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Dicht: Mayröckers „Reise durch die Nacht“ in Köln

16.10.2012 | 18:11 |  EVA PFISTER (Die Presse)

Katie Mitchell inszeniert den Text als Filmwerkstatt. Alles ist atmosphärisch dicht und ergibt tatsächlich einen spannenden Film, der Lebensangst und Einsamkeit vermittelt Teilweise mit zu viel Action.

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Die „Reise durch die Nacht“ ist eine düstere Fahrt: Zurück von einem misslungenen Urlaub in Frankreich liegt die Icherzählerin schlaflos im Abteil, unter ihr der Gefährte, der ihr fremder denn je erscheint, in ihrem Kopf machen sich Albträume breit. Natürlich ist diese Reise auch existenziell gemeint: Wenn sie zu Ende geht, „ist mein Leben bald ausgeschwitzt, der endlose Krampf überwunden“. Friederike Mayröcker schrieb diesen Text vor 30 Jahren, da war sie erst 57 Jahre alt, aber Angst vor dem Alter ist darin ebenso Thema wie das Aufspüren verschütteter Kindheitserinnerungen. Natürlich ist nichts geradlinig erzählt, sondern zeigt die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Schreiben.

Die britische Regisseurin Katie Mitchell inszeniert ebenso wenig geradlinige Geschichten. In ihren letzten Arbeiten am Schauspiel Köln ließ sie Geräusche entstehen, während sich Texte von Kroetz, Virginia Woolf oder W. G. Sebald in dieser Tonwerkstatt verdichteten. Mayröckers „Reise durch die Nacht“ hat sie nun als Filmwerkstatt inszeniert. Die Bühne ist zweigeteilt: Über einem nachgebauten ÖBB-Schlafwagen flimmern die Bilder, die darunter mit Live-Cams gerade aufgenommen werden. Dazu gleiten in einem vorproduzierten Film nächtliche Landschaften vorüber.

 

Fahrt ins Ungewisse

Im Gewusel von schwarz gekleideten Kameramenschen bewegt sich die Schauspielerin Julia Wieninger souverän als melancholische Reisende, die ihr Leid stumm durch Mimik und Körpersprache ausdrükt, während in einem Nebenabteil eine Sprecherin einzelne Sätze rezitiert. Zuweilen eröffnen sich Räume der Erinnerungen, eine Mutter, ein Vater sind momentweise zu sehen, aber die Szene erschließt sich lange nicht. Das alles ist atmosphärisch dicht und ergibt tatsächlich einen spannenden Film, der Lebensangst und Einsamkeit vermittelt – und den Reiz einer Fahrt ins Ungewisse.

So weit ist Mitchell eine kongeniale Umsetzung von Mayröckers Prosa gelungen. Doch als hätte sie die Angst gepackt, dass zu wenig geschieht, setzt sie plötzlich auf Action: Die Frau lässt sich mit dem Schaffner in ein sexuelles Abenteuer ein, bleibt noch verzweifelter zurück als davor, am Morgen folgt ein Duell der Rivalen – ja, in welchen Film sind wir denn da geraten? Auch die Erinnerung wird aufgeschlüsselt: Der Vater schlägt der Mutter ins Gesicht und versucht anschließend eine kaputte Babypuppe zu reparieren. Das ist psychoanalytisch so platt wie erzähltechnisch und hat mit Mayröcker wenig zu tun. Und unnötig ist es auch: Der allmählichen Verfertigung der Bilder zuzusehen, ist spannend genug.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2012)

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