährte, anschmachten. Das fand ich schrecklich. Bei mir ist Humboldt ein Mann, der seine Homosexualität verdrängt. Es gibt da verschiedene Theorien. Hans Magnus Enzensberger hat geschrieben, dass Humboldt seine Homosexualität für damalige Verhältnisse sehr offen ausgelebt habe. Man kann das wirklich sehr unterschiedlich interpretieren. Wenn Humboldt einen Geliebten hatte, war das ein junger Mann namens Carlos Montúfar, der einen Großteil der Expedition begleitet hat. Ich habe über Montúfar in meinem Essayband geschrieben. Im Roman war es mir aber wichtig, der weltliterarischen Tradition von zwei Reisenden zu folgen, ich dachte an Don Quijote und Sancho Pansa. Eine erotische Beziehung zwischen diesen beiden, das passt einfach nicht. Bonpland schläft bei mir auf allen Etappen der Reise mit Frauen. Humboldt ärgert das, nicht weil er eifersüchtig ist, sondern weil Bonpland seine Sexualität ausleben kann und er nicht.
Sind Sie selbst viel gereist?
Ich bin viel gereist, und ich reise immer noch mehr als mir lieb ist. Flugangst habe ich nicht, aber Flughafen-Angst. Diese toten Zonen, durch die man sich durchkämpfen muss, das Anstehen und Herumirren, das ist der wahre Albtraum. Ich habe manchmal das Gefühl, ich reise so viel wie Humboldt und so ungern wie Gauß.
Am 8. November wird im Theater in der Josefstadt „Der Mentor“, ein Stück von Ihnen, uraufgeführt. Ist das eine Satire auf den Literaturbetrieb wie „Ich und Kaminski“ eine Satire auf den Kunstbetrieb war?
Das Stück ist eine Komödie, aber es stellt eine ernste Frage: Wie kann man als Künstler je wissen, ob das, was man macht, Wert hat? Immer mehr wird einem klar, dass es keine objektive Instanz und keine Gewissheit gibt. Es geht um einen alten und einen jungen Dramatiker, die im Zuge eines Mentor-Projektes aufeinandertreffen. Die beiden kommen überhaupt nicht miteinander zurecht – und bald sagt der eine dem anderen, dass er seine Arbeit für wertlos hält.
Ist Ihnen das auch schon einmal passiert?
Bisher noch nicht, weil die Leute höflich sind. Auf der Bühne kann man eine Situation herstellen, in der die Barrieren der Höflichkeit fallen. Auch Privates spielt herein. Der junge Schriftsteller kommt mit seiner Frau, die den alten Schriftsteller verehrt. Mehr sollte ich aber nicht verraten.
Als „Die Vermessung der Welt“ fertig war, wussten Sie, dass das ein Bestseller wird?
Ich hatte die Hoffnung, dass das Buch ein Erfolg wird. Ich dachte an 40.000 bis 50.000 verkaufte Exemplare. Inzwischen sind es weltweit zweieinhalb Millionen. In Taiwan und Island stand das Buch auf Platz eins der Bestsellerliste, ich habe keine Ahnung warum.
Vermessen wir die Welt heute noch?
Sicher! Nicht geografisch. Aber etwa in der Neurologie werden ständig Entdeckungen gemacht, die unsere Idee davon erweitern, was das menschliche Bewusstsein ist und wer wir selber sind. Ich habe im letzten Jahr begonnen, mich mit dem zu befassen, was im englischen Sprachraum „Philosophy of mind“ heißt: Philosophen beschäftigen sich damit, was wir von der Neurologie für unser Menschenbild lernen.
Existiert das Ich?
Das ist die große Frage. Unter Umständen nicht. Vieles, was wir aus der modernen Wissenschaft lernen, lässt ahnen, dass es sehr fraglich ist, ob unser Ich mehr ist als ein temporärer Prozess, eine Art Modell.
