Literaturnobelpreis: Schriftsteller sehen rot

07.12.2012 | 18:24 |  vON UNSEREM KORRESPONDENTEN FELIX LEE (Die Presse)

Wenige Tage vor der Verleihung verharmlost Nobelpreisträger Mo Yan die Zensur in China. Ähnliches gebe es auf der ganzen Welt. Nur der Grad der Zensur sei unterschiedlich.

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Peking/Stockholm. Chinas bekanntester Künstler und Regimekritiker Ai Weiwei hat bei der Bekanntgabe des diesjährigen Literaturnobelpreisträgers vor sechs Wochen an den chinesischen Schriftsteller Mo Yan zwar bereits heftig die Entscheidung kritisiert, aber immerhin gratulierte er Mo Yan damals noch. Nun zieht Ai Weiwei aber auch das zurück. „Ich bin nur noch angewidert“, twitterte er am Freitag. Wenige Tage vor der Preisverleihung hat Mo Yan am Donnerstag auf einer Pressekonferenz in Stockholm die staatliche Zensur in China als ein notwendiges Übel bezeichnet, das mit lästigen Sicherheitskontrollen auf Flughäfen zu vergleichen sei. Ähnliches gebe es auf der ganzen Welt. Nur der Grad der Zensur sei unterschiedlich.

Intellektuelle aus aller Welt zeigen sich entsetzt über Mo Yans Äußerungen. In China werden Schriftsteller und Künstler in Haft gesteckt oder bedroht, empörte sich Ai Weiwei. Mit dieser Äußerung verteidige Mo Yan „dieses bösartige System“. „Wir alle sollten uns fragen, ob ein solcher Schriftsteller den höchsten Literaturpreis der Welt verdient hat“, sagte der Direktor des Hongkonger Pen-Zentrums unabhängiger chinesischer Schriftsteller, Patrick Poon. Ein Preisträger werde auch an seiner Haltung gegenüber der Meinungsfreiheit gemessen. Der im Exil lebende Autor Yu Jie nannte Mo Yan einen „Lakaien“. Die deutsch-rumänische Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller wirft Mo Yan unkritische Anpassung an die Machthaber in China vor.

Seine Exilkollegen verübeln Mo Yan zudem, dass er über den chinesischen Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo kein Wort verliert. 134 Nobelpreisträger haben vor zwei Tagen in einem offenen Brief die Freilassung Lius gefordert. Mo verweigerte aber seine Unterschrift.

Verleihung am Montag. Der 1955 geborene Mo Yan ist mit Werken wie „Rotes Kornfeld“ weltweit bekannt geworden und der erste chinesische Literaturnobelpreisträger, den die chinesische Führung auch anerkennt.

Der Nobelpreis wird Mo Yan am Montag in der schwedischen Hauptstadt verliehen und ist mit rund 925.000 Euro dotiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.12.2012)

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23 Kommentare

Erst lesen und dann motzen ...

Hat hier jemand mal ein Buch von ihm gelesen ? Zum Beispiel "Die Knoblauchrevolte" oder "Die Schnapsstadt" ? Da wird ganz offen und uverblümt die alltägliche Korruption und Beamtenwillkür beschrieben. Und noch was es ist wirklich so in China gibt es verschiedene Realitäten die sich durchaus auch widersprechen. Ich lebe jetzt seit drei Jahren in diesem Land und erfahre mit jedem neuen Tag wie wenig ich weiss und verstehe. Da ist die westliche Denkweise nicht nur hilfreich.

Die eigene Nasenspitze ist ein sehr enger Horizont

Der Unterschied zwischen China und Mitteleuropa ist der, dass hier (und auch in diesem Forum) jeder ohne Furcht vor negativen Konsequenzen jeden Unsinn behaupten kann, solange er sich nicht schlimmer Verleumdungen oder Beleidigungen bedient. Und das ist auch recht so.
Dadurch wird der Unsinn aber nicht besser und (siehe oben) die Nasenspitze ist doch ein verdammt enger Horizont.

Wo er ...

... recht hat ...
Nur die Wahrheit macht uns frei.

Re: Wo er ...

Auch die Wahrheit ist kein Trost, wenn man eh nicht frei ist, sondern sich bestenfalls frei fühlt.

Sehen wir hier das moralische Ende des Nobelpreises?

