Neuerscheinung: Königin Ester ganz von der Rolle

24.02.2013 | 18:49 |  von Almuth Spiegler (Die Presse)

Taschen fügt seinen extra großen Bänden eine Ester-Rolle hinzu. Das Buch Ester wird zum jüdischen Purim gelesen, das Sonntag gefeiert wurde.

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Xerxes sucht die Superfrau“, so würde heute eine Realityshow benannt werden, gegen die der „Bachelor“ blass aussieht: Dabei spielt sich die ursprüngliche Geschichte in der Bibel ab, christlich gesagt im Alten Testament. Waschti hieß die – aus feministischer Sicht durchaus mutige – bildhübsche Gemahlin des persischen Königs Achaschwerosch (Hebräisch für XerxesI., 485–456 v. Chr.). Doch am Ende eines Festes weigerte sie sich, vor die Gäste ihres Gemahls zu treten (ob nackt oder nicht, ist nicht ganz klar). Prompt wurde sie vom Hof verjagt. Und der König ließ im ganzen Land Ersatz suchen. Die schönsten Jungfrauen werden monatelang gesalbt und ihm schließlich zugeführt. Überzeugen konnte ihn aber nur eine gewisse Ester, ein Waisenkind. Sie wurde zur neuen Königin. Ihre jüdischen Wurzeln verschwieg sie erst einmal auf Rat ihres Ziehvaters Mordechai. Dieser stand im Dienst des Königs und warnte ihn über Ester schließlich vor einem Mordanschlag.

 

Stoff für die antijüdische Propaganda

Mordechai aber hatte einen mächtigen Feind, den höchsten Berater des Königs, Haman. Dieser verlangte, dass alle Diener vor ihm niederknieten, was Mordechai aber verweigerte, er wolle nur vor Gott sich beugen. Worauf Haman den König überzeugte, dass dieses Volk vernichtet werden müsse. Doch Ester schritt ein, erklärte das Komplott – und erwirkte schließlich ein gegenteiliges Gesetz, was den Nationalsozialisten Stoff für ihre antijüdische Propaganda gab: Die Juden durften sich gegen ihre Feinde wehren, 75.000 Perser starben.

Am nächsten Tag herrschte Ruhe und Frieden bei den Juden, was bis heute beim Purim-Fest gefeiert wird, dem „jüdischen Fasching“, wie Nichtjuden sich den Anlass erklären, bei dem es ausgesprochen weltlich zugeht und sich vor allem die Kinder verkleiden. Warum? Die sogenannte Umgebungskultur könnte dafür verantwortlich sein, das heißt, der in etwa zur gleichen Zeit gefeierte Fasching. Oder auch der Umstand, dass im Buch Ester der Name Gottes nie konkret genannt wird, nur „verkleidet“. Eine Ausnahme in der Bibel, wie auch das ganze Fest eine reine Ausnahme ist, die früher auch genutzt wurde, um wie zur Narrenzeit die sozialen Verhältnisse umzudrehen.

Gestern, Sonntag, war es wieder einmal so weit, am 14. Adar des jüdischen Kalenders, dem Zeitpunkt, der ursprünglich die Auslöschung der Juden bedeutet hätte, bestimmt vom Haman durch ein Los, auf Hebräisch eben Purim. An diesem Tag beschenkt man traditionell Freunde mit Essen und Arme mit Geld, isst mit Nuss, Powidl oder Mohn gefüllte Teigtaschen, die an die Ohren Hamans erinnern sollen und trinkt so viel Wein, dass man die Guten nicht mehr von den Schlechten unterscheiden kann, wie man sagt. Mit Ratschen, die an die christlichen Oster-Ratschen erinnern, wird jedes Mal Lärm gemacht, wenn der Name Hamans fällt, was er zumindest bei der Lesung aus speziellen „Ester-Rollen“ am Vorabend des Festes in der Synagoge mehrfach tut.

 

Einzige auf Deutsch verfasste Ester-Rolle

Diese Ester-Rollen sind oft kostbar ausgefertigt, meist sind ihre Hüllen aus Holz oder Silber aufwendig verziert, Ester-Rollen im privaten Besitz können auch reich illustriert sein. Nur eine einzige auf Deutsch verfasste Ester-Rolle ist bekannt, sie wird in der Leibniz-Bibliothek in Hannover aufbewahrt. Der Taschen-Verlag gibt diese 6,5 Meter lange, farbig illustrierte Rolle jetzt als Faksimile heraus, in handgearbeiteter Holzschatulle, in limitierter Auflage von 1746 Exemplaren, das Datum ihrer Entstehung zitierend. Lang wusste man nicht, wer ihr Verfasser war, der Historiker Falk Wiesemann hat dies nun aufgeklärt: Es dürfte der jüdische Schriftgelehrte und Künstler Wolf Leib Katz Poppers aus Hildesheim gewesen sein.

Am Donnerstag, 18.30Uhr, wird nicht nur die Faksimile-Ausgabe im Wiener Jüdischen Museum präsentiert, sondern auch die originale Rolle sowie einige historische andere Ester-Rollen aus dem Bestand des Museums. Unter anderem wird der Ko-Autor des begleitenden Kommentarbands, Emile Schrijver von der Universität Amsterdam, sprechen, der als einer der wichtigsten Experten für jüdische Handschriften gilt.

„The Esther Scroll“, Falk Wiesemann, erschienen im Taschen Verlag, 500 Euro. Deutsch, Englisch, Französisch, Hebrew

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.02.2013)

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