Diskriminierungsteufel steckt in "Pippi Langstrumpf"

14.11.2012 | 09:24 |  ANNE-CATHERINE SIMON (Die Presse)

Laut „Daily Mail“ plant das Europäische Parlament, Kinderliteratur mit veralteten Rollenklischees aus dem Verkehr ziehen. Da bliebe kaum ein Klassiker übrig.

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Erst will die EU Brettljausen abschaffen, krumme Gurken, Salzstangerln, das Wort Marmelade und Kellnerinnen-Dekolletés, und jetzt auch noch das: Den Kindern sollen die guten alten Kinderbücher weggenommen werden! Wer's nicht glaubt, lese die britische Zeitung „Daily Mail“. Unter dem Titel „Jetzt hat es Brüssel auf die ,Fünf Freunde‘ abgesehen!“ berichtet sie, das Europäische Parlament wolle Kinderliteratur mit veralteten Rollenklischees aus dem Verkehr ziehen.

Demnach wären etwa die Klassiker von Enid Blyton, „Peter Pan“ und „Paddington Bear“, gefährdet. Aber was ist mit Astrid Lindgren? Immerhin sind in „Wir Kinder aus Bullerbü“ die Buben schlimm und bauen Baumhäuser, während die braven Mädchen mit Puppen spielen. Und selbst „Pippi Langstrumpf“ wartet mit einer stets adretten, ängstlichen Annika auf.

Einige deutschsprachige Online-Medien haben die Nachricht schon aufgegriffen und sehen sich in ihren Warnungen vor dem „Genderwahn“ bestätigt. Tatsächlich betont besagter Bericht (der wie hunderte andere Ausschussberichte völlig folgenlos bleiben wird), „wie wichtig es ist, die Konfrontation der Kinder mit Geschlechter-Stereotypen vom frühestmöglichen Alter an zu verringern“.

Verabschiedet wurde der Bericht „über die Beseitigung von Geschlechter-Stereotypen in der EU“ vom Ausschuss für die Rechte der Frau und die Gleichstellung der Geschlechter. Als wichtige Rollenbildner für Kinder werden darin Fernsehserien und -werbung, Schulbücher und Erziehungsprogramme genannt. Von Kinderbüchern keine Spur.

Ganz unrecht haben die Kritiker aber nicht. Denn aus den Forderungen lassen sich alle möglichen impliziten Schlüsse ziehen. Unterzöge man die gesamte Schullektüre einer Gendergerechtigkeitsprüfung, bliebe tatsächlich kaum ein Kinderbuchklassiker übrig. Enid Blyton hat zum Beispiel eindeutig schlechte Karten. „Soll ich das Geschirr am Fluss spülen oder in dem kleinen Ausguss?“, fragt die zehnjährige Anne in „Fünf Freunde“: „Ich weiß nicht, was schöner wäre.“

Aber der Diskriminierungsteufel steckt fast überall, auch Tiergeschichten sind vor ihm nicht sicher. In den Märchen kommen viel mehr männliche als weibliche Tiere vor. Und Untersuchungen haben gezeigt, dass viele Mütter, wenn sie ihren Kindern vorlesen, die Tiere in den Geschichten als männlich identifizieren, sogar grammatikalisch geschlechtsneutrale Märchenwesen.

Für die Genderpolitik gibt es also noch viel zu tun. Und was machen einstweilen die Kinder? Sie lesen die Bücher so, wie es ihnen gefällt. Ein Mädchen, das Lindgrens Annika nicht mag, hält sich an Pippi, wenn es Blytons Anne nichts abgewinnen kann, ignoriert es sie und identifiziert sich mit der androgynen George oder einfach den Buben. Wer allen Ernstes glaubt, dass Kinder sich durch die Lektüre Peter Pans von der häuslichen Wendy und ihrer Hausmütterchen-Mama maßgeblich beeinflussen lassen, und nicht etwa von dem, was ihre Eltern und die übrigen Menschen um sie herum tagtäglich tun, braucht weniger einen Kurs in Politik als vielmehr in Psychologie.

anne-catherine.simon@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.11.2012)

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190 Kommentare
 
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Vollkommen richtig

Es stimmt wirklich, wenn man sich Kinderfilme von früher ansieht, sind die durch die Bank von Vorurteilen untermauert was die "Männer und Frauenrolle" anbelangt.

Die einzige Lösung: es für die Zukunft besser zu machen und wenn es sein muss auch Regeln innerhalb der EU dafür einzuführen; denn nur mit gut zu reden, hat sich noch nie was verändert.

danke

für den schlichtweg vernünftigen Artikel

das ergebnis spricht in seiner sinnlosigkeit für sich,

was mich schockiert, ist die tatsache, dass sich von steuergeldern hochbezahlte beamte mit solchen unthemen beschäftigen!

