„Kriminalgeschichte des Christentums“: Zum Teufel, was heißt hier christlich!

27.03.2013 | 18:14 |  ANNE-CATHERINE SIMON (Die Presse)

Karlheinz Deschner hat wie kaum ein anderer das Bild der „bösen Kirche“ geprägt, nun hat er sein Opus magnum abgeschlossen: ein Zeugnis 25 Jahre leidenschaftlichen Eifers – und Hasses.

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Das Christentum ist „durch seine ganze Geschichte als Inbegriff und leibhaftige Verkörperung und absoluter Gipfel welthistorischen Verbrechertums ausgewiesen“. Der Satz umklammert ein Lebenswerk. Zweimal steht er in der bei Rowohlt erschienenen „Kriminalgeschichte des Christentums“, am Anfang des ersten, 1986, und am Schluss des zehnten, soeben erschienenen Bandes.

Sein Autor gilt den einen als hasserfüllter Scharlatan, anderen als „der bedeutendste Kirchenkritiker der Gegenwart“. Mit 87 Jahren hat Karlheinz Deschner nun den offiziellen Schlussstein gesetzt für die gemessen an der Seitenzahl wohl gewichtigste Anklageschrift, die je gegen das Christentum geschrieben wurde. Es ist der Schluss eines Ermüdeten, er behandelt nur noch das 18. Jahrhundert samt „Ausblick auf die Folgezeit“. Themen sind vor allem die Kriege in Skandinavien, die Gräueltaten Ivans des Schrecklichen, der Niedergang des Papsttums, die Trennung von Staat und Kirche.

Wer Deschner kennt, erkennt ihn hier gleich wieder – das Kompilieren von Anekdoten zu Nepotismus, Geldgier oder Heuchelei, den spöttischen Ton mit Kapitelüberschriften wie „Foltern, Pfählen, Köpfen, Beten oder ,Lasst uns alle einig sein in christlicher Liebe!‘“ oder die Ausweitung des christlichen Sündenregisters auf sämtliche Machthaber: Prinz Eugen etwa, das angebliche Muster „christlicher Werte“, wird als grausamer Machtmensch gezeigt.

 

Schlimmer als Hitler?

Neben dem Christentum erscheine „selbst ein hypertropher Bluthund wie Hitler noch fast wie ein Ehrenmann“, schreibt Deschner in seinem Schlusswort. Denn dieser habe wenigstens nicht den Frieden gepredigt. Deschner zitiert sich hier selbst. 1969 haben ihn diese Worte sowie die eingangs angeführten vor Gericht gebracht. Da hat der ehemalige (u.a.) Theologiestudent, der mit einer Arbeit über „Lenaus metaphysische Verzweiflung“ promoviert hat, bereits sein Buch „Und abermals krähte der Hahn“ veröffentlicht. Es war seine erste Verbrechensgeschichte des Christentums. Ursprünglich hätte das Werk „Gott geht in den Schuhen des Teufels“ heißen sollen. Diese Eingebung, erzählt Deschner, habe er beim Anblick zweier friedlich dahingehender Geistlicher gehabt, und sie habe „meine Arbeit, mein Leben“ bestimmt. Wissenschaftlich war Deschner nie anerkannt, aber in der breiten Öffentlichkeit wurde seine Sicht der Kirchengeschichte ungeheuer populär. Seit einem halben Jahrhundert prägt er maßgeblich mit, was „man“ über die „böse Kirche“ weiß oder zu wissen glaubt. Im Jahr 2000 entschuldigte sich Papst Johannes Paul II. als erster Papst für Irrtümer und Verbrechen im Namen des Glaubens; als Deschner zu schreiben begann, schien das noch undenkbar, und seine Bücher müssen für viele wie ein Befreiungsschlag gewirkt haben.

 

Neue Opferzahlen für Hexenverfolgung

Seiner Arbeitsweise bleibt der Autor auch in seinem neuen Buch treu. Er klaubt Material aus Unmengen an Sekundärliteratur zusammen und präsentiert die Collage als „das Ganze des Christentums“. Dabei reißt er freilich Fakten teilweise sogar sinnverkehrend aus ihrem historischen Kontext. Und der Begriff „christlich“ ist so weit gefasst, dass fast alle Vergehen der westlichen christlichen Zivilisation darin Platz haben. Trotzdem ist Deschners „Kriminalgeschichte“ immer noch als „Standardwerk für Kirchenkritiker“ beliebt. Seine Schilderungen etwa von Inquisition und Hexenverfolgung, die auf Literatur der 1960er- und 1970er-Jahre zurückgreift, entsprechen auch den bis heute in der Populärkultur kolportierten Mainstream-Vorstellungen.

