Gstättner: „Habe mir Fernsehen abgewöhnt“

29.03.2013 | 18:34 |  ANNA-MARIA WALLNER (Die Presse)

Autor Egyd Gstättner beneidet Thomas Mann und glaubt, die Literatur hat im Fernsehen zu wenig Raum. Gerade erschien die Sammlung seiner TV-Kolumnen.

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„Die Presse“: Haben Sie letztens „Wetten, dass..?“ gesehen?

Egyd Gstättner: Nein, das tue ich nicht mehr.

Es ist nicht einmal der Fernseher nebenher gelaufen, wie Sie es in einer Ihrer Kolumnen schildern?

Das war früher einmal. Heute langweilt es mich, die Hollywoodstars, die Wetten, das Geschwätz. Mit der Sendung ist es wie mit dem literarischen Betrieb: Österreich gilt nur als Nebenmarkt, wir werden in Deutschland nur als Klischee wahrgenommen.

Mussten Sie sich für Ihre Kolumne in der „Kleinen Zeitung“ zum Fernsehen zwingen?

Ich habe mir das Fernsehen im Lauf der Kolumnenjahre immer mehr abgewöhnt. Alles, was man im Zuge der Arbeit gesehen und erlebt hat, verliert irgendwann den Reiz.

Haben Sie gezielt ferngesehen oder eher nach Zufallsprinzip?

Ich wollte ein Panoptikum der Reflexion des Fernsehens schaffen. Klarerweise muss man die Palette groß halten, weil man nicht immer über dasselbe schreiben kann. Und ich habe besonders stark Österreich beleuchtet, den ORF. Weil man die Kolumnen für die Leser schreibt, die etwas damit anfangen sollen, landet man zwangsläufig beim Mainstream.

Sind Sie ein Misanthrop und sagen „Das Fernsehen wird immer schlechter...“?

Dazu muss man nur ein Realist sein. Ich sehe keinen Unterschied zwischen Misanthropie und Realismus. Einer der großen Irrtümer der Gegenwart ist das positive Denken – das ist ein Widerspruch. Entweder denken, dann kann ich aber nicht wissen, was dabei herauskommt, oder eben nicht denken.

Man könnte auch sagen: Fernsehen ist immer gleich schlecht, so gut oder schlecht wie die Gesellschaft, die es konsumiert und somit bejaht.

Es stellt sich die Frage, wie man „gut“ und „schlecht“ definiert. Ich kann das vor allem in meinem Bereich, bei der Literatur, beurteilen. Wie Literatur noch vor 20, 25 Jahren im Fernsehen vorgekommen ist, was etwa Krista Fleischmann über Thomas Bernhard gemacht hat oder was an Nationalfeiertagen zum Thema „Österreich und Literatur“ gesendet wurde – das waren Literatursendungen, die gar nicht so geheißen haben. Sie muss man heute mit der Lupe suchen.

Woran liegt das?

Bis heute beneide ich Thomas Mann, dass es zu seiner Zeit noch kein Fernsehen gegeben hat, weil er somit sehr viel weniger Konkurrenz hatte. Heute ist neben den neuen Medien kaum noch Platz für Literatur. Lesen ist ja auch anstrengend. Ansatzweise ist eine Renaissance bei jenen, denen die neuen Medien zu schnell und zu banal werden, zu beobachten. Mit dem Buch kann ich mich zurückziehen. Ich kann mir meine eigenen Bilder im Kopf machen, mit meiner eigenen Schnitttechnik, und es gibt keine Werbeunterbrechungen beim Lesen.

Durch Social-TV, also die Möglichkeit, während des Fernsehens in sozialen Netzwerken über das Gesehene zu diskutieren, wird der Zuseher automatisch zum TV-Kritiker.

Diese Techniken praktiziere ich nicht. Und obwohl meine Kinder viel im Internet surfen, beobachte ich bei ihnen, dass sie nicht mehr über das Fernsehen reden. In meiner Kindheit und Jugend war das Fernsehen auch wichtig, weil es ein gemeinsames, öffentliches Thema geboten hat. Man wird auch vor dem Fernseher einsamer, weil es nicht mehr das eine Familiengerät gibt, sondern in jedem Zimmer eines.

Wie wichtig ist die Fernsehkritik?

Persönlich gefärbte Glossen und Kommentare in Zeitungen, darunter auch Fernsehkolumnen, haben eine große Bedeutung. Größer als reine Nachrichten, weil diese ohnehin alle anbieten. Kommentare sind Orientierungshilfen, die Meinung muss nicht mehrheitsfähig sein.

Umgekehrt werden Zeitungen von anderen Zeitungen oder TV-Sendern selten kritisiert.

Es ist ein eigenartiger Mechanismus, dass Zeitungen in anderen nicht vorkommen. Die Welt, die sie abbilden wollen, besteht aus allem und jedem – nur nicht aus Konkurrenzzeitungen. Bei Rundfunkanstalten ist das ähnlich und auch in der Literatur. Thomas Mann hat über alles und jeden geschrieben, nur nicht über Heinrich Mann.

Haben Sie die Papstberichterstattung im Fernsehen beobachtet?

Die Kirchenglocken haben mich zum Fernseher gelockt – und ich habe mir diese tolle Show angeschaut. Das ist das Einzige, was die katholische Kirche noch bietet, bei allem, was man gegen sie sagen kann.

Der ORF konnte da also nicht viel falsch machen.

Lustig sind die vielen Experten, die nichts wissen. Wie sie eine halbe Stunde reden müssen, aber nichts sagen können. Interessant fand ich auch den Satz „Lassen wir uns positiv überraschen“. Was soll das für eine Überraschung sein, wenn man vorher weiß, dass sie positiv sein muss?

Sie gelten als Songcontest-Fan – wieso das?

Ich halte Weihnachten und Ostern nicht besonders gut aus, das macht man für Eltern und Kinder. Daher setze ich mir meine eigenen Highlights, die oft seit der Kindheit positiv besetzt sind. Fußball ist so etwas, der Songcontest auch. In der Pubertät haben sich alle abgewendet, aber auch, wenn die ganze Welt die Nase rümpft, mag ich den Songcontest. Meine Favoriten sind jedes Jahr aus einem anderen Land – Österreich war noch nie dabei, weil mir noch nie ein Beitrag gefallen hat.

Zur Person

Egyd Gstättner (*1962 in Klagenfurt), Studium der Germanistik, Philosophie, ab 1984 Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften, seither zahlreiche Romane, Theaterstücke und Kolumnen, u.a. für die „Presse“ vor und während der Fußball-EM 2008. Zuletzt erschien der Krimi „Ein Endsommernachtstraum“. Zum Abschluss seiner TV-Kolumne in der „Kleinen Zeitung“ (2007–2012) versammelt der Band „Hansi Hinterseer rettet die Welt... oder die Besteigung des Küniglberges“ (Amalthea, 251 Seiten) seine Glossen und Texte über das Fernsehen. [Bruckberger]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.03.2013)

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1 Kommentare

...das positive Denken – das ist ein Widerspruch.

...mir gehen die Profizufriedenen auch auf die Nerven.

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