Die Angst der Großen vor dem Kinderbuch

15.01.2013 | 16:37 |  Von Anne-Catherine Simon (Die Presse)

Der Trend zur Struwwelpeterei: Ohne schwarze Pädagogik, aber nicht weniger erziehungswütig werden heute viele Kinderbücher zurechtgestutzt. Bei diesen „Säuberungen“ geht es längst nicht mehr nur ums „Negerlein“.

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Es gab eine Zeit, da durften in Kinderbüchern Menschenfresser vorkommen. Wenn „Zeraldas Riese“ in Tomi Ungerers gleichnamigem Klassiker Jagd auf kleine Kinder macht, sieht man Ärmchen aus seinem Sack ragen und eine Mutter in Ohnmacht fallen. Damals, in den 1970er-Jahren, durfte auch ein Jäger in einem Kinderbuch küssende Hasen totschießen, oder ein Hase den Jäger. Nicht dass diese Janosch-Bilder nun verboten sind. Es fragt sich nur, ob sie heute noch so veröffentlicht werden könnten. In neuen Kinderbüchern finden sich solch „drastische“ Elemente jedenfalls nicht mehr.

Ebenso wenig wie das „Negerlein“. „Zensur!“, protestierten einige, als Anfang dieses Jahres der Thienemann Verlag bekannt gab, dass die „Negerlein“ aus Otfried Preußlers Klassiker „Die kleine Hexe“ getilgt werden. Ein später Nachzügler: Längst ist in „Pippi Langstrumpf“ der „Negerkönig“ durch den „Südseekönig“ ersetzt und der „Neger“ aus Michael Endes „Traumfresserchen“ verschwunden.

Türken müssen gehen, Eskimos bleiben?

Darf ein als rassistisch empfundener Begriff getilgt werden, um niemanden zu verletzen und Kindern keine schädlichen Vorstellungen zu vermitteln? Oder soll die „Kleine Hexe“ ihre authentische Form und damit ihre Geschichte bewahren dürfen – nicht zuletzt, damit Eltern darüber mit ihren Kindern diskutieren können?

Die Entscheidung des Verlegers hat in diesem Fall einiges für sich. „Aber die beiden Negerlein waren nicht vom Zirkus und ebenso wenig die Türken und Indianer“, heißt die betreffende Passage. „Auch die kleinen Chinesinnen und der Menschenfresser, die Eskimofrauen, der Wüstenscheich und der Hottentottenhäuptling stammten nicht aus der Schaubude. Nein, es war Fastnacht im Dorf!“ Das erinnert an eine Zeit, in der Menschengruppen den Europäern als Kuriositäten ausgestellt wurden. Mit den „Negerlein“ sollen nun auch die „Chinesen“ und „Türken“ weg.

Die Umerziehung von Enid Blyton

Solche Eingriffe sind immer eine Gratwanderung (wann werden Inuit und Indianer kommen, um gegen ihre Diskriminierung zu protestieren?) – was nicht per se gegen sie spricht. Die Grenze der Er- bzw. Zuträglichkeit muss eben jede Zeit und Gesellschaft neu für sich ziehen. Aber auf die Entfernung des Wortes „Neger“ können sich heute die meisten einigen. – Doch die Kinderbuch-Polizisten haben es, vor allem im englischsprachigen Raum, schon auf viel mehr abgesehen als auf die Tilgung tief kränkender diskriminierender Ausdrücke. Aus England, den USA und Kanada droht eine Entwicklung in den deutschsprachigen Raum herüberzuschwappen, die sich unter anderem an jüngeren Enid-Blyton-Ausgaben zeigt.

In ihnen werden die „Fünf Freunde“ nachträglich umerzogen. Sie habe versprochen, ihrer Tante beim Marmeladekochen zu helfen, sagt Anne an einer Stelle, also gehen die Buben ohne sie los. Viele Kinder kriegen das heute so nicht mehr zu lesen. Stattdessen teilen sich Julian und Anne, George und Dick in allen Szenen redlich die Hausarbeit.

Auch die deutschen Übersetzungen haben bereits mit der „Modernisierung“ begonnen. Da wurde etwa alles, was mit schwarzer Pädagogik zu tun hat, getilgt – es gibt keine Ohrfeigen mehr, keine Prügel.

Hier feiert das Kinderbuch als pädagogische Anstalt wieder fröhliche Urständ. Aus ihr wird alles verbannt, was nur ein Quäntchen vom herrschenden Weltbild abweichen könnte. In ihr wird alles verdächtig, was nur irgendwie Kindergemüter irritieren, ihnen „falsche Begriffe“ in den Kopf setzen oder vielleicht ihre Gesundheit gefährden könnte. Ein Verlag habe ihr verboten, ein allein auf der Straße gehendes Kind vorkommen zu lassen, erzählte vor einigen Jahren die Kinderbuchautorin Lindsey Gardiner in einem Interview – ebenso wie einen Drachen, der Feuer spuckt und drauf Mäusespeck brät.