Allerdings zeichnet die universitäre Geschichtsschreibung gerade in diesem zentralen Punkt der Anklage längst ein radikal anderes Bild. Neun Millionen Menschenleben, hieß es noch bei Deschner, habe der Hexenwahn gefordert, und die kirchliche Inquisition sei der Hauptakteur gewesen. Heute schätzt man die Zahl der Opfer auf (immer noch schreckliche und durch die Kirche mitverschuldete) 50.000. Diese fielen aber zum Großteil nicht geistlichen, sondern weltlichen Gerichten zum Opfer. „Mit besonderer Hartnäckigkeit hält sich das Vorurteil, Hexenprozesse hätten in ihrer großen Masse vor geistlichen Inquisitionsgerichten stattgefunden“, hieß es schon vor zehn Jahren in der großen Schau „Hexenwahn“ im Deutschen Museum Berlin. „In jenen Ländern, in denen die Hexenverfolgung in Händen der Inquisition lag, kann man gerade bei den neuzeitlichen Inquisitionsbehörden einen gemäßigten, ja vorsichtigen Umgang mit dem Hexereidelikt feststellen.“ Die spanische Inquisition ist keine Ausnahme. Gerade sie habe die Hexenverfolgungen „zunächst unter ihre Kontrolle gebracht und 1526 praktisch beendet“, schreibt einer der besten Kenner der Hexenverfolgung, Wolfgang Behringer. Sie ging viel zurückhaltender vor als weltliche Gerichte, verhängte nur selten die Todesstrafe. Sie lehnte auch den berüchtigten „Hexenhammer“ des Heinrich Kramer ab.

 

Das Christentum wertete Frauen auch auf

Der deutsche Kirchenhistoriker Arnold Angenendt hat 2008 mit dem 800-Seiten-Buch „Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert“ eine maßvolle Gegendarstellung zu Deschners „Kriminalgeschichte“ geliefert. Er entschuldigt nichts, differenziert aber und relativiert vieles. Er zeigt zum Beispiel, wie das Christentum neben frauenfeindlichen Tendenzen auch die Frau aufgewertet hat (durch das christliche Personen- und Eheverständnis). Er zeichnet auch nach, wie die Vorstellung der Gottesebenbildlichkeit jedes Menschen zum Argument gegen Sklaverei und Gewalt wurde. Zur Durchsetzung ihrer Forderungen habe die Kirche einzigartige, höchst erfolgreiche Instrumente entwickelt, schreibt er, die „aber auch bösartig entgleisen konnten“.

Der österreichische Theologe Adolf Holl, der nicht gerade als Apologet der Kirche bekannt ist, schrieb 1992 in seiner Autobiografie über die „Kriminalgeschichte des Christentums“: „Ausgeblendet ist dabei die lange Geschichte der christlichen Güte, die aus derselben Wurzel sich nährt wie der christliche Eifer.“ Deschner, der Eiferer, würde diesen Einwand wohl mit einem Satz aus seinem Opus magnum abschmettern: „Die guten Christen sind die gefährlichsten – man verwechselt sie mit dem Christentum.“

Zur Person

Karlheinz Deschner, 1924 in Bamberg geboren, studierte u.a. Literaturwissenschaft, Jus, Philosophie, Theologie und Geschichte. Er veröffentlichte zwei Romane und kirchenkritische Werke (v.a. 1962 „Und abermals krähte der Hahn“), 1986 erschien der erste Band der „Kriminalgeschichte des Christentums“. Band zehn über das 18. Jh. ist nun bei Rowohlt erschienen, außerdem bei Alibri eine Neuausgabe seines Werks „Die Politik der Päpste“, das bis ins 20 Jh. reicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2013)

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73 Kommentare
 
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Ihr trauts Eich woas... Danke!!! Und dem gesamten Team schöne Ostern


"Lejos de nosotros la funesta manía pensar"-"Fern von uns sei die verhängnisvolle Manie zu denken."

