Literatur: Familie, ein Missverständnis

Mutter, Tochter, Enkelin: J. Courtney Sullivan und Renate Ahrens erzählen beide von Frauen, für die Familie vor allem eines bedeutet: Einander partout nicht zu verstehen.

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(c) Deuticke

Zweimal ist es Sommer, einmal in Cape Neddick, einmal in Rom. Und zweimal spielen die Männer bestenfalls eine Nebenrolle: Es sind die Frauen, die sich das Leben schwer machen. Weil sie Generationen, Wertvorstellungen und Lebensumstände trennen – und in beiden Romanen auch noch ein Geheimnis.

In J. Courtney Sullivans „Sommer in Maine“ ist es Alice, die die wahre Dimension des dunkelsten Kapitels ihres Lebens nicht einmal ihrem Priester erzählt – und dabei ist der für sie, irischstämmig, fromm, katholisch und Witwe, noch der wichtigste Mann in ihrem Leben. Freilich auch einer, der der bissigen Matriarchin wenig anhaben kann – spätestens, seit sie in einem trotzigen Akt ihr Ferienhaus in Maine, 1945 bei einer Wette gewonnen, der Kirche vermacht hat.


Vier Frauen im Strandhaus. Doch noch bewohnt sie es, es ist Juni, und äußere Umstände haben den strengen Hausnutzungsplan ihrer Kinder durcheinandergewirbelt: Alice findet sich in dem Idyll des Stranddomizils nicht nur in Gesellschaft ihrer Tochter Kathleen und ihrer Enkelin Maggie, sondern auch ihrer peniblen Schwiegertochter Ann Marie wieder. Die hat sich hochgeheiratet, fühlt sich aber gescheitert: Ihr Lebenswerk, ihre Kinder, sind egoistisch, lesbisch oder überfordert, jedenfalls nicht so, wie sie sie gern hätte. Bleibt ihr nur ihr Puppenhaus, um eine perfekte Welt zu schaffen.

Ein klares Feindbild für Schwägerin Kathleen also, geschieden, unordentlich, trockene Alkoholikerin, die nach Kalifornien geflüchtet ist, um sich mit einer Wurmfarm als Düngerproduzentin ein neues Leben aufzubauen. Und die nur angereist kommt, weil ihre Tochter Maggie frisch getrennt und schwanger ist. Es passiert, was immer passiert: Sie trifft ihre Mutter und landet in der alten Rolle, die doch so gar nicht der Person entspricht, die man heute ist. Oder sein will.

Wobei das Verhältnis Kathleens zu Alice freilich auch wieder belastet ist, wenn man weiß, dass Alice, damals in den Vierzigerjahren, doch von einem „Leben allein“ geträumt hat, als Malerin in Paris, nicht als Mutter in Boston. Und nur geheiratet hat, weil ihre Schwester das nicht konnte – die ist nämlich tot. Vieles davon weiß dabei aber eben nur der Leser: Sullivan, Jahrgang 1982, erzählt aus wechselnder Perspektive – Familie als ein einziges, großes Missverständnis. Nicht zuletzt aufgrund des unterschiedlichen Zeitpunkts der Geburt: „Timing ist alles, wenn es darum geht, eine Frau zu sein.“

Erzählt ist das alles spannend und flüssig, wenngleich stilistisch etwas schlicht. Immerhin: Als der Roman auf Englisch erschien, zählte ihn das „Time“-Magazin zu den zehn besten des Jahres 2011.


Ferne Töchter. Auch Judith Velotti, die Protagonistin im neuen, nüchtern geschriebenen Roman der Deutschen Renate Ahrens, hat ein Kapitel ihrer Jugend tief in sich vergraben. Nicht einmal ihr Mann weiß wirklich, warum sie mit 17 die Tür ihres Hamburger Elternhauses hinter sich schloss, per Anhalter nach Rom fuhr und sich hier ein neues Leben aufgebaut hat: glücklich verheiratet mit einem reichen Anwalt, als Restauratorin von Fresken erfolgreich. Nur Kinder können die beiden keine bekommen. Da kommt ein Anruf, der sie zurück nach Deutschland treibt: Die „ferne Tochter“ macht sich auf die Suche nach dem, was von ihrer Familie übrig ist.

Und findet nicht nur ihre sterbenskranke Mutter, sondern auch ihre eigene Tochter: Mit 16 schwanger, von der neidischen Mutter ignoriert, vom erzreligiösen Vater verprügelt und bedroht („Wenn du das Kind abtreiben lässt, bist du nicht mehr meine Tochter“), hatte sie das Kind zur Adoption freigegeben. Keine einfache Konstellation, in der nur die alte Regel hilft: Damit es funktioniert, muss man über vieles hinwegsehen. Man hat ja nur eine Familie.

J. Courtney Sullivan „Sommer in Maine“. übersetzt von: Henriette Heise, Deuticke, 512 Seiten, 20,50 Euro.

Renate Ahrens „Ferne Tochter“. Knaur, 288 Seiten, 10,30 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.02.2013)

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