Erwachsene ignorieren Kinderblick

Dass die Political Correctness in England, den USA oder Kanada auch bei Kinder- und Schulbüchern die bizarrsten Blüten treibt, ist ohnehin längst bekannt. Da entfernt eine englische Schule in vorauseilendem Gehorsam das Kinderbuch „Charlotte's Web“ aus ihrem Haus, nur weil ein Schwein als Hauptfigur Muslime verärgern könnte (was selbst dem Muslim Council of Britain zu weit ging); oder eine Vereinigung der Holzarbeiter will das Kinderbuch „Maxine's Tree“ aus Büchereien zu verbannen, weil Maxine angesichts eines Kahlschlags auf Vancouver Island um ihren Lieblingsbaum fürchtet.

Aber nicht nur hier hat es den Anschein, dass es bei der Kinderbuch-„Zensur“ weniger um die Kinder als vielmehr um die Erwachsenen geht. Sie sehen etwas „Anstößiges“ in Darstellungen, das Kinder gar nicht so wahrnehmen, weil sie die Welt ganz anders sehen: wie das Kind, das vor dem Bild eines Nackten auf einem Aufklärungsbuch für Kinder nicht etwa rief: „Mama, da ist ein Nackerter!“, sondern: „Mama, der Mann hat einen Apfel im Körper!“.

Furcht vor Kontrollverlust

So brav und anwendungsorientiert wie heute waren deutschsprachige Kinderbücher schon lange nicht mehr. Dabei zeigt die Erinnerung an kindliche Lektüreerlebnisse, dass es gerade die verrücktesten, „abwegigsten“ Geschichten sind, die am tiefsten Wurzeln schlagen und die Persönlichkeit bereichern. Selbst der Struwwelpeter bleibt ein herrliches Buch für Kinder, auch wenn die Vorstellung abgeschnittener Daumen und lichterloh brennender Mädchen schrecklich ist. Kinder lieben, was ihre Fantasie zum Sprühen bringt, egal, wie abwegig es ist – und sie vertragen dabei sehr viel. Vorausgesetzt, ihre Welt außerhalb der Bücher ist insgesamt im Lot. Und hier liegt wohl das eigentliche Problem: Vielleicht wollen Erwachsene angesichts unsicherer Zukunftsaussichten, labiler Familienverhältnisse und Gewaltexzessen von Teenagern einfach das Gefühl haben, wenigstens irgendetwas zu kontrollieren. Eine Gesellschaft, die Kinderbücher zensiert, misstraut wohl nicht den Kinderbüchern, sondern sich selbst.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2013)

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152 Kommentare
 
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Guter Artikel, besonders der Schluss gefällt mir

"Kinder lieben, was ihre Fantasie zum Sprühen bringt, egal, wie abwegig es ist – und sie vertragen dabei sehr viel. Vorausgesetzt, ihre Welt außerhalb der Bücher ist insgesamt im Lot. Und hier liegt wohl das eigentliche Problem."

überflüssig wie ein Kropf

ist diese "Diskussion" wohl Winterloch

schwarze

"neger" nun korrekt als "schwarze" zu bezeichnen ist keine Diskriminierung?

Re: lustig

Lustig ist ja, dass es für diese Gruppe keine Bezeichnung gibt.
"Neger" ist - heute - politisch inkorrekt (der Begriff kommt vom lateinischen "niger" = schwarz),
"Schwarzer" bedeutet daher ohnehin das Selbe,
"Farbiger" wurde zurecht bereits von den Betreffenden selbst und sehr treffend verrissen,
"Afroamerikaner" lehnen sie unter dem Hinweis - "ich bin in den USA geboren, meine Eltern und Großeltern auch ... - ich war auch noch nie in Afrika" - auch und mit voller Berechtigung ab.
Die "Freunde" der policital correctness scheitern aber auch schon allein daran, dass sie heute unmöglich wissen können, was übermorgen nicht korrekt ist.
Mein Plädojer: Lasst die "alte" Literatur/Poesie so, wie sie ist. Begleitende Erklärungen verbietet ohenehin niemand und NUR SIE - weil begleitend - kann auch auf dem aktuellen Stand sein.

gehirnw***sche

das fällt mir zur verschandelung der bücher ein.

