Werner-Lobo: „Die Grünen sind Teil eines Machtsystems“

Wieso sollen „Die Hinichen“ nicht im Gasometer spielen? Wie grün war die „Wienwoche“? Und wie läuft es mit Stadtrat Mailath-Pokorny? Kultursprecher Klaus Werner-Lobo über seine Politik.

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Klaus Werner-Lobo – (c) Paul Sturm

Die Presse: Sie haben unlängst bewirkt, dass ein Konzert der umstrittenen Band Die Hinichen im Gasometer abgesagt wurde. War das nicht ziemlich illiberal?

Klaus Werner-Lobo (Gemeinderat sowie Menschenrechts- und Kultursprecher der Grünen Wien; Anm.): Die Grünen haben da einen sehr liberalen Freiheitsbegriff. Kunst ist alles, bei dem ein Künstler sagt: „Das ist Kunst.“ Wenn ich auf den Boden mach und sag: „Das ist Kunst“, dann ist es Kunst. Wenn ich jemandem anderen auf den Kopf mach und sag: „Das ist Kunst“, dann ist es noch immer Kunst. Nur muss der andere zustimmen. Die Freiheit des einen endet dort, wo er die Freiheit anderer massiv einschränkt. Diese Band schlägt auf Schwächere ein und ruft zur Gewalt auf – ich glaube nicht, dass wir unsere knappen Steuergelder für so etwas ausgeben sollten.

Glauben Sie nicht, dass diese Band ihre Texte selbstironisch meint? Müsste man nicht z.B. auch Marilyn Manson Gewaltverherrlichung vorwerfen?

Der Vergleich ist unpassend. Wer den Film „Bowling for Columbine“ kennt, weiß, dass Marilyn Manson Gewalt thematisiert, um Missstände aufzudecken. Und bei Selbstironie muss man sich auch selbst auf die Schaufel nehmen. Die Hinichen tun das nicht, wenn sie etwa singen: „Wir mischen auf im Frauenhaus, wir peitschen die Emanzen aus, die Fotzen gehören verdroschen.“ Opfer von Gewalt gegen Frauen finden das gar nicht lustig. Man muss ja auch wissen, wie solche Texte rezipiert werden.

Waren Sie schon einmal bei so einem Konzert?

Nein, aber ich kenne genug Berichte darüber. Aus denen weiß ich, dass es dort darum geht, eine grölende Masse mit Gewaltfantasien aufzugeilen. Man muss sich schon fragen, ob – in Zeiten eines stagnierenden Kulturbudgets! – ein Kommerzschuppen wie das Gasometer gefördert werden muss, der solche Konzerte veranstaltet. Dort hat man ja auch am 9.November, dem Tag des Beginns des Novemberpogroms, die Rechtsrockband Band Frei.Wild spielen lassen. Wir wissen aus Deutschland, dass die Naziszene bei solchen Konzerten Anhänger anwirbt.

Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny hat jedenfalls von Zensur gesprochen.

Ich glaube, dass es Aufgabe des Stadtrats wäre, darauf zu schauen, was förderungswürdig ist und was nicht. Es mag sein, dass er darüber unglücklich ist, dass ich diese Aufgabe wahrgenommen habe.

Ist die Zusammenarbeit in einer Krise?

Nein. Sie ist sehr gut. Ich freu mich, dass der Stadtrat mit unserer Hilfe eine grüne Kulturpolitik macht. Es ist wie ein Fußballspiel, der Stadtrat versucht, das Bestehende zu verteidigen, und ich versuche, die neuen Tore zu schießen. Wir spielen im selben Team.

Sie haben, nachdem Sie in der Regierung waren, zusätzlich zum Stadtfest der VP und zum Donauinselfest der SP eine „Wienwoche“ herausgehandelt. War das nicht inkonsequent?

Was die Grünen immer kritisiert haben, ist Missbrauch von Kultursubventionen für Parteiveranstaltungen. Wir haben eine knappe halbe Million aus dem Topf für solche Feste herausgelöst und gezeigt, dass es auch anders geht, dass man damit keine Parteiveranstaltung machen muss. Wir haben das Geld an einen unabhängigen Verein weitergeleitet, der die „Wienwoche“ veranstaltet. Dort hat sich eine Szene, die bisher nie zum Zug gekommen ist, präsentiert: etwa Vereine, die sich um Ausgegrenzte, um Ärmere, um Sexarbeiterinnen kümmern.

