Eva Menasse: "Wien schleppe ich sowieso mit mir herum"

Menasse hat ein atemloses Buch über eine Wienerin in Berlin geschrieben. Ein Gespräch über Hauptstädte, wechselnde Perspektiven und die Angst der Mütter.

Menasse Wien schleppe sowieso
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c APA HERBERT PFARRHOFER HERBERT PFARRHOFER

Die Presse: In „Quasikristalle“ wird eine Frau aus verschiedenen Blickwinkeln beschrieben – auch aus dem eines Mitarbeiters und eines Nachbarn. Hat es Spaß gemacht, die Perspektive von Männern einzunehmen?

Eva Menasse: Natürlich hat es Spaß gemacht, mir zu überlegen, wie der alte, rassistische Hausbesitzer in Hietzing so drauf ist – aber das gilt auch für die 14-jährige Göre in Berlin: Was sehen sie, und was übersehen sie, was haben sie für eine Sprache, was für Gedankengänge? Dazu kommt: Ich bin davon ausgegangen, dass Dinge, die man routinemäßig macht, eine andere Qualität bekommen als Dinge, die man nur ein-, zweimal erlebt: Als ich meinen Sohn bekommen habe, war das ein wahnsinniger Moment. Mein Mann sagte irgendwann: Für die Kinderschwestern ist das Alltag. Das hat sich mir eingeprägt. Wenn man etwa die Szene in meinem Buch nimmt, die im Konzentrationslager spielt: Für jene, die das erste Mal ein KZ betreten, ist das ein schwieriges, unangenehmes, emotional bewegendes Erlebnis. Aber was ist mit den Leuten, die Führungen machen? Ich habe mir gedacht: Steig doch einmal in die Schuhe des anderen. Das ist ein Zitat aus „Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee.

Sie legen ein ganzes Frauenleben vor – von der Kindheit bis zum hohen Alter.

Mich hat interessiert, wie man sich im Laufe des Lebens verändert. Verschiedene Lebensumstände führen zu verschiedenen Blickwinkeln. Ich war früher auf ganz blauäugige Weise liberal. Und ich habe immer für oberbescheuert gehalten, was mir meine Eltern alles verboten haben. Plötzlich redet man wie seine eigenen Eltern – und weiß auch, warum sie so geredet haben. Ich erinnere mich, wie mich kinderlose Freunde im Gartenhaus besucht haben und einer der Söhne meines Mannes ist auf dem Feldweg dicht hinter einem Auto hergefahren. Ich habe fast den Kaffeetisch umgeschmissen und bin brüllend hinausgelaufen: „Bist du narrisch! Ich habe dir doch hundertmal gesagt...“ Die kinderlosen Freunde haben sich nur gewundert: Was brüllt die da herum wie ein Obernazi? Ich habe vor Wut gezittert, weil ich gemerkt habe, dass es nicht vermittelbar ist: wie es ist, um ein Kind Angst zu haben. Solange man keine Kinder hat, ist man unbesorgt. Aber dann ist es aus mit der Coolness.

„Quasikristalle“ beschreibt das sehr gehetzte Leben einer Frau. Dauernd will jemand etwas von ihr, sie kommt nie zur Ruhe. Bis zu dem Moment, in dem sie als alte Frau mit ihrem Mann auf einer Parkbank sitzt. Und dann stirbt ihr Mann!

Die Perspektive bringt diese Ruhe. Ich wollte unbedingt, dass jemand Xane beschreibt, der nicht einmal ihren Namen kennt, eine Fremde, die sie zufällig aus der Ferne beobachtet. Jeder von uns erinnert sich doch an solche Szenen mit Fremden: Ich war etwa in einem Berliner Parkhaus Zeugin eines heftigen Streits. Man macht sich sofort ein Bild. Man sagt: Da war so eine Zicke, die hat die Nerven wegg'schmissen. Dabei kennt man sie gar nicht! Das kann der liebenswürdigste Mensch sein! Bei uns im Haus kann man vom Badezimmer aus hören, wie die Familie unter uns die Kinder zusammenbrüllt, und ich denke mir: Die hören mich auch.

 

Xane kommt am Ende nach Wien zurück: Wie geht es Ihnen zwischen Berlin und Wien?

Ein Kollege von Ihnen hat mich gestern gefragt, ob ich mich schon als Berlinerin sehe, und vergangene Woche hat ein Journalist in Hamburg gemeint, ich würde mich sicher als Österreicherin fühlen. Jeder scheint mir eine Identität anbieten zu wollen, aber interessanterweise immer die andere. Das, was man genau kennt bis aufs i-Tüpfelchen, wie die eigene Familie etwa, kann einem besonders auf die Nerven gehen, obwohl man besonders daran hängt. Ich kenne niemanden, der seiner Herkunft, seiner Familie oder seinem Geburtsort lau gegenübersteht, man fühlt Liebe, Ärger, Hassliebe, starke Gefühle, weil man dort ja gelernt hat, Emotionen zu haben. Ich mag die Vertrautheit in Wien. Anderseits ist es angenehm, wo anzukommen, wo man noch einmal auf null gestellt ist und sich neu inszenieren kann. Wien trage ich sowieso mit mir herum. Die Sprache ist wie ein Stempel, sobald ich den Mund aufmache, fragt man mich: „Sie kommen aus Österreich?“

 

Welche sprachlichen Unterschiede fallen Ihnen besonders auf?

Die Wendung „Es geht sich aus“ kann man in Österreich in verschiedenen Zusammenhängen verwenden: zeitlich, räumlich, auch emotional. Für jeden dieser Anwendungsfälle muss ich im Deutsch-Deutschen eine andere Formulierung finden: Schaffe ich das zeitlich noch? Habe ich noch genug Platz? Und: Das Obszöne sitzt an anderen Orten: Ein „weißer Gspritzter“ – das kann ein Berliner Kellner als sexuelle Belästigung verstehen. Umgekehrt bin ich zusammengezuckt, als ich das erste Mal hörte: „Die muss mit dem Klammerbeutel gepudert sein.“


Und wenn Sie die Wiener mit den Berlinern vergleichen?

Beides sind Hauptstädter und werden als Hauptstädter gehasst, beide haben einen eigenen Humor, der schwer zu erlernen ist für den, der dort nicht aufgewachsen ist. Der Wiener ist erst freundlich und dann „gfeanst“, der Berliner rüpelt dich an, aber wenn du ihm eine zurückgibst, am besten eine schön geschwungene, seid ihr Freunde.

Der Roman

„Quasikristalle“ ist ein Roman über ein Frauenleben aus verschiedenen Perspektiven: Im Mittelpunkt steht Xenia, wie die Autorin selbst in Wien geboren und in Berlin heimisch geworden. Eine Schulfreundin und eine Fortpflanzungsmedizinerin, ein Nachbar, eine zufällige Beobachterin, die Stieftochter und viele andere beschreiben ihre Begegnungen mit der wehrhaften Frau – aus den einzelnen Beobachtungen ergibt sich ein Bild. („Quasikristalle“, Kiepenheuer & Witsch, 432 Seiten, € 20,60; eine Rezension finden Sie morgen im „Spectrum“) .

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.02.2013)

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