Mein Bruder ist praktizierender Christ. Ich liebe ihn deshalb nicht weniger. Er konnte mich trotzdem mit seiner Glaubenslitanei nie infizieren. Selbst glaube ich bei Jesus an einem Menschensohn (hebräisch ben adam, aramäisch bar enascha oder bar nascha) und weit breit sehe ich keinen göttlichen (nicht einmal in Form einer Phantasiegestalt) Urvater unserer Menschwerdung. Ein Beispiel: Wenn ich heute in meiner Heimatgemeinde in die Kirche renne und was von Gott und seinen Heerscharen fasle lande ich in der Psychiatrie. Der Pfaffe selbst darf derartige Unsinnigkeiten straffrei in die Welt setzen. Kein Mensch würde deshalb seinen „gesunden“ Menschenverstand in Frage stellen. Dabei hat er nicht den geringsten Schimmer von was er da daherredet. Der Irrglaube an eine Wiedergeburt ist die verführerische Angstneurose vieler Christen. Ich nenne es schlichte Götzenanbeterei mit dem Glaubensritualen Freifahrtschein in eine jenseitige Glücksseligkeit.

Re: "Lejos de nosotros la funesta manía pensar"-"Fern von uns sei die verhängnisvolle Manie zu denken."

"Mein Königtum ist nicht von dieser Welt"

Ich möchte wissen,...

wie viele der Verfasser von Kommentaren Designers Buch schon gelesen haben?!

Re: Ich möchte wissen,...

Ein Buch hab' ich gelesen. Es trieft vor Hass.

Re: Ich möchte wissen,...

Ich hab den "Kummerlmist" schon hinter mir- schade um die Zeit und vor allem um das Geld!

Aber es gibt auch gute Bücher über kritische, sehr interessante Betrachtungen der Kirchengeschichte - etwa -Toleranz und Gewalt- von Arnold Angenendt.

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Re: Ich möchte wissen,...

Mit Wissenschaft hat Deschner jedenfalls nichts zu tun, er gibt wieder, was der Mainstream halbgebildeter Menschen glaubt, über die Kirchengeschichte zu wissen und fühlt sich nach der romanhaften Lektüre bestätigt, das ist alles...
Ein ähnliches Elaborat über den Islam wäre trotzdem interessant !

Re: Re: Ich möchte wissen,...

Deschner macht nicht Wissenschaft sondern hat Fakten zusammengekratzt. Anstatt dass Sie von "Mainstream der Halbgebildeten" plappern könnten sie ja glaubwürdiger auch nur irgend eine Deschner-Aussage widerlegen, anstatt ihm in frömmelnder Mainstream-Entrüstung von Gläubigen ans Bein zu pinkeln....
Verletzt er womöglich ihre religiösen Gefühle?

Re: Re: Re: Ich möchte wissen,...

Dieses Posting ist unter meinem Niveau, daher beantworte ich die Anfrage nicht. Du hast das Problem des Mainstream an sich leider noch nicht verstanden, kann man nix machen... Andere denken halt für dich und du glaubst, es sind deine eigenen Gedanken. Zum Trost: You are not alone !

Re: Re: Re: Re: Ich möchte wissen,...

...haha, aus ihnen spricht kein Niveau sondern die volle Arroganz der frömmelnden Gläubigen, das macht aber nichts, ist eben auch ein eigener Mainstream...;-)

Die Deschner-Kritiker hier

sind alles katholisch fremdbestimmte Menschen, die es nicht wahrhaben wollen, welch blutigen und kriminellen Organisation sie angehören und nachlaufen.

Aber mit dieser Beschränktheit müssen sie zurecht kommen.

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Re: Die Deschner-Fanatiker hier

Und welcher "blutigen und kriminellen Organisation" gehören Sie an?

Damit müssen SIE leben!

Re: Die Deschner-Kritiker hier

Na sie wissens aber ganz genau - den Anhängern der bestialischen und grausamen Ideologie des Nationalsozialismus und des Kommunismus ist nichts zu dumm!

Fast sehr guter Artikel

Frau Simon hat ihn ja ziemlich neutral hingebracht, bloß der Hinweis auf die Verwendung üppiger Sekundärliteratur (als wissenschaftlicher Vorwurf) ist verzerrend, da es einfach an ungefilterter Primärliteratur mangelt. Sie erschöpft sich in Arbeiten von kirchenabhängigen Instituten, die ergebenst die gesammelten Sagen der Bibel vatikangetreu interpretieren und als Wahrheit hinstellen. Und so auch die Kirchengeschichte als Gottgewollt und seligmachend empfinden.
Deschner hat Fakten recherchiert, und es gelingt einfach nicht, seinen "Behauptungen" mit falsch und unwahr zu begegnen. Wie sehr nur haben sich seit Jahren frömmelnde Christen samt ihrem geistlichen Management darum bemüht! Aber sie konnten bloß Deschner als Feindbild inszenieren und als Virus isolieren.
Dass die Kirchengeschichte auch viele positive Seiten hat wird von niemanden bezweifelt, dazu hätte Frau Simon gar nicht Angenendt herbeizusehnen müssen oder Holl aus dem Zusammenhang zu zitieren, denn Deschner schrieb eben eine "Kriminalgeschichte". Und nicht Unterstützungsliteratur für christliche Missionare. Allemal lesenswert und auch zum Nachdenken über das verbogene Geschichtsverständnis der erstarrten Kirche.

