"Rechtfertigung ohne Religion wird zur Rechthaberei"

23.11.2012 | 21:43 |   (DiePresse.com)

Der deutsche Schriftsteller Martin Walser zeigte sich im Wiener Palais Liechtenstein gewohnt spitzzüngig. Ein Festvortrag sei nicht sein Fach.

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Dem Menschen fehle die Rechtfertigung. Ihm fehle auch das Fehlen von Religion und Gott und dementsprechend vor allem an Bewegungsenergie. Zu dieser Erkenntnis kam der Schriftsteller Martin Walser am Freitagabend im Palais Liechtenstein. Im Rahmen der Jan Patocka-Gedächtnisvorlesung des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen begab sich Walser auf die Spuren von Nietzsche, Karl Barth, Augustin und Hölderlin und las aus einer Zusammenstellung seines neuesten Buches „Über Rechtfertigung, eine Versuchung“ (erschienen im Rowohlt-Verlag) und aktuellen Aufsätzen vor. Ein strenges Fotoverbot und viel Applaus begleiteten den 85-Jährigen auf die Rednerbühne in Wien.

"Ein Festvortrag ist nicht mein Fach, da müssten Sie Herrn Gauck fragen", eröffnete Walser seine Vorlesung, begab sich dann aber doch "auf die Suche nach Rechtfertigung". Gerechtfertigt zu sein, sei einmal das Wichtigste gewesen. Staaten würden sich durch Gesetze legitimieren, Regierungen durch Wahlen. Wie aber sehe das bei jedem Einzelnen aus, fragte der Schriftsteller zu Beginn seiner Gedanken.

"Fernsehen ist der Stammtisch der Nation"

Und beantwortete sich seine Frage mit einer Tour durch die Religionsgeschichte der letzten 2000 Jahre – vom Paulusbrief, über den Philosophen und Kirchenlehrer Augustin bis hin zu dem Theologen Karl Barth und seinem Gegenstück Friedrich Nietzsche. Dabei hat es dem Schriftsteller vor allem das Werk Barths angetan, das er ausgiebig zitiert: "Karl Barths Buch ist die praktizierte Zerstörung der Kulturkulisse, die uns vergessen macht, dass Rechtfertigung einmal unser Bedürfnis war."

Übrig geblieben sei nur das Rechthabenmüssen als akzeptierter Ersatz für Rechtfertigung. Denn was sei political correctness anderes als eine Domestizierung des Gewissens und eine Passe-partout-Rechtfertigung? Aus diesem Dilemma der fehlenden Rechtfertigung würden auch die schönen Künste, allen voran Literatur und Musik keinen Ausweg, sondern bestenfalls (wenn auch willkommene) Ablenkung bieten. Das Fernsehen sei ohnehin nur "der Stammtisch der Nation".

Tipps für Ungläubige

Dabei vermisst Walser vor allem das Religiöse, das er jedoch streng von der Kirche abgrenzt. Jenen, die nicht an Gott glauben, rät er, die biblischen Texte wie Romane zu lesen – fast wie "Madame Bovary". Dennoch: "Wer sich heute fast instinktiv erhaben fühlt über alles Religiöse, weiß vielleicht nicht, was er verloren hat. Polemisch gesagt: Rechtfertigung ohne Religion wird zur Rechthaberei", so Walser weiter, der beinahe ohne Pause, mit lauter Stimme und eindringlicher Gestik sprach.

Das treffe vor allem Atheisten, denn "wer sagt, es gebe Gott nicht und nicht dazusagen kann, dass Gott fehlt und wie er fehlt, der hat keine Ahnung", meinte der Autor. Ob nun gerechter oder ungerechter Gott – diese Frage beschäftigt Walser von Esau und Jakob bis Max Weber lange – jedenfalls sei eine Säkularisierung der Rechtfertigung zu diagnostizieren, an der die Theologen selbst nicht unschuldig seien. Statt aus Gott würden die Menschen ihre Rechtfertigung heute aus Pflicht und Arbeit beziehen.

"Gott fehlt offenbar nicht mehr"

Das stößt Walser an der heutigen Gesellschaft auf: "Da ich sozusagen immer schon bekennen musste, dass mir einfällt, was mir fehlt, dass der Mangel meine Muse sei, dass ich nicht sagen könne, ob es Gott gebe oder nicht gebe, dass ich nur sagen könne: er fehlt, mir fehlt er." Denn auch Walser selbst habe sein Leben im Klima des Rechthabenmüssens verbracht. "Gott wäre natürlich prima", folgert Walser. "Aber er könnte, wenn es ihn gäbe, nicht deutlicher sein, als er durch seine Abwesenheit ist. So ist er das Wort für alles, was mir fehlt."

Mit Dankbarkeit zitierte Walser weiter Nietzsche – der den Mangel nicht betäubt habe und dem Rechtfertigung ein Bedürfnis geblieben sei –, den Weckruf Barths, der die "religiöse Gemütlichkeit geradezu in die Luft sprengte" sowie Hölderlins Gedicht "Was ist Gott?". Am Ende blieb nach einer Stunde Zitatenreigen dieser "Gottesmänner" und eigener Bekenntnisse folgender Schluss: "Und was für eine Bewegungsenergie entwickeln sie genau dadurch, dass ihnen Gott fehlt. Jetzt fehlt er offenbar nicht mehr. Darum fehlt die Bewegungsenergie um der Rechtfertigung willen."

Literaturtipp:

Martin Walser: "Über Rechtfertigung, eine Versuchung", Rowohlt, 112 Seiten, 15,40 Euro.