Geschlechtsneutrale Literatur für Kinder

Wenn man das mal weiter denkt: muss man dann nicht auch im Zuge dessen verschiedene andere Bücher wie zB Koran, Bibel umschreiben oder aus dem Verkehr ziehen? Die sind ja auch nicht geschlechtsneutral.

Re: Geschlechtsneutrale Literatur für Kinder

sie haben völlig recht! zudem gehören auch alle anderen schriftwerke auf politische korrektheit überprüft und entsprechend entschärft: othello, der mitbürger etwas südlicheren teints von venedig, maxIn und moritzIn, il traviatus, die lustigen weiblichen mitbürgerinnen von windsor...

ich finde wir sollten schleunigst einen antrag an die eu stellen, schließlich müssen die kommissionen und ausschüsse ja beschäftigt werden!

Die haben Probleme in Brüssel.....

Millionen von Europäern ob alt oder jung spielt keine Rolle, müssen um eine halbwegs menschliche Existenz bangen.
Und diese stinkfaulen nur Sprüche klopfenden Ignoranten müssen Kinderbücher überprüfen ob genderkonform oder nicht! Wann kommt der Tag wo wir dieses Gfraster aus den Polithochburgen verjagen können.
Allzu lang werden die Menschen sich das nicht mehr bieten lassen!

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EU= Verein von Vollidioten. Ich sprach zu meinen,

vier Töchtern: Gleichberechtigung ja, aber bitte die Biologie nicht vergessen: denn wenn die Frau auch oben liegt bekommt sie das Kind und nicht der Mann.
Mal von der heitern Seite.

Was soll uns das sagen, dass ...

... die Presse ihre Infos neuerdings aus britischen Boulevardzeitungen bezieht...?

Was bezweckt Presse-OL eigentlich mit diesem Artikel?

Erst eine reißerische Schlagzeile, dann irgendwo dazwischen diskret versteckt, dass das mit den Kinderbüchern eh nicht stimmt, und schon gibt es eine Riesendiskussion, bei der vor allem Rechtsextreme ihre geistigen Ergüsse posten können. Versehen, Zufall oder vielleicht doch Absicht?

großartig

So kommen wir dem EU-Austritt Österreichs rasch näher.
Den ESM-Skandal haben leider viel zuwenige Leute verstanden. Aber auch die Einrrichtung der EU-Militärunion hätte eigentlich schon genügen müssen (EU-Battle-Group, Beistandsverpflichtung, ...)
Mit Hilfe des"Pippi Langstrumpf"-Verbots wird die EU Auflösung rasch gelingen.
BRAVO Brüssel.

Das sind erst die Anfänge

Die EU ist ein in ihren Grundzügen totalitäres System. Noch schmeißt man uns Verordnungen um die Ohren, über die wir mehr oder weniger milde lächeln und sie als Schwachsinn abtun.

Meiner Meinung nach wird sich die EU in den nächsten Jahren und Jahrzehnten der ehemaligen DDR angleichen und auch irgendwann auf ähnliche Weise zugrunde gehen.

In Spanien ist man bereits so weit, dass man systemkritische Journalisten einfach kündigt. Die EU hat aber auch aus den Fehlern der DDR und vergleichbaren Systemen gelernt. Die machen das heute wesentlich geschickter und vor allem subtiler (siehe Merkel).

Selbst die innerdeutsche Wiedervereinigung, die ja in ihren Dimensionen bei weitem nicht die Ausmaße hat, wie es eine Zwangsvereinigung kulturell ganz individuell gewachsener Staaten innerhalb des europäischen Kontinents darstellt, ist nach über 20 Jahren als gelungen zu bezeichnen. Wie soll das dann EU weit funktionieren?

Ich glaube, dass Geschichtsbücher in 100 Jahren über die EU als einen der folgenschwersten Irrwege des 21. Jahrhunderts schreiben werden, die Europa an den Rand des Abgrundes trieben.

Wir leben heute bereits in einer Kulissen-Demokratie. Wie man da wieder rauskommt? Gar nicht. Jedenfalls nicht ohne schwere, innereuropäische Unruhen und Bürgerkriegs ähnliche Zustände. Das, was wir heute schon beinahe täglich aus Spanien, Portugal, Frankreich Italien etc. sehen oder hören, sind bereits vorrevolutionäre Indikatoren dafür was uns in einigen Jahren noch alles bevorsteht.

Worum geht es eigentlich?

Der Artikel/Kommentar macht damit auf, dass die EU angeblich plane Kinderbücher zu zensieren. Am Ende des vierten Absatzes kommt es dann: im Bericht des EU-Ausschusses ist "von Kinderbüchern keine Spur". Wieso steht das nicht gleich im Aufmacher? Die ersten vier Absätze beschäftigen sich also mit einer Erfindung der Daily Mail?

Was dieser Ausschuss jetzt wirklich berichtet/fordert/... weiß man nach dem Lesen nicht.

Tja, die EU die angeblich nirgends sparen kann, weil dann elementare Aufgaben gekürzt werden müssten.

