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Ulitzkaja: „Russland wird zivilisiert – oder schrecklich!“

18.10.2012 | 17:41 |  Von Anne-Catherine Simon (Die Presse)

Die große russische Autorin erzählt von der Punkband Pussy Riot, wachsender Stalin-Nostalgie und Putins Infantilität. Ljudmila Ulitzkaja ist als Stargast beim Festival „Literatur im Nebel“ im Waldviertel zu hören.

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Zwei Tage hat sie während des Prozesses gegen die Punkband Pussy Riot im Gerichtsgebäude verbracht, als Zeugin der Verteidigung. „Als die Frauen in Handschellen vor mir durch das Stiegenhaus geführt wurden, umringt von Polizisten und einem Polizeihund, war mir nicht klar, wen der Hund nun eigentlich schützen soll – die Polizisten vor den Frauen oder umgekehrt? Eine Stunde nach Sitzungsbeginn ist dem Hund schlecht geworden, er hat schrecklich zu bellen und zu jaulen begonnen.“ Ihr schien das eine sehr treffende Reaktion angesichts dessen, was da passierte.

Ljudmila Ulitzkaja ist an diesem Wochenende als Stargast beim Festival „Literatur im Nebel“ im Waldviertel zu hören. Sie gehört nicht nur zu den berühmtesten Schriftstellern Russlands, sie ist auch im Westen sehr beliebt. Die Begeisterung der Literaturkritikerin Elke Heidenreich für ihre Frauenporträts etwa machte den Erzählband „Die Lügen der Frauen“ in Deutschland zum Bestseller. Ihre Romane sind von „echt“ russischer Weite, wie man sie an Tolstoi und Dostojewski liebt.

„Sie beschuldigen meine Generation“

Diese Bücher umspannen große Teile des (zwanzigsten) Jahrhunderts. In „Daniel Stein“ schildert sie eine schier unglaubliche reale Lebensgeschichte, jene des in Polen geborenen Juden Oswald Rufeisen, der im Zweiten Weltkrieg Partisan wird und danach in Israel versucht, jüdisch-christliche Gemeinden nach dem Vorbild der christlichen Urkirche aufzubauen. Der heuer auf Deutsch erschienene Roman „Das grüne Zelt“ dagegen ist, wie Ulitzkaja der „Presse“ erzählt, der Versuch einer Rechtfertigung.

„Ich wollte meine Generation rehabilitieren. Ein großer Teil der heutigen Jugend sieht die 60er-Generation sehr negativ, die Jungen beschuldigen sie, für das heutige russische Schlamassel verantwortlich zu sein. Ich wollte zeigen, dass diese Generation die erste war, die sich die Freiheit gewünscht und viel dafür getan hat, sie zu schaffen. Der Umstand, dass die in sich selbst zerfallene Sowjetmacht in den 1990er-Jahren in die Hände früherer Parteifunktionäre geraten ist, daran ist nicht diese Generation schuld, sondern nur dass sie zu schwach war.“ Auch die wachsende Stalin-Nostalgie breiter Schichten – „man überlegt sogar, Wolgograd wieder in Stalingrad umzubenennen“ – beunruhigt sie sehr.

„Putin denkt keine drei Schritte weit“

Ihre Großväter verbrachten Jahrzehnte in stalinistischen Lagern, sie selbst wurde als Genetikerin mit Berufsverbot belegt, weil sie verbotene Bücher verteilt hatte. Putin nennt sie „infantil – ein infantiler Mensch kann unter bestimmten Umständen sehr gefährlich sein, weil er keine drei Schritte weit denkt.“

Ulitzkaja arbeitet gegen die Infantilität, u. a. mit kinderpädagogischen Aktionen. „Es gibt kaum noch gute Pädagogen, wie wir sie in unserer Jugend an der Moskauer Uni hatten, wir können unsere Jugend nur bemitleiden. Ein guter Pädagoge hilft, Gut von Böse zu unterscheiden.“ Was sie von der Ansicht halte, die Russen seien nicht „reif“ für eine westliche Demokratie? „Unsinn. Der ,dritte Weg‘, den diese sogenannten Patrioten verkünden, existiert nicht. Entweder Russland wird ein zivilisiertes europäisches Land oder . . . Ich habe Angst, mir das Schreckliche vorzustellen, das sonst passieren wird.“

Auf einen Blick
„Literatur im Nebel“ lädt jedes Jahr im Oktober einen berühmten internationalen Autor ins Waldviertel ein. Heute, Freitag und Samstag ist nun die 1943 geborene Ljudmila Ulitzkaja zu Gast. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem „russischen Booker Preis“ und dem „Prix Simone de Beauvoir“. Weiterer Gast des Festivals: Chruschtschow-Enkelin Nina L. Khrushcheva. Frühere Gastautoren waren Salman Rushdie, Amos Oz, Jorge Semprún, Margaret Atwood, Hans Magnus Enzensberger und Nuruddin Farah.

