Literaturnobelpreis: Schriftsteller sehen rot

Wenige Tage vor der Verleihung verharmlost Nobelpreisträger Mo Yan die Zensur in China. Ähnliches gebe es auf der ganzen Welt. Nur der Grad der Zensur sei unterschiedlich.

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Mo Yan – (c) AP (ANDERS WIKLUND SCANPIX)

Peking/Stockholm. Chinas bekanntester Künstler und Regimekritiker Ai Weiwei hat bei der Bekanntgabe des diesjährigen Literaturnobelpreisträgers vor sechs Wochen an den chinesischen Schriftsteller Mo Yan zwar bereits heftig die Entscheidung kritisiert, aber immerhin gratulierte er Mo Yan damals noch. Nun zieht Ai Weiwei aber auch das zurück. „Ich bin nur noch angewidert“, twitterte er am Freitag. Wenige Tage vor der Preisverleihung hat Mo Yan am Donnerstag auf einer Pressekonferenz in Stockholm die staatliche Zensur in China als ein notwendiges Übel bezeichnet, das mit lästigen Sicherheitskontrollen auf Flughäfen zu vergleichen sei. Ähnliches gebe es auf der ganzen Welt. Nur der Grad der Zensur sei unterschiedlich.

Intellektuelle aus aller Welt zeigen sich entsetzt über Mo Yans Äußerungen. In China werden Schriftsteller und Künstler in Haft gesteckt oder bedroht, empörte sich Ai Weiwei. Mit dieser Äußerung verteidige Mo Yan „dieses bösartige System“. „Wir alle sollten uns fragen, ob ein solcher Schriftsteller den höchsten Literaturpreis der Welt verdient hat“, sagte der Direktor des Hongkonger Pen-Zentrums unabhängiger chinesischer Schriftsteller, Patrick Poon. Ein Preisträger werde auch an seiner Haltung gegenüber der Meinungsfreiheit gemessen. Der im Exil lebende Autor Yu Jie nannte Mo Yan einen „Lakaien“. Die deutsch-rumänische Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller wirft Mo Yan unkritische Anpassung an die Machthaber in China vor.

Seine Exilkollegen verübeln Mo Yan zudem, dass er über den chinesischen Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo kein Wort verliert. 134 Nobelpreisträger haben vor zwei Tagen in einem offenen Brief die Freilassung Lius gefordert. Mo verweigerte aber seine Unterschrift.

Verleihung am Montag. Der 1955 geborene Mo Yan ist mit Werken wie „Rotes Kornfeld“ weltweit bekannt geworden und der erste chinesische Literaturnobelpreisträger, den die chinesische Führung auch anerkennt.

Der Nobelpreis wird Mo Yan am Montag in der schwedischen Hauptstadt verliehen und ist mit rund 925.000 Euro dotiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.12.2012)

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