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„Die guten Christen sind die gefährlichsten – man verwechselt sie mit dem Christentum.“

Na was ist er denn selber, der Herr Deschner?

Habe meinen Deschner schon vor Jahrzehnten gelesen und bin dennoch (noch) nicht aus der Kirche ausgetreten.

Heute interessieren mich andere "Ketzer" mehr:

http://www.youtube.com/watch?v=dMotaaEbsN0

und die Entstehungsgeschichte dazu (auf englisch, deutsch als DVD z.B. bei Amazon):

http://www.youtube.com/watch?v=xL5l18e7ghw

Vielleicht ein bisserl "esoterisch", aber immer noch besser als die Tiraden vom alten Deschner ...

Re: „Die guten Christen sind die gefährlichsten – man verwechselt sie mit dem Christentum.“

Ein "bisserl" esoterisch?? Jedenfalls nicht katholisch

das wahre problem

sind verblendete eiferer, egal welcher überzeugung, religion oder politischen orientierung. und dazu gehört wohl auch herr deschner.

Scheint ein widerlicher Mensch zu sein....

Hab ein wenig in seiner Biographie und auf seiner Website gesurft - und dieser Herr Descher scheint ein wirklich widerlicher Mensch zu sein - selbstgerecht, besserwisserisch, stur und überheblich. Wer nicht seines Geistes ist, ist eben zu dumm um ihn zu verstehen. Naja, so sieht Aufklärung nicht aus...

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Sta*inismus, Na*ionalso*ialismus oder radik. Isl.

sind dem Herrn Desch. völlig egal. Er weiß, wo das Böse sitzt und zeigt dadurch, wie beschränkt er denkt.

Re: Sta*inismus, Na*ionalso*ialismus oder radik. Isl.

Man darf nicht übersehen, dass auch Faschismus und Nationalismus ihre ideologische Basis im Christentum haben. Dass Deschner , da er in einer christlichen Umwelt lebt, das Christentum besser kenn und kritisiert, heisst noch lange nicht, dass andere Religionen von ihm als besser bezeichnet oder bevorzugt behandelt werden. Das Problem des Christentums ist auch eines anderer Religionen, vor allem dort, wo sie Mehrheiten haben.

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Re: Re: Sta*inismus, Na*ionalso*ialismus oder radik. Isl.

Erklären Sie mal schlüssig, wieso der Faschismus seine ideologische Basis im Christentum habe. Auf das bin ich gespannt. Einfach hinausposten kann jeder - also kurz und bündig bitte.

Re: Re: Re: Sta*inismus, Na*ionalso*ialismus oder radik. Isl.

Na, dazu gibt es jede Menge Literatur, psychologische Untersuchungen, historische Parallelen etc. Und auch die Philosopie, soferne sie keine theologisch basierte ist, gibt viele Hinweise. Lesen bildet!

Re: Re: Re: Sta*inismus, Na*ionalso*ialismus oder radik. Isl.

unter "normalen" Umständen ist es vollkomen unerheblich wer Jude ist oder eben nicht...

wenn nun über Jahrhunderte ohne Milde und ohne Gnade gehusst und gehetzt wird - erst dann wird annähernd verständlich dass das Programm der Nazis als "rationale" Politik durchging...

der "Verdienst" der RKK ist es "Rationalität" und "Menschlichkeit" pervertiert zu haben...

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Re: Re: Re: Re: Sta*inismus, Na*ionalso*ialismus oder radik. Isl.

Sie reduzieren jetzt Faschismus auf Judenhetze? Etwas simpel, oder?

Re: Re: Re: Re: Re: Sta*inismus, Na*ionalso*ialismus oder radik. Isl.

dass ihnen dazu nicht mehr einfällt spricht für sie

die RKK hat ihre politische Vollendung im Nationalsozialismus gefunden ... der Rest ist Niedergang ...

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Re: Re: Re: Re: Re: Re: Sta*inismus, Na*ionalso*ialismus oder radik. Isl.

Verzeihen Sie, aber das Thema ist mir für dumpfposten doch zu ernst. Sie unterstellen jemanden schwerste Verbrechechen und behaupten einfach, dass dem so sei weil es so sei. Ich denke, wir sollten das lassen.

 
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Meinung

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