WEITERE INFORMATIONEN UNTER
www.literaturimnebel.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.10.2012)

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16 Kommentare
Gast: Dmitrij
21.10.2012 18:06
0 0

Ein Kommentar aus Russland

Ich wohne in Russland und habe kein Buch von Ulitskaja gelesen.

Und diese Unsinn uber "Putin's drei Schritte". Vor einem Jahr war er ein schlauer Manipulant, der die Operation "Nachfolger" organisierte. Jetzt ist er naiv und infantil. Das ist einfach toll! So verdient russische Opposition westliche Praemien.

Warum hat die Familienname Khrushchev zwei verschiedene Schreibweise (" Chruschtschow-Enkelin Nina L. Khrushcheva")?

Ja, ja, Ulitzkaja, ist Tolstoi und Dostojewski gleichzusetzen.

Und Pussy Riot dem genialen amerikanischen Popsänger und Gesellschaftskritiker Bob Dylan!

Der Westpropaganda ist wirklich kein total unangebrachter Vergleich zu dumm.


Wo war denn die Märchentante Ulitzkaja,...

...als sich die vom Westen hofierten russischen Präsidenten, der hilflose Teddybär Gorbatschow und der Hochleistungstrinker Jelzin, mit voller Kraft bemühten, Russland in den Untergang zu führen? Und Russland an allen Enden und Ecken ausgeplündert wurde? Wobei riesige Mengen an Vermögen auch auf kriminelle Weise ins westliche(!) Ausland geschafft wurden.

Wo war diese Ignorantin, als die Staatsgewalt und Verwaltung in ganz Russland zusammenbrachen? Als viele Menschen Selbstmord machten, weil ihre Gehälter ausblieben? Und kein Russe wusste, ob es überhaupt noch ein Morgen geben wird?

Als übrigens auch der Westen bereits davon sprach, dass Russland in Auflösung begriffen sei. Und Länder, wie z.B. die USA, GBR, die NATO-Länder sowie andere gewohnheitsmäßigen Kriegshetzer, Russland wegen seiner eklatanten Schwäche überhaupt nicht mehr ernst nahmen?

Also, in Russland scheint diese Dame vor Putin nicht gewesen zu sein. Vielleicht sollte man ihr eine Geschichtsstunde spenden.

Muss man wirklich immer den westlichen Propaganda-Stumpfsinn über sich ergehen lassen?

Re: Wo war denn die Märchentante Ulitzkaja,...

Zeige mir, bitte, einen einzigen ganz normalen Menschen, sei er oder sie auch ein Dichter, eine Dichterin, oder WAS auch immer, der ALLEINE Etwas ausrichten hätte können, gegen den Wahnsinn der herrschenden Politik, und dies weltweit!

Ihren Vorwurf könnten Sie auch an Jesus richten! Auch ER hatte keine wirklichen Waffen gegen das Römische System seiner Zeit!

Sind Sie Russischer Lobbyist? Was zahlt man Ihnen für diese Absonderung von Absurdität? Oder sind Sie einfach nur naiv?

Gggrrrrrrrhhhhh!

Sie haben vergessen anzuführen...

...was Ulitzkaja gegen die Anarchie getan hat, die unter den russischen Präsidenten herrschte, die vom Westen hofiert wurden.

Nützen Sie doch die Gelegenheit und zitieren Sie, was sie in den westlichen Medien dazu gesagt hat.

Wir freuen uns über jeden Link, den Sie uns geben. Auch über Links zu Stellungnahmen von Chodorkowski (der lt. EU-Gerichtshof rechtsmäßig wegen Wirtschafts- bzw. Finanzverbrechen verurteilt wurde) oder von Kasparow.

Komisch, ich habe von beiden noch keine Kritik an den damaligen Zuständen in Russland gelesen. Obwohl die beiden so wie zig andere Putinkritiker breitesten Zugang zu westlichen Medien haben.

