Eine Büchermesse mit Büchern, die keine sind

22.11.2012 | 18:46 |  ANNE-CATHERINE SIMON (Die Presse)

Saudische Koranverteiler, ein Schriftsteller, der Ratten und Thriller verkauft, und begeisterte Leser, die ihm beim Verkaufen helfen: Streiflichter von der Buch Wien, bei der Geld viel ist – aber nicht alles.

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Nur zwei Bücher bekommt man hier geschenkt: das „Eine Stadt, ein Buch“-Buch und den Koran, in allen möglichen Sprachen. Man kriegt ihn beim Saudiarabien-Stand. Geht es nach der Größe, ist dieser Stand überhaupt das Zentrum der Buch Wien, er ist so groß wie zehn andere zusammen. Auch im Literaturcafé sitzen am Donnerstagvormittag zwei Saudis auf dem Podium und erklären Sinn und Zweck des umstrittenen König-Abdullah-Zentrums für interreligiösen Dialog, das am 26. November in Wien eröffnet werden soll. Auf Arabisch.

Auf der Buch Wien präsent zu sein, kostet Geld, wer viel hat, darf sich eben ausbreiten. Albert Knorr hat nicht so viel und sich trotzdem zwei Stände geleistet. Einer davon ist dem Kinder-Hasenthriller „Sacer Sanguis Junior“ gewidmet und strotzt vor großen weißen Stoffleseratten. Es gibt sie auch klein, die verschickt der derzeit noch hauptberufliche IT-Fachmann, Autor und Eigenverleger an seine Testleser im Internet. Mindestens 500 bis 600 müssen eine Geschichte gelesen, 90 Prozent von ihnen sie gut gefunden haben, bevor Knorr sie als Buch veröffentlicht. So hat der lange, lustige Mann schon mehrere Bände seiner Thrillerreihe „Sacer Sanguis“ veröffentlicht, zuletzt den Ökothriller „Giftgrüne Gentechnik“. Weitere Regeln: Freunde und Verwandte dürfen keine Internetkritiken schreiben, und „keiner kriegt ein Buch geschenkt, nicht einmal meine Mutter“. Alles andere wäre ungerecht gegenüber den zahlenden Lesern.

 

Deutsche Fans sind extra angereist

Da er folglich kein Rezensionsexemplar verschicken könne, könne er auch nicht um staatliche Förderung ansuchen, sagt Knorr – und lacht. Die Standmannschaft besteht aus begeisterten deutschen Lesern, die sich extra Urlaub genommen haben.

Gegenüber steht Wolfgang Weiss. Er wurde vor 32 Jahren mit dem Lied „Du bist Musik“ Achter beim Songcontest, erinnert sich aber lieber an seine „wunderschöne“ Kindheit in einem SOS-Kinderdorf. Die hat er im Buch „Sechster Sechster Fünfzig“ beschrieben, nachdem er mit Burn-out aus seinem Werbeberuf ausgestiegen ist und zu schreiben begonnen hat. Er hat es selbst verlegt, ebenso wie die Kinderkrimiserie „BröselBär“ und seine Erwachsenenkrimis rund um Kommissar Meller.

Das gehört zum Sympathischsten auf der Lesefestwoche Buch Wien, die mit einer Unzahl an interessanten Veranstaltungen, etwa dem erstklassigen Kinderprogramm, jedes Jahr noch besser zu werden scheint: Geld ist dort viel, aber nicht alles. Auch jene Autoren, denen der immer mehr von Großverlagen dirigierte Buchmarkt kaum eine Chance lässt, haben hier eine. Die Verteilung der Stände etwa wird vom Alphabet regiert, was die Eintretenden gleich auf so kleine, feine Unternehmen wie den Wissenschaftsverlag Braumüller oder den Faksimile-Verlag Adeva stoßen lässt. Hildegard von Bingens Visionenbuch „Liber Scivias“ liegt dort als herrliches Faksimile.

Ein paar Schritte weiter und 1000 Jahre später ist man bei den „Digitalen Lesewelten“. Wann hört ein Buch auf, Buch zu sein? Die Frage stellt sich bei Sonys buchstabenfreiem „Buch der Zaubersprüche“. Es ist Teil eines Playstation-Spiels, lässt Bilder entstehen und verändern. Am Ende eines Kapitels wird man auf dem Bildschirm mit Textchen von J.K. Rowling belohnt. „Wonderbook“ heißt die Erfindung – noch dominiert auf der Buch Wien aber das Wunder Buch.

Buch Wien: bis Sonntag, Messe Wien (U2-Station Krieau). Sa 10–17, So 10–18 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.11.2012)

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