Solange man sich solch unsinnige "Ausschüsse" (in doppeltem Wortsinn) leisten kann, die solche unnötigen Studien (in denen laut Artikel u.a. analysiert wird wieviele Tiere(!) männlich und weiblich sind) in Auftrag geben, um dann absolut hirnrissige Forderungen aufzustellen, solange hat dieser Saftladen in Brüssel viel zu viel Geld.

Hungert diese Narrenanstalt die für solche Schwachsinnigkeiten unser Geld verbrät endlich finanziell aus! Und an die Adresse der EU-Fanatikern ala Swoboda und Karas: Solange wir uns sowas leisten ist JEDER CENT den wir zahlen zuviel.

Was die EU nicht versteht:

Die Menschen können sich ihr Leben ganz ausgezeichnet selber einrichten und brauchen keine Genderpolizei, die ihnen sagt, wie männlich Frauen und wie weiblich Männer zu sein haben - das zeigt nämlich nicht, dass die Gesellschaft irgendein Problem hätte, sondern vielmehr, dass mit den Genderdamen (und -herren) so einiges nicht ganz stimmt.

Offenbar werden wir von Neurotikern regiert,

oder von Despoten. Was früher unter dem Deckmantel der "entarteten" Kunst ausgemerzt wurde, soll jetzt wohl mit dem Hinweis "nicht-gendergerecht" ausgerottet werden. Bücherverbrennung 2.0. Bitte auch mit Herrn Voggenhuber und andere Apologeten eines EU-Einheitsstaates teilen.

Re: Offenbar werden wir von Neurotikern regiert,

Offenbar schreiben in diesem Forum nur Leute, die Artikel nicht lesen und sich nur von reißerischen Überschriften aufhussen lassen...

Re: Re: Offenbar werden wir von Neurotikern regiert,

Dass es sich nur um einen Bericht handelt der "wie hunderte andere Ausschussberichte völlig folgenlos bleiben wird" tut der Kritik am Inhalt keinen Abstrich. Weiters ist es ja ein Extraskandal dass der Steuerzahler einen Haufen ideologisierter Pseudointellektuelle ausbildet und beschaeftigt die genormte Denkvorlagen ihrer eigenen Ideologie gemaess produzieren.
Blyton's "5 Freunde" Serie ist nun seit 40 Jahren unter Beschuss, schoen dass es sich gegen viel schlimmeren literarischen und ideologischen Dreck behaupten konnte.

Na somit werden die Klassiker der Kinderliteratur auch wieder von den Kindern selbst nachgefragt!

Nach dem Motto: Wenn es verboten ist, dann müssen wir es erst recht lesen!

Was diese Kam pfeman zen da produzieren zeugt von einem ungeheuerlichen Minderwertigkeitskomplex! Wenn man sich so Gehör verschaffen muss, per Gesetz... armselig!

pippi

vor gut 60 jahren wurden bücher verbrannt.... heute sind wir zivilisierter. auch wenn nichts so heiss gegessen wird. holzauge sei wachsam!

Dieser Artikel ist einer "Qualitätszeitung" eigentlich unwürdig...

Zuerst eine reißerische Geschichte aufzubauen und dann in einem Nebensatz zu erwähnen, dass die eigentlich eh nicht wirklich stimmt, ist ganz schlechter Stil und hat mit obejektivem, informativem Journalismus eigentlich nichts mehr zu tun.

Re: Dieser Artikel ist einer "Qualitätszeitung" eigentlich unwürdig...

Schon aber wir erwarten uns ja auch von Politikern und Gebrauchtwarenhaendlern keinen Wahrheitsdrang, oder von einem Film dass der Inhalt echt ist. Caveat lector.

Re: Dieser Artikel ist einer "Qualitätszeitung" eigentlich unwürdig...

ja, der fleischhacker fehlt durch und durch. jede woche wirds schlimmer...

"... und sehen sich in ihren Warnungen vor dem „Genderwahn“ bestätigt. "

Frau Simon würde gut nach Brüssel passen, sonst hätte sie das Wort Genderwahn nicht unter Anführungszeichen gesetzt.

HIER beißt sich die Schlange in den Schwanz.

Die Angegriffenen "in der EU" sehen in den Kommentaren zum Artikel bestätigt, wie verdorben die alte Fehlerziehung gemacht hat.

Das ist bei religiös-fanatischen Themen immer so.

Was die brauchen?

"... braucht weniger einen Kurs in Politik als vielmehr in Psychologie."

Nein, einen Psychologen.

Die spinnen die EUInnen

Am liebsten wäre denen wahrscheinliche die altbekannte Bücherverbrennung. Alles nicht gendergerechte (was immer das auch ist) ist ja entartete Kunst.

Sind die EUInnen wirklich so dumm? Haben die nichts zu tun, außer Glühlampen, Raucherdiskriminierung, Bücherverbrennung ....

 
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Meinung

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