Hervorragender Artikel

Anstatt unseren Kindern eine stabile Familie zu bieten idealisieren wir die Kinderbuchwelt.

Statt im erlaubten Bereich autozufahren, kaufen wir die Kindersitze die die allerallerbesten Testnoten haben.

Statt unsere kleinen Kinder an unserem Leben teilhaben zu lassen, verbringen wir "Qualtiy Time" mit ihnen und drängen uns in ihre Spiele, die sie phantasievoller unter sich spielen.

Statt unsere Kinder mit Liebe zu überschütten, schütten wir sie mit "pädagogisch wertvollem" Spielzeug zu.

Kein Wunder daß die Teenager von heute sich für morgen eine stabile Beziehung wünschen mit Kindern um die sie sich selbst kümmern.

Re: Hervorragender Artikel

Zudem hinken die Zensoren immer hinterher, weil sie heute unmöglich wissen können, was übermorgen politisch nicht korrekt ist.

Re: Re: Hervorragender Artikel

Das ist kein Argument gegen deren Tätigkeit. Jede Arbeit hinkt hinterher. Weil eine pojektierte Idee ihrer Ausführung vorhergeht. Jeder Rechte und jeder Linke weiß das. Jeder Mench weiß das. Nur Sie nicht. Offensichtlich sind Sie ideen- und ahnungslos.

Re: Metternich

Metternich hätte die reinste Freude an Ihnen, geschätzter benedetto. Aber, trösten Sie sich, Spielberg wies auch ohne Ihre segensreiche Tätigkeit keine Unterauslastung auf.

Da Sie so viel Wert auf originale Literatur legen ... genießen Sie das noch ... danke der Arbeit Ihrer Zensoren kann man nie wissen, wie lange Sie noch in diesen Genuß kommen.

Der nächste Kandidat für Korrekturen

Geheimrat Goethe und seine verdächtigen Protagonisten Dr.Faust und Mephisto sind die nächsten Kandidaten für eine Wortkontrolle:

Z.B. beim Osterspaziergang: ” Nichts Schöneres weiß ich mir an Sonn-und Feiertage, als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, wenn hinten weit in der Türkei die Völker aufeinander-schlagen……Herr Nachbar, ja, so laß ichs auch geschehen! Sie mögen sich die Köpfe spalten! Mag alles dort zugrundegehn! Doch nur zu Hause bleibs beim Alten!”

Oder Mephisto über Gretchens Nachbarin Marthe Schwerdtlein: ” Das ist ein Weib (!) wie auserlesen, zum Kuppler-und ZIGEUNERwesen!”

Goethes Faust ist jetzt nicht das typische Kinderbuch ...


Re: Der nächste Kandidat für Korrekturen

Sie sollten erst einmal die Liebe zum Orient und zum Islam aufarbeiten, die Goethe hegte.

Man sollte nicht annehmen, dass jeder große Dichter oder Denker der Deutschen Sprache (der größte!) sich für dumme Rechte zur Instrumentalisierung anbietet. Über Türken, Islam, Mohammed und Orient werdens bei dem Herren nicht viel Abwertendes finden. Und wenn doch, dann ist es eher ironisch gemeint.

Peinlich sowas!

Karl May

Haben Sie Karl May zu Hause? Winnetou meine ich.

Streichen Sie dort in Ihrer Ausgabe bitte den Terminus "Sioux" ... das ist eine grobe Verunglimpfung der Lakota!
Streichen Sie dort bitte den Terminus "Squaw" ... das ist eine große Verunglimpfung von Frauen!
Streichen Sie bitte den Terminus "Apachen" ... das ist eine grobe Verunglimpfung von z.B. Bedonkohe.
Wenn ich mit meiner Liste durch bin, bleibt von Ihrem Karl May nichts übrig, was irgendwie nach originalem Karl May aussieht. Damit stirbt die alte Poesie bzw. Literatur ... bitte nicht!

Re: Karl May

Karl May ist toll. Aber nicht Winnetou. Es ist bezeichnend, dass Sie gerade mit dem größten Müll dieses Autors antanzen.

Ich empfehle Ihnen. "Am Jenseits" und "Ardistan" und "Dschinnistan" oder "Das steinerne Gebet".

Noch lächerlicher an ihrer Argumentation ist, dass Ihnen offensichtlich nicht bewusst ist, dass die Werke Karl Mays in dem Verlag, der als der maßgebliche Verteiler seiner Werke gilt, sowieso nur komplett gekürzte und "geglättete" Versionen abgedruckt werden und wurden.

Erst seit 4 oder 5 Jahren sind die Originalfassungen von May wieder erhältlich. Die letzten 100 Jahre wurde fast nur die - nicht von May selbst autorisierte - gravierend veränderte Version seines Werkes publiziert.