(APA)

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16 Kommentare

Gutes Bild-mir gefällt seine weltoffene und tolerante Einstellung ebenso wie sein nettes Lächeln. Sympathischer Mann!


Götter und Göttinnen

Monotheistische Glaubensrichtungen sind uninteressant und meist frauenfeindlich.

Es wird Zeit, ...

dass sich eine neue Generation von Intellektuellen wieder mit religiösen Fragen zu beschäftigen beginnt. Das Gebiet sollte nicht länger 'schwachen Denkern' (Physikern, Evolutionisten, Hirnforschern, ...) überlassen werden.

Mir fehlt nix

Ich glaube an keine Götter. Mir fehlt nichts, vor allem keine Wahnvorstellungen.
Herr Walser ist es, der keine Ahnung hat.
Keine Ahnung, wie frei man ist, wenn man sich keiner Religion unterwirft.
Keine Ahnung, wie es ist sich für andere aus eigenem Antrieb zu engagieren und nicht auf Geheiß eines unsichtbaren Überwesens.
Keine Ahnung, wie sich Widersprüche (wieso ist die Welt so schlecht, trotz "Gott" oder warum trifft dieses Unglück gerade mich?) einfach auflösen, wenn man abwegige Gottesannahmen weg lässt.
Keine Ahnung, wie man sich einen echten Sinn des Leben finden kann und sich nicht einreden muss, etwas für einen "Herrn" zu tun.

Und rechtfertigen muss und will ich mich für nichts. Dazu habe ich nicht das geringste Bedürfnis.

Re: Mir fehlt nix

Worin besteht der Sinn des Lebens, wenn alles nur ein Spiel des blinden Zufalls ist?

mir fehlt die religion sicher nicht


Die Menschheit versucht ...

... mitunter oder auch sehr ift, ihr Dasein dadurch zu bestätigen, dass sie rechthabenmuss, wenn sie die Existenz eines Gottes behauptet. Eine Rechtfertigung ist dies aber noch lange nicht dafür, Nichtgläubige, Atheisten oder Andersgläubige als Menschen zweiter Klasse zu klassifizieren. Und genau hier irrt Herr Walser, der Verteidiger des christlichen Abendlandes, weil eben gena dieser Gottesglaube nichts anderes ist als der Versuch die eigenen Untaten zu rechtfertigen. Gott, der nicht existiert, kann auch nichts rechtfertigen und ist als solcher keine Rechtfertigung, während Religion an sich, wie auch der Gottesglaube die Ursache für Kulturzerstörung und Energieumkehr ist, weil der gläubige Mensch seine Enregie nicht zur Bewegung für sich selbst verwendet, sondern diese zur Rechtfertigung einer unbeweisbaren Kategorie verschwendet. Leben statt Glauben wäre besser!

Re: Die Menschheit versucht ...

Sie irren sich gewaltig. Leben ohne Glauben gibt es nicht, weil lebensnotwendiges Wissen - und das meine ich zuerst erkenntnistheoretisch - immer einen Glaubensakt voraussetzt. Und wenn 85 bis 90 Prozent der Weltbevölkerung religiös "gläubig" sind - und das nicht erst heute - und "leben", dann steht Ihre These auf sehr schwachen Beinen.

Re: Re: Die Menschheit versucht ...

Lebensnotwendiges Wissen setzt einen Glaubensakt voraus?
Sorry, das ist Unfug. Nennen Sie mal ein Beispiel.
Tiere haben auch lebensnotwendiges Wissen, glauben aber garantiert an keine Götter.
Zum Leben werden keine Göttervostellungen benötigt. Beweise gibt es wie Sand am Meer.
Es gibt Millionen von Menschen die keinen religiösen Glauben haben.
Aber es ist klar, dass Sie diese Menschen diffamieren müssen, denn sonst wäre ihr religiöser Glauben nicht zu rechtfertigen. Die Herabsetzung der anderen ist eine der Grundmerkmale jeder Religion.

Rechthabenmüssen

Das Forum ist geöffnet, und damit für jedermann die Gelegenheit, Recht zu haben.

Fehlt das Religiöse,

fehlen die Religionskriege. Somit sei die Abwesenheit gerechtfertigt.

Re: Fehlt das Religiöse,

das ist ein bisschen eine simpl gestrickte Meinung. Denn genügend Leute führen und führten Kriege um einer Ideologie willen - dazu braucht es keine Religion. Und eu hin oder her, das wird nie aufhören, solange es Menschen gibt.

Re: Re: Fehlt das Religiöse,

Nun, aber meist sind Ideologien Religions-basiert, also ohne die Voraussetzung einer gesellschaftlich- religiös beprägten Norm nicht möglich. Rassismus oder Faschismus, Kommunismus oder Kapitalismus - alle miteinander ohne Religionen nicht denkbar!

Re: Re: Re: Fehlt das Religiöse,

da widerspreche ich ich Ihnen, Rene, denn dass diese Richtungen sich aus Religion herausemanzipierten oder sich der Religion bedienen, heißt nicht, dass sie Religion sind und niemand auf die Idee gekommen wäre, sie zu er-finden ohne Religion. Stärker und schwächer, reicher und ärmer sind nicht religiöse Größen, sondern gesellschaftliche - die es immer geben wird. Der Traum von der echten klassenlosen Gesellschaft bleibt ein Traum, sonst nix. Und übrigens - Religion (zumindest die christliche) ist manchmal heute der einzige Faktor, auf den arme Menschen rechnen können. Also - alles ist nicht grauslich.

Spö&Grüne träumen von einer rückständigen Flachwelt.


Re: Spö

Es ist gerade umgekehrt, aber das verstehen Sie wohl nicht...

Meinung

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