Ich bin entsetzt. Ich lebe in Schweden, war heute in Stockholm - es ist eine Schande und untergräbt die Bedeutung und den Respekt vor diesem Preis.

Re: Sehen wir hier das moralische Ende des Nobelpreises?

Sie armer Mensch, ich frage Sie ganz ernsthaft:
Sind Sie zu eigenständigem Denken fähig oder nicht?!
Wenn JA-dann frage ich Sie, wieso fallen Sie auf die brainwashing-billig Propagenda der YANKEES herein?!
China muß sich bewegen,keine Frage, aber dadurch werden YANKEES noch lange keine moralische Institution,folgen Sie mir,Sir?!

Re: Re: Sehen wir hier das moralische Ende des Nobelpreises?

Nein sorry, da liegen sie komplett falsch. Dies hat nichts mit den Yankees zu tun. Dies hat zu tun mit politischem Oportunismus gegenüber China, das vorgibt die zukünftige Weltmacht zu sein. Es hat zu tun mit Macht und voreilendem Gehorsam von Leuten, die nicht erkennen können (oder wollen) , dass China ihnen eine Show vorspielt um seine Machtinteressen durchzusetzen. Es geht darum, daß China in Wirklichkeit unterentwickelt, verarmt und verschuldet ist, mit vorgetäuschter Macht und Größe jedoch den Westen zu beindrucken (erpressen?) versucht. Mit diesen Machtspielen versucht das offizielle China all jene zum Schweigen zu bringen, die Fragen wie die brutale Unterdrueckung der Meinungsfreiheit, freie Bildung, Kreativität, Manipulation (Gehirnwäsche?) der Bevölkerung (via CCTV etc.) etc. in China ansprechen.

Es ist eine Schande, daß dieser Preis in einem freien westlichen Land an eine Person verliehen werden soll, der ein solches System verteidigt.

Re: Re: Re: Sehen wir hier das moralische Ende des Nobelpreises?

China wird zur zukünftigen Weltmacht werden und das sehr bald (in den nächsten 20 Jahren)!
Ausserdem kann ich jemanden einen Preis der für literarische Fähigkeiten nicht absprechen nur weil mir seine politische Einstellung nicht gefällt!

Re: Re: Re: Re: Sehen wir hier das moralische Ende des Nobelpreises?

Und wegen ihres 2ten Punktes: Es geht nicht um eine bloße politische Einstellung - hier geht es um die Rechtfertigung eines kriminellen Regimes, das Millionen Opfer auf dem Gewissen hat und bis heute tausende Menschen jährlich hinrichten läßt. Wenn sie dieses System verteidigen wollen, dann machen sie sich mitschuldig.

Re: Re: Re: Re: Sehen wir hier das moralische Ende des Nobelpreises?

In den nächsten 20 Jahren?
Sie armer sind ebenso verblendet!

Wir sollten vielmehr fürchten, daß dieses Land der größte Sozialfall der Welt wird, zerbricht und in Armut und Bürgerkriegen untergehen könnte.

Re: Re: Re: Re: Re: Sehen wir hier das moralische Ende des Nobelpreises?

Pah Sie sind der Verblendete! China wird sowohl zum wirtschaftlich als auch millitärisch stärksten Staat der Welt augsteigen! Und auch wenn es den Menschen schlecht geht, die kommunistische Partei wird es in den nächsten Jahrzehnten keinen Aufstand zulassen! China ist nicht Syrien oder Lybien, Chinas Führung ist national unt international viel mächtiger. Würden in China hunderttausend Demonstranten getöt werden, der Westen würde keinen Finger rühren!

Re: Re: Re: Re: Re: Re: Sehen wir hier das moralische Ende des Nobelpreises?

Würden in China hundertausende Demonstranten getötet, dann gebe dies der schwächelnden chinesischen Wirtschaft den Todesstoß. Ohne politische Stabilität kann das Regime nicht überleben.

Da sie offensichtlich keine Ahnung haben - eine Frage: Haben sie jemals in China gelebt?

Re: Re: Sehen wir hier das moralische Ende des Nobelpreises?

Nein, ihrer Paraphrase kann man nicht folgen. ausnahmsweise haben die USA mit Nobelpreisvergaben tatsächlich wenig zu tun.

