„Hitler-Romane“: Wenn aus Hitler ein „Dolfi“ wird

Der „Führer“ als Romanfigur ist umstritten, seit es diese gibt; wie weit darf man dabei gehen? In zwei Neuerscheinungen lebt Adolf Hitler als friedlicher Klon in Paris und wird zum Star eines Privatsenders.

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Adolf Hitler – AP Photo/pa, Tim Ockenden

Nicht nur Köche, auch Schriftsteller vertrauen auf bewährte Rezepte, das ist bequem und gelingt meist, auch wenn nicht immer Vierhaubenküche dabei herauskommt. Eines davon geht ganz einfach: Man nehme eine berühmte oder berüchtigte Person der Geschichte und versetze sie ins Heute. Ein Gutteil der Würze ergibt sich da durch den „Zeitclash“ fast von selbst.

Dieses Rezept ist beliebt und hat in den vergangenen Jahren eine ganze Batterie von Wiedergängern hervorgebracht. Im sehr netten Roman „Herr Mozart wacht auf“ von Eva Baronski etwa findet sich der Komponist als seltsamer Kauz ohne Habe und Papiere im modernen Wien wieder, eine Auferstehung, die sich Mozart nur mit einem göttlichen Auftrag erklären kann: Er muss sein Requiem vollenden.

Auf die Komik der Ungleichzeitigkeit vertraut auch der Ende Dezember in die Kinos gekommene, schon peinlich seichte Film „Jesus liebt mich“, der auf einem Roman des deutschen Drehbuchautors David Satier beruht. Da wundert sich die gute Marie über ihren Angebeteten, den feschen Palästinenser Jeshua, weil er keine Tomaten kennt und Obdachlosen die Füße wäscht - bis sie draufkommt, dass er Jesus ist und nur hier, um den für nächsten Dienstag geplanten Weltuntergang in die Wege zu leiten.

Hitlers Tonfall, irritierend gut

Aber der (so grausig das klingen mag) attraktivste Wiedergänger scheint immer noch Hitler zu sein. Das kann man in diesem Winter wieder sehen. Auf www.adolf-online.com wirbt Walter Moers für sein Filmprojekt „Adolf, die Nazisau“. Er will die abendfüllende Verfilmung seiner bekannten Hitler-Comics per Crowdfunding, also mittels Internet-Spendenaktion, finanzieren. Und erst vor wenigen Wochen ist die Druckausgabe des beachtlichen mediensatirischen Romans „Er ist wieder da“ von Timur Vermes erschienen. „Da“, will heißen im Berlin von heute, macht ein im Tonfall irritierend gut getroffener „echter“ Hitler Karriere im Privatfernsehen („Die Presse“ hat berichtet).

Ein deutsches Phänomen? Keineswegs, auch Frankreich hat soeben seinen neuen „Hitler-Roman“ erhalten, der von der Kritik bereits sehr gelobt wurde und wohl auch bald auf Deutsch erscheinen wird: „Dolfi et Marilyn“. Sein Schauplatz ist ein Pariser Vorort im Jahr 2060, der Gegenwart täuschend ähnlich bis auf die Existenz von als Spielzeug oder Helferleins gehaltenen Klonen. Auch Kopien von Toten sind erlaubt. Unfreiwillig gerät der Lehrer und Historiker Tycho Mercier durch einen Tombola-Gewinn in den Besitz von A.H.6, dem sechsten existierenden, eigentlich verbotenen Hitler-Klon (von seinem verstorbenen Nachbarn erbt er dann auch noch eine Marilyn Monroe). Was tun mit ihr und vor allem „Dolfi“?

Zumal „Dolfi“ nicht identisch mit Hitler ist, allein schon deswegen, weil Klone darauf programmiert werden, keinerlei Ego und Eigenliebe zu haben. Dolfi ist friedlich und tut, was man ihm sagt, der Erzähler empfindet sogar Mitleid mit ihm, das Bedürfnis, „diesen Körper zu beschützen.“ Mercier verzichtet also drauf, Dolfi loszuwerden, und so landet dieser schließlich im Fürstentum des Reinhard Gentschel, eines 130 Jahre alten Milliardärs und Hitler-Verehrers. Er will Germania bauen, die Hauptstadt, von der der reale Hitler einst träumte.

Der Autor versteckt sich – aus Angst?

Wer das alles geschrieben hat, ist nicht bekannt, der Name François Saintonge ist ein Pseudonym. Aus Angst? Jedenfalls besteht kein Grund zur Empörung, allein schon, weil „Dolfi et Marilyn“ nur auf den allerersten Blick ein Roman über Hitler oder Nazismus ist; eigentlich nicht einmal über Klone, mehr über unsere Ähnlichkeit mit ihnen. Dolfi und Marilyn sind der „Einmaligkeit beraubt, die jede Persönlichkeit“ ausmacht, meditiert der Erzähler – und hofft um ihretwillen, dass ihnen diese schrecklich traurige Tatsache nie bewusst wird.

„Eines der erstaunlichsten Talente, die sich in dieser Saison manifestiert haben“, schwärmte die französische Zeitung „Le Monde“. Auch im Fall des Romans „Er ist wieder da“ ist der übliche Misstrauensvorschuss für die Hitler-wieder-da-Kultur fehl am Platz. Der Journalist Timur Vermes ist kein Trittbrettfahrer der Hitler-„Lust“, sondern ein brillanter Satiriker der Medienindustrie. Und es stimmt, was das Buch eingangs ankündigt: dass nämlich „der Leser sich zunehmend dabei ertappt, wie er nicht mehr über Hitler lacht. Sondern mit ihm.“

Darf man das? Eine Antwort könnte lauten: Der gute Zweck heiligt die Mittel. Die Literaturwissenschaftlerin und Auschwitz-Überlebende Ruth Klüger erzählt von einer Frau, die um eine Signatur ihrer Autobiografie gebeten und dabei begeistert gesagt habe: „I love the Holocaust.“ Das Dilemma der (Un-)Vereinbarkeit von Holocaust und fiktionaler Literatur gilt in kleinerem Ausmaß auch für Hitler. Man kann sich damit immer wieder neu (und, was die zwei Romanneuerscheinungen angeht, ganz gut) arrangieren. Auflösen wird man es freilich nie.

Auf einen Blick

Als Romanfigur tauchte Hitler schon in den ersten Jahrzehnten nach seinem Tod auf, etwa in „The Fox in the Attic“ von Richard Hughes (1962) oder Herman Wouks „The Winds of War“ (1971). Berühmte Autoren setzten ihn ein: So landet er in Philip K. Dicks „The Man in the High Castle“ nach dem Krieg in einer psychiatrischen Anstalt, in Robert Harris' „Fatherland“ trifft er sich mit J. P. Kennedy.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2013)

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