Ali Smith: Occupy Gästezimmer

17.11.2012 | 18:10 |  von Teresa Schaur-Wünsch (Die Presse)

Ein Mann verlässt eine schreckliche Dinnerparty. Das kann man verstehen – allerdings schließt er sichbei seinen Gastgebern im Zimmer ein. Ein seltsam kluges Sittenbild von Ali Smith.

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Man kann es ihm nicht verdenken. Die Gastgeberin erinnert an eine zitronensaure britische Version von „Desperate Housewife“ Bree Van de Kamp, ihr Mann traut sich selten etwas zu sagen. Richard spricht nur über die Überwachungsdrohnen, die sein Unternehmen produziert, Caroline schimpft über moderne Kunst, Hannah will von nichts etwas wissen und Hugo mimt den treuen Ehemann, während er heimlich mit Mark schläft. Da sind die sympathischen Eltern der neunjährigen Brooke Bayoude auch nur noch ein kleiner Trost.

Man hat also durchaus bewunderndes Verständnis dafür, wenn Miles Garth zwischen Hauptgang und Nachspeise einfach aufsteht und geht. Wer würde sich das trauen? Doch Miles geht noch weiter – nicht zur Tür hinaus, sondern hinauf in den ersten Stock, ins Gästezimmer. Und bleibt dort. Für Monate.


Bartleby in Greenwich. Die Gastgeberin ist echauffiert, die Öffentlichkeit begeistert. Miles, mit Spitznamen bald „Milo“, wird zum Popstar, bald zelten seine Fans unter dem Fenster. Gleichzeitig ist Miles ein moderner Bartleby. Bei Herman Melville war es im 19.Jahrhundert der Schreiber eines Rechtsanwalts, der eines Tages im Büro (an der Wall Street!) einzieht und mit den Worten „I would prefer not to“ jegliches gesellschaftlich erwartete Handeln niederlegt. Miles im 21. Jahrhundert ist Ethikberater für Firmen und verschließt sich in einer grünen Wohnstraße in Greenwich vor der Welt.

Dabei erfährt man über ihn kaum mehr als über Bartleby. Das wenige liefern vier Menschen, deren Leben sich irgendwann einmal mit seinem gekreuzt hat. Da ist etwa Anna Hardie, die mit ihm mit 17 in einer Europa-Reisegruppe war (und die gerade ihren Job gekündigt hat, bei dem sie Flüchtlingsschicksale in standardisiert kurze Berichte packen musste). Oder der Bildredakteur Mark, der um seinen verstorbenen Lebensgefährten trauert und die Stimme seiner Mutter hört, die sich umgebracht hat, als er noch ein Kind war, und die ihn jetzt mit Reimen verfolgt.

Überhaupt spielen bei Ali Smith Reime, Wortspiele und Andeutungen eine große Rolle (die im Zuge der Übersetzung aus dem Englischen allerdings ein wenig verloren haben dürften). Insbesondere die unverwechselbare, altkluge Brooke, der stärkste Charakter der Geschichte, macht sich die Welt zu eigen, indem sie nach Wörtern fragt und sich die Antworten einprägt. Sprache ist bei Smith der Stoff, der das Leben und seine Beziehungen zusammenhält. Aber eben auch der, der die Menschen in ihrer Einsamkeit einzementiert, wenn man sie für Party-Smalltalk missbraucht, bei dem doch nur alle aneinander vorbeireden.


Erschöpft. Wie es ist, wenn man von der Welt am liebsten nichts mehr hören und sehen will, dürfte die gebürtige Schottin Ali Smith dabei selbst erlebt haben. Die Universitätslektorin, Jahrgang 1962, musste ihre Arbeit aufgeben, nachdem sie an einem chronischen Erschöpfungssyndrom erkrankt war. Im Nachhinein gesehen ein Glücksfall: Sie begann, hauptberuflich zu schreiben, beliefert den „Guardian“ oder die Literaturbeilage der „Times“, stand zweimal auf der Shortlist des Booker Prize und ist Mitglied der „Royal Society of Literature“. Mit ihrer Lebensgefährtin lebt sie heute in Cambridge.

Nicht Cambridge, sondern Greenwich hat in „Es hätte mir genauso“ eine Hauptrolle. Als Heimatort des Nullmeridians, als Nullpunkt, von dem aus man in die eine oder die andere Richtung starten kann. (Oder den man einfach immer wieder überqueren kann, ohne willkürlich herausgefischt zu werden, weil man die falsche Hautfarbe hat, wie Brooke nach einschlägiger Erfahrung feststellt.)

So oder so kann man auch den mysteriösen Rahmen verstehen, mit dem Ali Smith ihren Roman versehen hat. Nichts ist vollkommen eindeutig, aber alles ist geschickt verwoben und zeichnet in Summe ein Bild unserer Zeit, in der man sich manchmal wünschen würde, man hätte einen Nullmeridian, an dem man sich orientieren kann. Und wie schon bei Bartleby ist es der, der im System nicht mehr mitmacht, der die Dinge ans Licht bringt.

Ali Smith: Es hätte mir genauso. Übersetzt von Silvia Morawetz, Luchterhand, 320 Seiten, 20,60 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.11.2012)

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