"Rechtfertigung ohne Religion wird zur Rechthaberei"

Der deutsche Schriftsteller Martin Walser zeigte sich im Wiener Palais Liechtenstein gewohnt spitzzüngig. Ein Festvortrag sei nicht sein Fach.

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(c) APA (Herbert Pfarrhofer)

Dem Menschen fehle die Rechtfertigung. Ihm fehle auch das Fehlen von Religion und Gott und dementsprechend vor allem an Bewegungsenergie. Zu dieser Erkenntnis kam der Schriftsteller Martin Walser am Freitagabend im Palais Liechtenstein. Im Rahmen der Jan Patocka-Gedächtnisvorlesung des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen begab sich Walser auf die Spuren von Nietzsche, Karl Barth, Augustin und Hölderlin und las aus einer Zusammenstellung seines neuesten Buches „Über Rechtfertigung, eine Versuchung“ (erschienen im Rowohlt-Verlag) und aktuellen Aufsätzen vor. Ein strenges Fotoverbot und viel Applaus begleiteten den 85-Jährigen auf die Rednerbühne in Wien.

"Ein Festvortrag ist nicht mein Fach, da müssten Sie Herrn Gauck fragen", eröffnete Walser seine Vorlesung, begab sich dann aber doch "auf die Suche nach Rechtfertigung". Gerechtfertigt zu sein, sei einmal das Wichtigste gewesen. Staaten würden sich durch Gesetze legitimieren, Regierungen durch Wahlen. Wie aber sehe das bei jedem Einzelnen aus, fragte der Schriftsteller zu Beginn seiner Gedanken.

"Fernsehen ist der Stammtisch der Nation"

Und beantwortete sich seine Frage mit einer Tour durch die Religionsgeschichte der letzten 2000 Jahre – vom Paulusbrief, über den Philosophen und Kirchenlehrer Augustin bis hin zu dem Theologen Karl Barth und seinem Gegenstück Friedrich Nietzsche. Dabei hat es dem Schriftsteller vor allem das Werk Barths angetan, das er ausgiebig zitiert: "Karl Barths Buch ist die praktizierte Zerstörung der Kulturkulisse, die uns vergessen macht, dass Rechtfertigung einmal unser Bedürfnis war."

Übrig geblieben sei nur das Rechthabenmüssen als akzeptierter Ersatz für Rechtfertigung. Denn was sei political correctness anderes als eine Domestizierung des Gewissens und eine Passe-partout-Rechtfertigung? Aus diesem Dilemma der fehlenden Rechtfertigung würden auch die schönen Künste, allen voran Literatur und Musik keinen Ausweg, sondern bestenfalls (wenn auch willkommene) Ablenkung bieten. Das Fernsehen sei ohnehin nur "der Stammtisch der Nation".

Tipps für Ungläubige

Dabei vermisst Walser vor allem das Religiöse, das er jedoch streng von der Kirche abgrenzt. Jenen, die nicht an Gott glauben, rät er, die biblischen Texte wie Romane zu lesen – fast wie "Madame Bovary". Dennoch: "Wer sich heute fast instinktiv erhaben fühlt über alles Religiöse, weiß vielleicht nicht, was er verloren hat. Polemisch gesagt: Rechtfertigung ohne Religion wird zur Rechthaberei", so Walser weiter, der beinahe ohne Pause, mit lauter Stimme und eindringlicher Gestik sprach.

Das treffe vor allem Atheisten, denn "wer sagt, es gebe Gott nicht und nicht dazusagen kann, dass Gott fehlt und wie er fehlt, der hat keine Ahnung", meinte der Autor. Ob nun gerechter oder ungerechter Gott – diese Frage beschäftigt Walser von Esau und Jakob bis Max Weber lange – jedenfalls sei eine Säkularisierung der Rechtfertigung zu diagnostizieren, an der die Theologen selbst nicht unschuldig seien. Statt aus Gott würden die Menschen ihre Rechtfertigung heute aus Pflicht und Arbeit beziehen.

"Gott fehlt offenbar nicht mehr"

Das stößt Walser an der heutigen Gesellschaft auf: "Da ich sozusagen immer schon bekennen musste, dass mir einfällt, was mir fehlt, dass der Mangel meine Muse sei, dass ich nicht sagen könne, ob es Gott gebe oder nicht gebe, dass ich nur sagen könne: er fehlt, mir fehlt er." Denn auch Walser selbst habe sein Leben im Klima des Rechthabenmüssens verbracht. "Gott wäre natürlich prima", folgert Walser. "Aber er könnte, wenn es ihn gäbe, nicht deutlicher sein, als er durch seine Abwesenheit ist. So ist er das Wort für alles, was mir fehlt."

Mit Dankbarkeit zitierte Walser weiter Nietzsche – der den Mangel nicht betäubt habe und dem Rechtfertigung ein Bedürfnis geblieben sei –, den Weckruf Barths, der die "religiöse Gemütlichkeit geradezu in die Luft sprengte" sowie Hölderlins Gedicht "Was ist Gott?". Am Ende blieb nach einer Stunde Zitatenreigen dieser "Gottesmänner" und eigener Bekenntnisse folgender Schluss: "Und was für eine Bewegungsenergie entwickeln sie genau dadurch, dass ihnen Gott fehlt. Jetzt fehlt er offenbar nicht mehr. Darum fehlt die Bewegungsenergie um der Rechtfertigung willen."

Literaturtipp:

Martin Walser: "Über Rechtfertigung, eine Versuchung", Rowohlt, 112 Seiten, 15,40 Euro.

(APA)

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