Muß also wirklich eine tolle Zeit für die Russen gewesen sein. Nur wird es kaum Russen geben, die das auch so gesehen haben.

Gast: Neugieriger
19.10.2012 18:03
0 0

Darf man fragen

welcher Glaubensgemeinschaft die werte Frau Künstlerin angehört? Etwa der gleichen wie die Pussies?

"Wolgograd soll wieder Stalingrad heißen"...

...und wann wird aus Kaliningrad endlich wieder Königsberg? zur Info: Kalinin war wie Stalin ein Menschenschlaechter und Verbrecher!

Gast: Lecter
19.10.2012 13:55
2 0

Putin infantil?

Klar. Man wird ja so mir nix dir nix hochrangiger KGB Offizier, Ministerpräsident und Präsident, wenn man keine drei Schritte vorausdenken und planen kann.
Und die ach so hochgelobte "westliche Demokratie"? Wer glaubt den den Dreck noch?
Na, Hauptsache Madame glaubt zu wissen, was "gut" und was "böse" ist.

Russland Bashing..

..und sonst nichts.
Warum Putin infantil sei, lässt sie auch offen.
Und die "westlichen Demokratien" würde ich auch nicht unbedingt als Hort der Freiheit bezeichnen, Österreich hat auch nur eine halbfreie Planwirtschaft mit eigentumswirtschaftlicher Basis.

Antworten Gast: Kleisthenes3000
19.10.2012 14:09
0 1

Re: Russland Bashing..

Dann nennen Sie doch mal ein paar freiere Gegenden als good old Europe!

Gast: ZARA
19.10.2012 11:22
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Also was jetzt?

Will sie eine Pussy Riot-Gesellschaft oder ein zivilisiertes Russland?

Werte Frau Simon!

"Pussy Riot" ist KEINE Punkband, weil sie nämlich gar keine Band sind, sondern eine dumme Bande von Chaoten.

Re: Werte Frau Simon!

na Gott sei Dank gibt es Leute wie Sie, die uns die Welt erklären.

Gast: putinfan
18.10.2012 21:39
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Naja, Putin denkt schon weit

in Russland ist - verglichen mit den Jelzin-jahren, viel gut gelaufen, und einiges falsch gelaufen.

Verglichen mit den EU-Politikern denkt Putin aber anscheinend sehr viel, denn die EU hat gegenüber Russland immer den kürzeren gezogen; abgesehen davon dass die Projekte de EU alle gegen die Wand gefahren sind (Nabucco, EURO, Schuldenkrise, etc.).

Putin hat Russland ganz gut aufgestellt (Vervierfachung der EInkommen, Abbau aller Schulden, 3.grösste Devisenreserven von 550 Mrd. $, Geburtensteigerung, alle Kritik heute ist motiviert und durchschaubar, denn es wird im Westen immer ausgeblendet welche geschichte Russland hinter sich hat, und welche positive entwicklung seit Antritt Putins dort stattfand!

Putin denkt viell. nru 2 Schritte weit, die EU-Politiker denken anscheinend garnicht im Voraus, und für Jelzin "wurde gedacht" (von den US-gesteuerten Oligarchen die im Auftrag des US-Finanzkapitals aus Russland eine Rohstoff-kolonie machen sollten und von Putin verjagt wurden).

Vielleicht stammt daher der Hass und die Hetze gegen Putin in den Westmedien?

Denn - wieso wird immer Putin kritisiert udn angefeindet, es gäbe doch gegenüber Israel, Saudi-arabien oder anderen Ländern vielmehr Kritik - davon liest man aber selten was...

Es ist Propaganda, mehr nicht, und Putin weiss das!

Antworten Gast: Kleisthenes3000
19.10.2012 14:11
0 0

Re: Naja, Putin denkt schon weit

Dass ein Putin-Fan zu Pro-Putin-Propaganda neigen dürfte, weiss allerdings auch jede*r... ;-)

Gast: Gut informiert
18.10.2012 20:59
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war nie eine grosse Authorin

nur ind er Phantasie von bestimtmen Medien, von denen jeder weiss, auf welcher Seite sie stehen und welche Lügen sie verbreiten. Sie gehört zu den vielen Leute, die sich mit Preisen und Auszeichnungen gegenseitig überhäufen. In Wirklichkeit ist nichts dahinter