Kleine Henderl: Kinderbuchreihe auf Österreichisch

18.12.2012 | 11:10 |   (DiePresse.com)

Die Hühnerabenteuer "Les P'Tites Poules" erscheinen in österreichischem Deutsch. Eine Ausnahme in den Bücherregalen, Kinderbücher sind konsequent am bundesdeutschen Markt orientiert.

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In Frankreich sind von der Bücherserie "Les P'Tites Poules" von Christian Jolibois und Illustrator Christian Heinrich 1,2 Mio. Exemplare verkauft worden. Jetzt kommen die Abenteuer von Hühner-Mama Carmela, Hühner-Papa Pitikok und ihren Kindern Carmelito und Carmen auch auf Deutsch in die Buchhandlungen. Das Besondere an den Ausgaben des neu gegründeten Ringelspiel Verlags von Christian Suppan: Es gibt verschiedene Ausgaben für Deutschland und Österreich, um, wie der Verleger betont, "den sprachlichen Unterschieden gerecht zu werden".

Und so landen in österreichischen Bücherregalen "Die kleinen Henderln" anstelle der "Kleinen Hühnchen" der Deutschland-Ausgabe. Überhaupt wimmelt es in der österreichischen Version von landestypischen Ausdrücken: Da ist die Rede von fuzikleinen und von grantigen Hendln oder von Schmähtandlern, und Calmelito und Carmen spielen mit ihren Freunden Adrihenn, Dschingis-Hahn, Florihahn, Grobihan, Maximilihahn und Vivihenn Pfitschigockerln und "Einmal der Gickl, einmal der Gockl".

Erhaltung von sprachlicher Diversität

Er wolle "einen persönlichen Beitrag zur Erhaltung von sprachlicher und damit kultureller Diversität" leisten, begründet Suppan diese "aufwendige Doppelgleisigkeit". Da speziell Kinderbücher konsequent am bundesdeutschen Markt orientiert seien, würden darin "alle Anzeichen einer österreichischen Herkunft selbst bei verdienten österreichischen Autorinnen und Autoren tunlichst vermieden", beklagt Suppan. Die Folge laut dem Verleger: Werden die Bücher in Österreich vorgelesen, werden sie spontan an das österreichische Deutsch angepasst.

"Gütesiegel Österreichisches Deutsch"

Rudolf Muhr, Leiter der Forschungsstelle österreichisches Deutsch an der Uni Graz, sieht ebenfalls massiven Bedarf nach Kinderbüchern in der österreichischen Varietät des Deutschen. Immerhin sei die "Übersetzung" manchmal so komplex, dass Vorleser sich neue Geschichten überlegen müssten, kritisiert er. Mit einem eigenen "Gütesiegel Österreichisches Deutsch", das bisher neben der Reihe aus dem Ringelspiel Verlag auch an "Das große Wimmelwörterbuch" aus dem Breitschopfverlag vergeben wurde, will er Eltern künftig Orientierungshilfe bieten.

Gleichzeitig kritisiert Muhr heftig, dass eine solche Initiative überhaupt notwendig ist: "Es ist eigentlich ein Witz, wenn ein Land wie Österreich nicht in der Lage ist, Kinderbücher in der eigenen Sprache zu erstellen." Für ihn ist es eine Frage des politischen und sozialen Willens und die geringe Größe des Landes kein Gegenargument: Immerhin seien Slowenien oder die baltischen Staaten noch kleiner. "Wenn ich zu meiner Sprache und Kultur stehe, dann kostet das halt etwas."

"Minderwertigkeitsgefühl" der Österreicher

Derzeit gebe es nur wenige Kinderbuchverlage in Österreich, die meist wegen der geringen Gewinnmargen für den gesamten deutschsprachigen Markt produzieren. Gleichzeitig würden österreichische Produkte am heimischen Markt durch den Kostendruck verdrängt. Dazu komme ein gewisses "Minderwertigkeitsgefühl" der Österreicher in Bezug auf ihre Sprache, sodaß auch aus Prestigegründen bundesdeutsches Deutsch verwendet werde. "Die Idee, dass das österreichische Deutsch eigene Normen hat, geht nicht in die Köpfe rein", beklagt Muhr.

In Frankreich läuft die Serie "Les P'Tites Poules" bereits seit 2001 und wurde in zahlreiche Sprachen - von Spanisch über Arabisch bis Chinesisch und Koreanisch - übersetzt. Auf Bundes- bzw. österreichisches Deutsch liegen nun die Bände "Ein kleines Henderl will das Meer sehen", "Ein Hendlhof in den Sternen", "Wenn mein kleiner Bruder auf die Welt kommt" und "Um Gockels Willen! Irgendwer hat die Sonne gestohlen!" vor. Vertiefende Informationen zu darin vorkommenden historischen Persönlichkeiten wie Christoph Columbus, Galileo Galilei und den Brüdern Montgolfier liefert Suppan auf einer dafür eingerichteten Facebook-Seite.

Die Buchserie
"Die kleinen Hendln" von Christian Jolibois, illustriert von Christian Heinrich, übersetzt aus dem Französischen von Martina Ebmer. Ringelspiel Verlag, jeweils 48 S., 8,90 Euro, Bisher erschienen: "Ein kleines Henderl will das Meer sehen", "Ein Hendlhof in den Sternen", "Wenn mein kleiner Bruder auf die Welt kommt" und "Um Gockels Willen! Irgendwer hat die Sonne gestohlen!")

