Lanchester: „Wer möchte nicht eine Mio. Pfund im Jahr?“

28.03.2013 | 16:58 |  Von Norbert Mayer (Die Presse)

Der britische Bestsellerautor John Lanchester hat sich in einem Roman und in einem Sachbuch mit der Finanzkrise beschäftigt. Ihre Bekämpfung ist für ihn existenziell, viel wichtiger als die Maßnahmen gegen den Terror.

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Wie bewältigt man, zumindest literarisch, die anhaltende Wirtschaftskrise? John Lanchester hat eine Doppelstrategie entwickelt: Er schrieb den Roman „Capital“ (2012), der die Mechanismen des Geldes anhand der Bewohner einer unscheinbaren Straße im Süden von London aufdeckt. Praktisch parallel dazu hat er ein leicht fassliches Sachbuch über die Hintergründe der Finanzkrise geschrieben, „Warum jeder jedem etwas schuldet . . . “. Mit der „Presse“ sprach er über seine Bestseller.

Ein Beispiel für Gier ist seine Romanfigur Roger, ein Investmentbanker in der City, dessen Albtraum: dass sein Jahresbonus nicht mehr wie erwartet eine Million Pfund betragen könnte. Sollte man das Einkommen solcher Menschen nicht an sich limitieren? „Das ist Angelegenheit der Shareholder, es ist ihr Geld“, erwidert Lanchester, „sie sind aber oft Komplizen der Manager. Dieser Aspekt wird in der Debatte oft verschwiegen.“ Mit Roger empfinde man sogar etwas wie Empathie, man könne sich in ihn einfühlen. „Wer möchte nicht eine Million Pfund im Jahr machen? Und wer sie hat, will dann vielleicht mehr, das ist psychotisch. Zugleich wirkt solch ein Charakter auch schwach, was die ganze Sache lustig macht.“
Wie ist Lanchesters persönliche Einstellung zum Geld? „Ich glaube nicht, dass mir Reichtum Sorgen machen würde. Als Superreicher wäre ich aller Menschen Liebkind. Allerdings müsste ich so viel haben, dass mir selbst der gelegentliche Verlust von 30 Milliarden Pfund nichts ausmachte.“

Gewisse Praktiken wie Drogen verbieten


Die Hochfinanz mit ihrem Erfindungsreichtum fasziniert und reizt ihn: „Vielleicht sollte man gewisse Praktiken im Finanzsektor illegal machen, so wie das auch im Drogenhandel üblich ist. Man muss zeigen, ob ein Produkt auch sicher ist, könnte ein Kasino schaffen, für das nur jene aufkommen, die dort mit ihrem eigenen Geld spielen. 90 Prozent der Hedgefonds, die so funktionieren, gibt es inzwischen nicht mehr.“

Von der Strategie des Durchwurstelns, die in Europa derzeit betrieben wird, hält Lanchester wenig: „Das Problem am Lavieren hat schon das japanische Modell gezeigt. Sie haben dadurch zwei Jahrzehnte ohne Wachstum gehabt, mit Deflation. Diese Dekaden haben auch Interessantes bewirkt. Jüngere Japaner scheinen individueller zu sein, haben andere Interessen als nur Arbeit. Das ist für Europa aber nicht vielversprechend, es wäre ein Desaster, wenn jetzt eine lange Phase der Deflation käme.“ Wegschauen bringe nichts, außer dass man durch Verzögern etwas Zeit gewinne: „Wir kamen in der Finanzkrise dem Punkt sehr nah, dass die Bankomaten kein Geld mehr rausgeben. Die Finanzkrise ist eine existenzielle für westliche Demokratien, ungleich mehr als der Terrorismus. Im Kampf gegen den Terrorismus aber sind sie sehr weit gegangen, haben alles unternommen, um die Terrorgefahr zu entschärfen. Um wie viel mehr muss das für die Finanzkrise gelten?“