Aber gut hat das nicht funktioniert, an die Öffentlichkeit ist nicht viel gedrungen.

Das hat großartig funktioniert! Man muss bedenken, dass sie nur acht Monate Vorbereitungszeit hatten. Und die „Wienwoche“ war jeden Tag in den Medien, weil soziale Probleme behandelt wurden: etwa der Bettelbeauftragte der Stadt Wien, die Initiative für bedingungsloses Grundeinkommen oder auch die Aktion mit Hermes Phettberg.

Ja, sie hat in der „Kronen Zeitung“ große Erregung ausgelöst...

Es wäre doch geradezu irritierend, wenn man gesellschaftskritische Themen aufgreift und die „Kronen Zeitung“ das super fände! Phettberg trägt mit seinen Performances seit vielen Jahren Wesentliches zur Akzeptanz von Schwulen, Lesben, Transgender-Personen, Sadomasochisten etc. bei. Das halte ich für sehr förderungswürdig.

Aber wurden nicht doch vor allem Vereine gefördert, die den Grünen nahestehen?

Diese Vereine würden sich massiv gegen die Annahme wehren, sie stünden den Grünen nahe. Da sind Gruppen dabei, die das Parteiensystem an sich ablehnen und auch die Grünen massiv kritisieren. Das ist gut so. Künstler sollen Mächtige kritisieren. Wir sind jetzt nun einmal Teil eines Machtsystems.

Mit Kunsthallen-Direktor Gerald Matt haben die Grünen einen Mächtigen angegriffen, aber auch mit Vorwürfen, die sich nicht bestätigen ließen. Wäre da nicht ein Wort der Entschuldigung fällig?

Nein. Die Berichte des Kontrollamts und der HLB Intercontrol untermauern alles, was ich Matt und seinen Freunden aus dem Vereinsvorstand vorgeworfen habe: dass sie eine Freunderlwirtschaft aufgebaut haben, die es ermöglicht hat, dass Matt die Kunsthalle als Selbstbedienungsladen betrachtet und dort ein autoritäres Regime geführt hat.

Kulturstadtrat Mailath-Pokorny hat im „Standard“ als Argument für eine Verlegung des Wien-Museums zum Hauptbahnhof angeführt, dass die Erste Bank daran interessiert sei, „das Gelände zu entwickeln“. Wie finden Sie denn das?

Wenn das der Grund für den Standort wäre, wäre das für mich nicht okay. Für mich steht im Vordergrund: Ein Wien-Museum muss ein Museum aller Wiener sein, auch jener, die nicht regelmäßig in Kulturinstitutionen gehen. Und da ist ein zentraler Standort von Vorteil. Die Entscheidung ist jedenfalls noch offen. Weil man sich dafür Zeit nehmen will. Seit die Grünen in der Regierung sind, werden Entscheidungen eben nicht mehr in Hinterzimmern getroffen, sondern offen diskutiert. Das ist uns wichtig. So wie der Umgang mit der Geschichte: siehe Deserteursdenkmal, siehe Umbenennung des Lueger-Rings, das haben wir alles seit 20 Jahren gefordert und jetzt durchgesetzt.

Apropos: Wie stehen Sie zu den Vorwürfen des Grünen Harald Walser, die Philharmoniker hätten ihre NS-Vergangenheit nicht aufgearbeitet?

Damit hab ich mich zu wenig beschäftigt. Die Philharmoniker sind keine Subventionsnehmer der Stadt Wien.

Zur Person

Klaus Werner-Lobo, geboren 1967 in Salzburg, ist Buchautor, Clown, Journalist und Politiker. Er hat viel beachtete wirtschaftskritische Bücher geschrieben, z.B. das „Schwarzbuch Markenfirmen“ und „Uns gehört die Welt! Macht und Machenschaften der Multis“. Seit Herbst 2010 (als die Koalition aus SP und Grünen in Wien gebildet wurde) ist er Gemeinderat und Menschenrechts- und Kultursprecher der Grünen Wien. Derzeit setzt er sich besonders für Asylanten ein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.01.2013)

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