Intellektuelle aus aller Welt zeigen sich entsetzt über Mo Yans Äußerungen

Das heißt gar nichts.
Immer wenn sich "Intellektuelle" empört zeigen, geht es um irgend einen Schmarrn.

LITERATURpreis

Acb und ich dachte den Preis bekommt man für literarische Brillianz und nicht für politische Ansichten... Ausserdem hat er zumindest damit Recht dass es in jedem Land einen gewisden Grad an Zensur gibt

Abgesehen von der Politik

Sind Mo Yans Buecher wert gelesen zu werden, oder nicht? Das ist fuer mich das Hauptkriterium, ob jemand den LITERATUR-Nobelpreis verdient.

Die Presse bestätigt Mo Yan. Hier geht fast kein Kommentar mehr durch.


Das gibt es überall

Eines muss da ganz klar gesagt werden, was in China schlecht ist, dass ist bei uns ganz in Oednung. Wer hat es noch in Erinnerung, dass alle Telefonate aufgezeichnet werden, dass alle Emails aufgezeichnet werden und jetzt sollen auch noch unsere Gesundheitsdaten aufgezeichnet wedren. Das geschieht nicht in China! Das geschieht bei uns. Aber hier ist es gut, in China schlecht. Da hat man wirklich Mo Yan ("Keine Sprache").

Ai Weiwei ist in erster Linie ein Selbstdarsteller,

und in zweiter Linie ein Lakai westlicher Mainstreammedien.

Wie Ai Weiwei mit Menschen anderer Meinung umgeht ist auf folgende Video gut zu sehen.

http://www.youtube.com/watch?v=sKOm-iCcee0&feature=youtu.be

Ab min 3:00 taucht Ai Weiwei auf, wenig später stürzt er sich auf den Universitäts Professor Wu Danhong. Interessant und aufschlussreich auch der Dialog bei min 6:10. Eine Frau ruft ihm zu:" Nächstes mal schlag ihn tot." Ai Weiwei dreht sich um und lächelt.


Zensur - bei uns?

Niiiiiiiiiiiiiiiiiiiie... und schon gar nicht in diesem Forum LOL

Dieser lächerliche

Monopolanspruch des Westens auf Freiheit .

.... ist doch hauptsächlich ein Kampfmittel
der Politik gegen konkurrierende Gesellschaftsformen .
Kaum ein anderes System ist derart präpotent gegen andere Kulturen und in Folge so blind .

Ich werde die Denuntiationsliste gegen Leute ,die nicht der Mainstreammeinung sind , jetzt nicht aufzählen --- sie ist lang .

Das Beispiel Handke wurde genannt ,
Grass wurde kürzlich öffentlich durch den Dreck gezogen .
Systemkritische Literatur hat sich weitgehend aus Europa verabschiedet ,
vermutlich weil Autoren wissen ,was auf sie wartet : Sie werden Ignoriert oder wenn ignorieren nicht möglich ist ,denunziert .

Hatte nicht auch Handke einen deutschen Literaturpreis nicht bekommen,

weil er Sympathien für Milosewitsch zeigte. Ist das nicht auch Zensur?
Ist es nicht auch Zensur, wenn in Deutschland (und auch bei uns) Uniprofessoren nicht mehr öffentlich zu Wort kommen, wenn sie gegen den Euro sind?

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Re: Hatte nicht auch Handke einen deutschen Literaturpreis nicht bekommen,

Selbstverständlich. Gerade bei uns gibt es doch immer klarere Handlungsanweisungen hinsichtlich der geäußerten Meinung. Man nennt es dann halt rechtsradikal oder rassisitisch. Im Prinzip ist es freilich das selbe.

Der Unterschied ist lediglich, dass wir innerhalb unseres Systems leben und es uns daher als normal und wichtig vorkommt, gewisse Meinungen nicht hochkommen zu lassen. Das ist in China nicht anders. China hat lediglich andere Werte, die sie mit aller Staatsgewalt verteidigen. An einem Küssel findet man in China möglicherweise nichts auszusetzen.

Ich könnte mir gut vorstellen, dass Al Wei-Wei, der bei uns so gefeiert wird, in China ähnliche Sympathiewerte hat wie bei uns jemand, der die traditionelle Frauenrolle befürwortet. Siehe Eva Herman. Also eigentlich eine harmlose Meinung, die aber massiv verfolgt wird.

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