(APA)

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6 Kommentare

Österreichisch -- Bairisch -- Oberdeutsch (Süddeutsch)

Nicht nur in Österreich, sondern überhaupt im bairischen Dialektraum -- also auch in Bayern -- wird ein Huhn mit der mundartlichen Verkleinerungsform von "Henne" als "Henderl" oder "Hendl" bezeichnet. Das gleichfalls angeblich für Österreich "landestypische" Eigenschafts- und Umstandswort "grantig", das soviel wie "übel gelaunt", "verärgert" und
"unmutig" bedeutet, ist sogar im ganzen oberdeutschen (süddeutschen) Sprachraum gebräuchlich. Daher sind diese Wörter ungeeignet, als rot-weiß-rote Vaterlandsfahnen
an der "Sahnefront" geschwungen zu werden.
Nicht eine fiktive "österreichische Sprache", sondern die deutsche Sprache ist die Staatssprache der Republik Österreich und die Muttersprache und Umgangssprache der überwiegenden Mehrheit des österreichischen Staatsvolkes!

Ideologie: Provinzlertum

Und in der Schule im Deutschunterricht kennen dann die Kinder nicht das Wort "winzig", weil das ja "fuziklein" heisst. Na sowas, was da wohl schuld ist am mangelnden Schulniveau?Die deutsche Hochsprache ist, so wie alle Sprachen die in einem grossen Gebiet gesprochen werden, regional überaus verschieden. Solche Ideen einer "Sondersprache" verraten nur eines:
Tiefste Verwurzelung im Provinzlertum.
Ich habe noch nie gehört, dass man in Sizilien Kinderbücher in "sizilianischem Italienisch" verfasst oder dass kanadische Schulkinder eigene Bücher in "kanadischem Englisch" brauchen, das sich ja wohl gravierend vom US-Englisch unterscheiden dürfte net?
Ich selbst spreche daheim und unter Freunden stets den in der Wiener Umgebung üblichen Dialekt. Dass das ein "österreichisches Deutsch" sein soll, ist mir aber neu.
Aber das allgemeine, von Schleswig bis Südtirol
und von Bern bis zum Neusiedlersee übliche Deutsch glaube ich doch auch ganz gut in Wort und Schrift zu beherrschen. Was mir auch schon viele Bundesdeutsche bestätigt haben.

Re: Ideologie: Provinzlertum

dahoam wird gredt, wie gredt wead - in der Ausbildung/Uni, in der Arbeit und bei sonstigem Umgang mit Leuten, die nicht von "dahoam" sind, wird "gscheid gredt" :-)
so haben wirs gelernt; ich arbeite momentan viel mit Deutschen zusammen, die jedes Mal ueberrascht sind, wenn ich sage, dass ich Oesterreicherin bin.
Begriffe wie fuziklein, etc. haben wir genauso als Kinder verwendet, aber auch winzig wurde uns beigebracht, um das Beispiel des Vorposters aufzunehmen.

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"...nicht in der Lage ist, Kinderbücher in der eigenen Sprache zu erstellen."
Die Sprache ist Deutsch.
Außerdem haben wir Filme mit unserem Dialekt, der so einheitlich wie dargestellt ja gar nicht existiert, man denke an Vorarlberger trifft Wiener.

Mein Österreichbewusstsein ist ohne das stabil.

Es gibt kein "Österreichisches Deutsch".
Was es gibt, sind verschiedene deutsche Dialekte die in Österreich gesprochen werden, alle unterschiedlich und soweit es sich um bajuwarische Dialekte handelt, aufs engste mit den bairischen und anderen süddeutschen Dialekten verwandt.
Was es gibt, sind sogen. Austriazismen. Das sind schriftdeutsche Ausdrücke und Wörter der deutschen Hochsprache, wie sie in vielen Teilen Österreichs gesprochen werden. Also z. B.
"zu Weihnachten" statt "an Weihnachten" oder "Paradeiser". Viele dieser Besonderheiten werden aber auch in Bayern oder in anderen Teilen des deutschen Sprachgebietes verwendet, z. B.
"Erdäpfel", die auch die Schwaben kennen.
Aber offenbar lässt die rätselhafte Tatsache, dass man in Österreich Deutsch spricht, wir aber mit den übrigen Deutschen so garnichts, aber schon garnichts gemeinsam haben sollen, manche Leute nicht ruhen.
Mein österreichisches Identitätsbewusstsein ist trotzdem sehr ausgeprägt und stabil.
Ich brauch diese Kunststückeln nicht dazu.
Und meine Kinder und Enkel auch nicht.

Re: Mein Österreichbewusstsein ist ohne das stabil.

ich finds grausam, wenn mein Bruder meint "und, freust dich schon, wennsd wieder in ein normal-deutsch-sprechendes Land kommst?"
also der oberbayerische Dialekt und das "hochgelobte" oesterr. Deutsch sind sich unglaublich aehnlich - naja abgesehen von regionalen Ausdruecken, aber die gibts ueberall.
ich muss gestehen - den Wiener Dialekt mancher Personen find ich dermaßen widerlich, da hab ich lieber Hochdeutsch (nicht norddeutschland-deutsch, klassisches, dialektfreies Deutsch).
ich hab mehr als 2 Jahrzehnte im Großraum Wien gewohnt, bin dort aufgewachsen, hab also den Wortschatz auch gelernt - aber ich fand den Dialekt schon damals widerlich zum teil.
Heimatstolz und -bewusstsein ist ja gut - auch ich will manche regionale Begriffe aus meine Kindheit nicht aufgeben - aber "die Oesterreicher" sollten von ihrem hohen Ross, was die Sprache betrifft, runterkommen. so weltbewegend "besser" ist sie nicht. es ist nur ein Dialekt unter Vielen.

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