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Mira Magén: Wodka, Brot und Leben

10.11.2012 | 18:25 |  von Clementine Skorpil (Die Presse)

In Mira Magéns Buch entscheidet sich eine Bankerin für den Zauber des einfachen Lebens. Das geht so lange gut, bis ihr Mann ebenfalls auf den Geschmack kommt.

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Wie viele Schicksalsschläge braucht es, um durch alle Netze zu fallen? Manchmal genügt einer. Amia ist eine erfolgreiche Bankerin, ihr Mann Gideon Strafverteidiger, der für seine brillanten Plädoyers von seinen Kollegen bewundert wird. Als Amias Eltern – beide Holocaust-Überlebende – sterben, hängt sie ihre Bankkarriere an den Nagel und übernimmt das marode Lebensmittelgeschäft. Statt mit Zahlen zu jonglieren, sortiert sie nun Eier und stapelt Olivendosen. Es ist das einfache, klare Leben einer Lebensmittelhändlerin, das sie anzieht, und sie kann sich das auch leisten. Denn Gideon verdient gut.

Doch eines Tages will auch er plötzlich Einfachheit und Klarheit, verlässt seine Arbeitsstelle und wird Fischer in Eilat. Amia zieht aus der gemeinsamen Wohnung aus und mietet mit ihrem fünfjährigen Sohn Narvad ein kleines Haus in einem Dorf außerhalb der Stadt.

Das Buch spielt in Israel. Die politische Situation ist jedoch von untergeordneter Bedeutung, es wird kaum über Anschläge berichtet, die Konflikte mit den Arabern werden nur am Rande erwähnt. Etwa wenn Amia einen Araber im Geschäft beschäftigt und ihr strenggläubiger Bruder fragt, ob man die Stelle nicht mit einem Juden hätte besetzen sollen. Statt der Weltpolitik geht es um die Familie, das Geschäft, das Dorf. Und um Wodka, der den Geist gnädig benebelt, sodass das Leben erträglich wird. Wodka ist aber auch ein Hund, den Narvad geschenkt bekommt und der ihn davon ablenkt, dass er plötzlich vaterlos ist. In Amias kleinem Kosmos gibt es auch eine Katze, Vögel und einen Pfau.


Ist Gott Freund oder Feind? Und es gibt Gott, mit dem Amia in ständigem Dialog steht. Anders als ihr Bruder ist sie unentschlossen, ob sie sich für oder gegen ihn entscheiden soll. Und anders als er erfährt sie ihn auf zweifache Weise: Einmal als den strengen Gott, der es zulässt, dass eine Siebzehnjährige wegen einer minimalen Verfehlung von ihrer Familie ausgestoßen wird und auf sich allein gestellt ist. Und dass ein kleiner Bub durch eine Unachtsamkeit sterben muss. Am Tod dieses Jungen zerbricht schließlich dessen ganze Familie.

Aber Gott ist auch milde und ausgleichend. Er nimmt nicht nur, er gibt auch. Amias Mann erzählt ihr bei einem seiner raren Besuche, dass er seine Gefühle verloren habe. Wenig später bekommt Sohn Narvad die bereits erwähnte Katze. Er hat beim Gespräch der Eltern das Wort Emotion aufgeschnappt, und so tauft er nun sein Haustier. Was Amia zu der Feststellung verleitet, dass man zwar eine Emotion verloren, dafür aber eine andere bekommen habe.

Magén schreibt diese zutiefst menschliche Geschichte mit großer Sorgfalt, aber auch mit viel Humor. Und zwar nicht die distanzierte, besserwisserische Art von Humor, sondern die, die einen trotzdem lachen lässt. Stark und einprägsam sind ihre Bilder und einfach und schlicht ihre Sätze. Und doch voll zarter Poesie (die dank der großartigen Übersetzung auch in der deutschen Fassung erhalten blieb). Überhaupt ist viel Zartheit in dem Buch. Vor allem, wenn es um die Beziehung zwischen Amia und ihrem Sohn Narvad geht. Reich an Details, die die ausgeprägte Beobachtungsgabe der Autorin erkennen lassen, wird geschildert, wie aufmerksam sich Amia ihrem Sohn zuwendet, wie genau sie jede Regung seiner Seele, seine Trauer und Angst wahrnimmt.

Wider die Angst. Wie geht man mit diesen Gefühlen um in einem Land, in dem die Angst allgegenwärtig ist? Mira Magéns Buch könnte als Empfehlung gelesen werden, sich ihr zu stellen, nicht auszuweichen, ihr, wie es im Klappentext des Buches heißt, etwas entgegenzusetzen. Amia tut das, indem sie ihr Schicksal annimmt, sich nicht dagegen sträubt, sondern sich dem widmet, was gerade jetzt zu tun ist. Sie kümmert sich um das Geschäft, die Menschen in ihrem Dorf und ihren Sohn. Und sieht, dass diese unverbeulte, nicht hinter Schutzwällen verborgene Kinderseele nicht nur beschützt werden muss. Dass es gerade dieses offene Herz ist, das Orientierung und Halt bietet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2012)

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