Dem Spaß der Jugendlichen und Erwachsenen hat es nicht geschadet. Trotzdem lese ich die Originaltexte. Warum auch nicht? Allerdings gibt es stellen, die einem sehr jungen Leser nicht vertändlich sein könnten. Darum sollte man für Jugendausgabe, die Bücher überarbeiten.

Mehr will ja keiner. Wer spricht davon, dass Bücher "umgeschrieben" werden sollen. Alle Versionen sollen erhältlich sein. Aber für jeden Gebrauch unterschiedlich angepasst. Ich werde keinem 5 Jährigen ein Buch vorlesen, in dem permanent ein Wort vorkommt, bei dem er nicht unterscheiden kann ob es affirmativ oder pejorativ, beschreibend oder kritisch Anwendung findet. Das soll Erwachsenen überlassen werden.

Re: süß

Vor dem Hintergrund des Lorenzklassikers "Das sogenannte Böse" finde ich Ihre Anwürfe direkt süß.
Steht denn in den Originalversionen nirgendwo "Apachen"? Nein? Sie werden dann doch sicher wissen, was "apachu" bei den Diné heisst. Und jetzt?
Noch süßer ist Ihre Annahme hinsichtlich meiner Rezeption "geglätteter" Versionen. Und im Original schreibt May dann von den Lakota, oder?
"Mit dem Müll" bin ich gekommen, weil (1) der im Regelfall von Jugendlichen gelesen wird bzw. wurde und (2) ich persönlich einiges von Indigenen und ihrer Namenswahl weiß.
Trotzdem danke für Ihre Literaturtipps!

Re: Re: süß

Ohh auch noch Interesse an Indianern? Na das hört sich ja ganz nach Esofreak mit Vorliebe für Waterloo & Robinson an.

Dass Sie in diese Sparte fallen, war schon nach ihren "poetisch" angedüdelten Postings absehbar. Howgh!

"Das sogenannte Böse" ist viel, aber bestimmt kein Klassiker. Lesen Sie mal die Aufsätze aus den 40er Jahren. Da hat ers noch ordentlich mit seiner rassischen Grundlegung der kantischen Transzendentalphilosophie. Weiter ist der Gute dann analytisch leider nicht gekommen. Obwohl ich irgendwie ein Fan bin von Lorenz. Tipp: Norbert Bischof "Gescheiter als alle die Laffen" ist eine tolle Lorenzbiografie, die nicht im Naziblabla steckenbleibt. Außerdem ist Bischof selbst ein - meiner Meinung nach - großer Denker, der auch recht streitbar schreibt. Politische Kategorisierungen prallen an dem Herrn allerdings ab. Man könnte ihn aber als konservativ bezeichnen.

Re: schmeicheln

Oh, vielen Dank, Sie schmeicheln mir!! Süß, doch noch ein bisserl May ... ;-)
Nein, eher für Erich Schmeckenbecher, Fabrizio de Andre oder Francesco de Gregori, aber auch egal ...

Der ORF brachte vor etlichen Jahren ein Kamingespräch zwischen Lorenz und Popper (Kreuzermoderation), das hatte durchaus was.

1984

Welchen "Beruf" hatte nochmal die Hauptperson in 1984 ?

was für Heuchler, alle!


Südseekönig

Das Änderungen in Kinderbüchern dringend notwendig sind liegt klar auf der Hand. Allerdings sind manche Änderungen nicht gut gemacht und deswegen verlieren die Bücher.

Was sollte denn der "Negerkönig" in Pipi Langstrumpf versinnbildlichen? Einen Vater der nicht präsent ist und eine Tochter die seine Abwesenheit durch seinen besonderen "Status" und besonderen "Beruf" zu erklären/entschuldigen versucht. Pipi ein Kind das alleingelassen ist und die (vermeintliche) Schuld nicht bei sich sehen will/kann.

Was wäre das also in unserer heutigen Welt - sicher kein Südseekönig - der wäre reich und mit dem Flieger in ein paar Stunden bei seiner Tochter - wohl eher ein Astronaut auf Raummission!