Schockiert Sie das?
Ja.
Die Aussicht, dass nicht nur der Körper nach dem Tod zerfällt, sondern auch der Geist, ist für unseren Individualismus nicht erbaulich.
Der Geist existiert, er existiert aber nicht auf die absolute Weise, die wir uns traditionell vorstellen, sondern möglicherweise nur als temporäre Funktion der Materie in unserem Gehirn. In uns ist sozusagen keiner zu Hause. Das ist ein Schock, dem wir uns aussetzen sollten. Das kann man ebenso wenig einfach abwehren wie die Entdeckungen Darwins. Wenn man Darwin zu Ende denkt, sind wir nicht gewollte Wesen im Universum. Kardinal Schönborn hatte aus seiner Sicht recht, sich zum „intelligent design“ zu bekennen. Denn das Darwin'sche und das christliche Weltbild lassen sich nicht gut zur Deckung bringen.
Glauben Sie an Gott?
Da würde ich die Antwort des französischen Mathematikers, Physikers und Astronomen Pierre-Simon Laplace wählen: Man braucht diese Hypothese nicht. Die Wissenschaftsgeschichte der letzten 200 Jahre war eine Folge von Entdeckungen, die uns gezeigt haben, dass die Welt viel verwirrender ist und wir in ihr viel heimatloser sind, als wir es gerne glauben wollten. Heute merken wir, dass unsere traditionelle Vorstellung von „Ich“ und „Seele“ stark anzweifelbar ist. Wahrscheinlich gibt es kein „Ich“ und wir beide sitzen auch nicht hier und sprechen miteinander. Es läuft nur ein Prozess ab, aber an ihm sind keine Personen beteiligt. So schockierend ist das dann allerdings auch wieder nicht, denn die Buddhisten haben das immer schon gesagt.
1981: Die Familie zieht nach Wien. Kehlmann absolviert das Kollegium Kalksburg. Er studiert Philosophie und Literaturwissenschaft.
2003: Erster internationaler Erfolg mit dem Roman „Ich und Kaminski“.
2005: „Die Vermessung der Welt“ wird ein Sensationserfolg. 2009 folgt „Ruhm“.
2011: „Geister in Princeton“ über den Mathematiker Kurt Gödel wird in Graz uraufgeführt und auch in Berlin gezeigt. Kehlmann erhält den Nestroy-Theaterpreis für dieses Stück.
Mathematiker, Astronom, Geodät, Physiker. Mit 21 Jahren veröffentlichte er seine „Disquisitiones Arithmeticae“ und erschuf die moderne Zahlentheorie. Auf ihn gehen die nichteuklidische Geometrie und die Gaußsche Osterformel zurück.
Alexander von Humboldt (1769–1859)
Forschungsreisen führten ihn nach Lateinamerika, in die USA, nach Zentralasien. Feldforschung betrieb er u. a. in Physik, Chemie, Geologie, Mineralogie, Astronomie, Zoologie, Ethnologie.
»Die Vermessung der Welt«
Das Buch (Rowohlt) beleuchtet Skurrilitäten und Schwierigkeiten großer Geister im Umgang mit sich und der Welt, das gemeine und intellektuelle Leben der Zeit, aber auch die Grausamkeit des Kolonialismus. „Eine Satire auf die deutsche Klassik, ein Abenteuerroman, ein Abbild des Bürgertums am Beginn des 19. Jh.s“ schrieb „Die Zeit“. Der Roman ist in 46 Sprachen übersetzt.
Detlev Buck, Regisseur der »Vermessung«
Geboren 1962 in Schleswig-Holstein, drehte u. a. die Travestie-Komödie „Rubbeldiekatz“ (mit Matthias Schweighöfer), den Kinder- und Jugendfilm „Hände weg von Mississippi“, „Knallhart“ (mit David Kross). „Die Vermessung“ kommt am 25. 10. ins Kino.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2012)
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