Man kann nicht ständig Defizite machen


Die USA hätten mehr Selbstvertrauen. „Dort klagt man derzeit darüber, dass es nur zwei Prozent Wachstum gibt. Europäische Finanzminister würden sich für solche zwei Prozent umbringen. Hinauszögern aber bringt der EU nichts. Wofür kauft man sich Zeit, wenn das Problem prinzipiell bleibt?“ Der Autor macht ein Gedankenspiel, das die deutsche Sicht auf die Krise zeigt, er betrachtet die Eurozone als ein Land, so wie die USA: „Nehmen wir nun an, New York erwirtschaftet Jahr für Jahr ein Plus in der Handelsbilanz mit Florida. Eines Tages wird Florida entweder an seinem Defizit bankrottgehen, außer man macht eine strukturelle Anpassung. Genau das passiert derzeit zwischen Deutschland und Südeuropa. Es gibt ein strukturelles Ungleichgewicht.“ Langfristig gehe es nicht, dass ein Land ständig im Plus ist und andere ständig Defizite machen.

Fazit: „Wahrscheinlich werden die Deutschen mehr zahlen müssen, dafür aber mehr Kontrolle über die Verwendung des Geldes fordern – ein schmerzhafter Prozess. Als sie die D-Mark aufgaben, wurde ihnen wieder und wieder versprochen, dass sie nicht für die ärmeren Länder zahlen müssten. Für Nettozahler wird die Situation jetzt heikel, aber auch für die Schuldnerländer ist es hart, Souveränität aufzugeben. Und dieser Verlust wird ein fundamentaler sein.“
Lanchester nennt ein konkretes Beispiel aus der Entstehungszeit der Krise: „In Island habe ich junge Menschen gefragt, wie sich der Finanzkollaps auf sie ausgewirkt hat. Sie würden jetzt am Wochenende zum Zelten gehen, sagten sie. Früher, als es dem Land noch gut ging, flogen sie eben noch zum Shoppen nach Mailand.“ Der Autor zeigt Mitleid mit den jungen Leuten, rät aber zur Besonnenheit: „Ich scheue mich davor, zur Revolution aufzurufen, vor allem wegen der Differenz zwischen ihrer Theorie und der Praxis. Die strukturellen Spannungen zwischen den Generationen verursachen eine ernsthafte Bruchlinie.“ Die heute 25-Jährigen können jene, die früh in den geregelten, komfortabel gesicherten Ruhestand gehen, berechtigt fragen, was denn ihre eigene Version des Wohlfahrtsstaates, von Wachstum und Prosperität sein werde. „Wenn die Entwicklung bei uns in Europa ähnlich verläuft wie in Japan, wird man die Rechnungen für den Sozialstaat nicht bezahlen können.“
Bei aller Skepsis rechnet er nicht mit einem Ausstieg der Briten: „Ein Nein zur EU würde mich extrem erstaunen. Premier Cameron muss doch die Wahl gewinnen. Er weiß, dass extreme Euroskeptiker, die die EU verlassen wollen, nur 20 Prozent ausmachen. Ein Referendum wäre also befreiend.“

Finanzkrise aus britischer Sicht
John Lanchester (* 1962) gelang mit dem Roman „Kapital“ (682 Seiten, 25,70 Euro) im Vorjahr ein internationaler Bestseller. Soeben ist von ihm auf Deutsch ein Sachbuch zur Finanzkrise erschienen: „Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner jemals etwas zurückzahlt“ (302 Seiten, 20,50 Euro). Beide Bücher bei Klett-Cotta. Das Interview wurde in Oxford geführt, auf einer Reise, zu der sein deutscher Verlag Journalisten, unter anderem auch von der „Presse“, eingeladen hatte.

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1 Kommentare

"Markt" als Lösung? Nix für uns!

Fehler. Was er aufzeigt, ist, dass alle "Verlustländer" keinerlei Dynamik hätten. Aber die kommt von selbst: entweder (in seinem Beispiel) raffen sich die Jungen aus Florida auf uns strömen nach NY, oder man krempelt die Ärmel in Fl. hoch und "schafft" wieder. Oder der Markt "bricht ein": Leute verdienen weniger und die Preise müssen sinken. Dann hat Fl ohne aus dem Dollar auszutreten, wieder Überlebens-Chancen. Diese Entwicklung nennt man üblicherweise "Markt". Scheint deshalb auf Europa so schwer übertragbar, weil hier 80% aller Finanz-kapitalbewegungen dem Markt vorenthalten werden und als fix eingeplante Umverteilungsgröße existiert. Da kann sich gar keine Dynamik des Marktes entwickeln....

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