Eine große Schachnovelle

23.02.2013 | 18:37 |  von clementine skorpil (Die Presse)

In Jennifer duBois' spannendem Debüt treffen eine Amerikanerin und ein Russe aufeinander, die vieles trennt, aber eines eint: Sie stellen sich einem aussichtslosen Kampf.

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Ich bin mein Gehirn.“ Um diesen Satz, gegen den der Philosoph Peter Strasser unter anderem im Spectrum der „Presse“ vehement zu Felde gezogen ist, kreist das Debüt von Jennifer duBois. Der Titel des Buches „Das Leben ist groß“ könnte als Antithese dazu gelesen werden. Ist also das Menschsein doch etwas Größeres, Universelleres, das über das funktionstüchtige Materielle hinausweist? Darauf gibt das Werk – naturgemäß – keine letztgültige Antwort. Es herauszufinden, ist aber für eine der beiden Hauptfiguren des Romans – Irina Ellison – von existenzieller Bedeutung. Sie hat von ihrem Vater die unerbittliche Krankheit Chorea Huntington geerbt. In seinem Nachlass findet sie einen Brief an Alexander Besetow, einen russischen Schachspieler, der in den Achtzigerjahren mit nur 22 Jahren Weltmeister wurde. Darin stellt Irinas Vater dem jungen Mann die entscheidende Frage: Wie Besetow damit umginge, wenn er in einer Partie merke, dass er verlieren werde, dass die Niederlage unausweichlich sei. Besetow hat nicht geantwortet. Nun macht sich Irina auf die Reise nach Russland, um ihm diese Frage noch einmal zu stellen.

Alexander Besetow ist der andere Protagonist, dessen Geschichte in einem eigenen Strang erzählt wird. Ironischerweise wird gerade er vor allem zu Beginn seiner Karriere – trotz der Erfolge im Schach – aufgrund seiner sozialen Inkompetenz und seiner Herkunft aus der Provinz für dumm gehalten. Und selbst als er schon auf dem Weg zur Weltmeisterschaft ist, gibt die Nachrichtenagentur TASS noch Pressemeldungen heraus, in denen anklingt, dass Besetow nicht gerade helle sei.

Aussichtslose Projekte. Irina gelingt es tatsächlich, mit Besetow in Kontakt zu kommen. Dabei stellt sie fest, dass nicht nur sie ein schier aussichtsloses Projekt verfolgt – nämlich in Würde zu sterben trotz einer Krankheit, die dem Menschen ebendiese nimmt. Auch er hat sich auf einen Kampf eingelassen, den er nur verlieren kann: Er tritt als Präsidentschaftskandidat gegen Wladimir Putin an und riskiert dabei sein Leben. Spätestens hier wird klar, wer für die Figur Alexander Besetows Pate gestanden hat: Garri Kimowitsch Kasparow wollte genau das tun, wurde aber mit der Begründung, seine Bewegung „Das andere Russland“ – so heißt sie übrigens auch im Roman – sei keine Partei, von der Wahl ausgeschlossen.

Irina beginnt, für Besetows Gruppierung zu arbeiten. Eines Tages reden die beiden darüber, wer der letzte ebenbürtige Schachgegner Besetows war. Er erzählt von seiner Niederlage gegen den Computer. Hier wird nun eine These vorgebracht, die die Bedeutung des Gehirns zumindest relativiert, nämlich die, dass das menschliche Genie überhaupt obsolet geworden sei. Vielmehr ginge es darum, „etwas Größeres und Besseres zu schaffen als sich selbst und ihm staunend zuzusehen“.

Jennifer duBois erzählt diese an sich tragische Geschichte mit einer Spritzigkeit und Leichtigkeit und mit einer Routine, als wäre es nicht ihr erstes, sondern schon ihr hundertstes Buch. Es zeugt von umfassender Kenntnis des Spiels der Könige. Die setzt sie jedoch sparsam genug ein: Leser, die mit Schach nichts anfangen können, langweilen sich trotzdem nicht.

DuBois hat aber auch die Geschichte der ehemaligen Sowjetunion genau studiert. Die Zustände Ende der 1970er- und Anfang der 80er-Jahre werden so akkurat geschildert, als wäre duBois selbst dabei gewesen, was allein deshalb nicht sein kann, weil sie erst 1983 geboren wurde, den Fall der Mauer also als sechsjähriges Kind mitgekriegt hat.

Befremdend sind die „Lektüreanregungen“, die dem Buch angehängt sind und in ihrem erzieherischen Gestus (die erste solche Anregung etwa lautet: Verhält sich Irina eher mutig oder feige? Würden Sie sagen, dass die Geschichte für sie gut ausgeht?) so wirken, als habe der Literaturlehrer für die Maturaarbeit Fragen zur Orientierung der Schüler gestellt, anhand derer sie sich durch die Arbeit hanteln können.

Für dieses auch sprachlich absolut herausragende Debüt hat Jennifer du Bois große Anerkennung erfahren. Stellt sich die Frage: Ist der Text bloß der Ausfluss zahlreicher, besonders gut vernetzter Synapsen und Neurotransmitter in entsprechend ausgewogenem Verhältnis? „Oh, life is bigger...“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2013)

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