Literatur oder wie die Poesie verloren geht

Literatur wird geschrieben von Poeten, Dichtern also und Schriftstellern ... mit dem nicht zu unterschätzenden "Gefühl für Sprache". Diejenigen, die jetzt "ausbessern", ändern einzelne Wörter und zerstören somit die Poesie. Wie lange muss bzw. kann ich Astrid Lindgren "abändern" und es - das Werk (= Buch) - bleibt Astrid Lindgren?
Zudem ist dieser <b>Zensurwahn</b> eine GROBE Heuchelei ... drei "kleine Beispiele" dazu:
(1) "Eskimo" ... das ist eine heftige Verunglimpfung der Inuit,
(2) "Sioux" ... gröber kann man Lakota gar nicht beleidigen,
(3) "Squaw" ... ist eine Verballhornung eines Ojibwebegriffes und eine sehr tiefe Verunglimpfung von Frauen.
Conclusio: Liebe Zensoren, Ihr wisst gar nicht, welche Begriffe noch Beleidigungen sind. Daher lasst um der Poesie willen die Originalwerke so, wie sie sind. Begleitende Erklärungen bleiben Euch ohnehin unbenommen. Bei neuer Literatur kann ohnehin darauf geachtet werden. Ältere Literatur geht derart zensuriert langsam, aber sicher zugrunde. Habt Erbarmen mit der Poesie!

Re: Südseekönig

Man sollte nicht bei jedem Furz prüfen ob er von Bohnen stammt.

Die Kinder interessiert das nicht die Bohne.

Und sie sollten Pippi Langstrumpf auch nicht interpretieren müssen wie einen Philosophen. Das war sicher nicht Lindgrens Absicht.

Re: Re: Südseekönig

Es war aber auch sicher nicht ihre Absicht, jemanden zu beleidigen. Die Wortbedeutung bzw. der Wortgebrauch hat sich aber verschoben. Neger war früher vielleicht kein Schimpfwort. Heute ist es eines. Zu behaupten die alte Auffassung sei ursprünglicher wäre ebenso falsch, weil Worte nur die Bedeutung haben, die sie im Gebrauch der jeweiligen Gesellschaftssituation erhalten. Ergo wäre es sinnverfälschend, das Wort so stehen zu lassen. Man muss es durch eines ersetzen, dass in der heutigen Gesellschaft einen vergleichbar wertfreien Ton hat.

Sie sehen: nicht wir verändern die Sprache. Wir verändern uns und der Wortgebrauch hinkt hinterher. Dem kann man abhelfen, indem man die Wort dem heutigen Gebrauch gemäß "übersetzt": Neger (als damals wertfreier Ausdruck) entspricht einem anderen Ausdruck, wohingegen "Neger" selbst heutzutage mit Bedeutungsformen der Minderwertigkeit, Unterdrückung, Rassenhierarchie usw. verbunden ist.

Wenn wir das Wort so stehen lassen, DANN tun wir Lindgren ein Unrecht.

Re: Literatur

Literatur ist Poesie. Ihre Schöpfer hatten ein Sprachgefühl.

Durch das Verändern einzelner Begriffe wird diese Posie zunächst verändert und schließlich im Laufe der Zeit zerstört.
Zudem ist political correctness immer ein Kind der Zeit ... und der jeweiligen persönlichen Kenntnisse. Bei neuen Werken kann man diese Erkenntnisse einfließen lassen ... dabei bleibt die Poesie der Autoren erhalten.
"Alte" Werke werden poetisch zerstört.
btw Ayers Rock ist politisch nicht korrekt. Deswegen aber in einem 50er-Jahre-Atlas das Wort zu überpinseln, wäre grober Unsinn. Viel besser ist es, im heutigen Atlas Uluru zu verwenden.

Re: Re: Literatur

Was soll Poesie anderes sein als ein Kind ihrer Zeit?

Sie hantieren hier allerdings mit einem metaphysischen Poesiebegriff und der ist ebenfalls nur eine Konstruktion der Vergangenheit. Wieso sollte irgendein Sprachkonstrukt "höhere" Bedeutung oder "höheren" Wert haben, als ein anderes. Es gibt keinen unvergänglichen Kunstwert. Leute, die einen solchen behaupten, haben weder von Kunst, noch von ihrer Produktion Ahnung.

Re: ein Filmtipp

Vielleicht hilfts ja, man soll die Hoffnung nicht aufgeben.
"Der Club der toten Dichter."
Ihrer Meinung nach ist die Illias, der bello gallico, der Tristan, der Simplicissimus Teutsch, der Wilhelm Tell, des Knaben Wunderhorn, der Bahnwärter Thiel, die Tante Jolesch, how much, Schatzi?, das Silmarillion ... etc. ... keine Poesie ... schade!
Hm ... faszinierend ... wissen Sie, ich habe noch SEHR SELTEN einen reduktionistischen Linken getroffen ... die sind immer sehr bewusste Vertreter des Holismus.
"Kunst und <b>Produktion</B>" ... Sie sollten sich doch den Film ansehen ... unbedingt ... vielleicht hilfts ja was.

 
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