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Krüger: "Ob wir uns überhaupt wieder sehen . . ."

Krueger ueberhaupt wieder sehen
Krueger ueberhaupt wieder sehen / Bild: Hanser Verlag 

Ende des Jahres übergibt der Autor und Verleger Michael Krüger die Geschäftsführung dem 25 Jahre jüngeren Jo Lendle. Ein Gespräch über den Abschied von Menschen und Büchern und den Boom von Kriminalromanen.

 (Die Presse)

Was führt Sie nach Wien?

Michael Krüger: Einmal im Jahr laden wir unsere Autoren vom Zsolnay und Deuticke Verlag (Anm.: beide Literaturverlage gehören zum Hanser Verlag) in Wien zum Heurigen ein. Das passiert heute. Für mich ist das eine weitere von vielen Abschiedsvorstellungen.


Endes des Jahres übergeben Sie die Leitung des Hanser Literaturverlages an Ihren Nachfolger Jo Lendle. Über 40 Jahre haben Sie für den Verlag gearbeitet. Wie geht es Ihnen beim vielen Abschiednehmen?

Ich finde das interessant und schön.


Gar keine Wehmut?


Nein, keine Wehmut. Ich denke mir nur immer wieder, wenn ich bei so einer Veranstaltung mit einem Autor spreche: Wer weiß, ob ich den in meinem Leben überhaupt noch einmal wieder sehen werde?


Und teilen Sie diesen Gedanken dann Ihrem Gegenüber mit?

Ja, und  zwar besonders gern.


Und wie ist die Reaktion?


Komischerweise sehr intensiv. Die meisten sagen: „Klar sehen wir uns wieder, und wir trinken Rotwein und werden über alte Tage parlieren.“


Aber Sie können doch mit jenen Autoren und Wegbegleitern, die Ihnen am Herzen liegen, den Kontakt halten?


Das sagen Sie so. Man kann das sagen und weiß, dass es nicht stimmt. Wenn der Verlag, wenn die Hülle weg ist, kann ich nicht so tun, als wäre ich morgen in New York, in Zürich oder sonst wo. (Pause. Zieht lang an seiner Zigarette.) Natürlich werde ich manche treffen, wenn es mir möglich ist. Ich bin ja nicht aus der Welt, ich will mich auch nicht in ein Eck legen und für den Rest meines Lebens schmollen. Derzeit habe ich nur so unglaublich viel zu tun.


Womit sind Sie beschäftigt?

Wenn ich im Verlag bin, nehme ich mir immer eine halbe Stunde Zeit, meine Bücher in meinem Büro auszusortieren und einzupacken. Jedes Einzelne nehme ich in die Hand und frage mich, ob ich es in Zukunft noch einmal lesen will. Wenn man so alt ist wie ich, braucht man ja nicht mehr alles lesen, kann man gar nicht mehr alles lesen.


Ein guter Test, ob die Bücher über die Jahre gehalten haben.


Von vielen Büchern trenne ich mich wahnsinnig gern. Das sind Bücher von Autoren, mit denen ich nichts mehr zu tun habe und weiß, dass ich auch nichts mehr zu tun haben will. Und manche Bücher wiederum machen es einem schwer. Man steht vor ihnen, sie stauben einen an und sagen zu mir: „Vergiss nicht: In einer bestimmten Minute deines Lebens war ich dir sehr wichtig.“


Wie man am Beispiel Suhrkamp sehen kann, ist die Übergabe eines Verlags keine einfache Sache. Wie bereiten Sie selbst den Generationenwechsel vor?


Der Hanser Verlag ist auch ein sehr kompliziertes Ding. Wir haben einen jungen Verlag in Berlin, dann die beiden hier in Wien, einen kleinen in der Schweiz, es gibt auch noch einen Fachbuchverlag. Für mich ist das eine ganz natürliche Struktur. Aber jemand, der von außen kommt und keine Ahnung hat, fragt sich vielleicht: Mein Gott, wieso haben die denn fünf verschiedene Vertretergruppen? Ich muss sehen, dass sich mein Nachfolger einfinden kann.


Sie übergeben den Verlag so, wie Sie sich wünschen würden, ein Unternehmen übergeben zu bekommen?

Ja! Wenn ich der Illusion anhänge oder die Hoffnung habe, dass mein Nachfolger wenigstens zum Teil in meinem Sinne weitermacht, dann muss ich den Verlag durchleuchten und ihm alles mitteilen. Ich mache auch zu jedem einzelnen unserer Autoren ein Dossier, in dem ich ihm sage, worauf er achten und aufpassen muss.


Haben Sie bei der Auswahl Ihres Nachfolgers mitgewirkt?

Nein. Ich wollte, dass sich der Verlag Gedanken macht, ihm muss er ja gefallen. Ich habe dem Aufsichtsrat eine Liste mit Leuten gegeben, die mir eingefallen sind. Da stand der Lendle auch darauf. Aber ich kenne ihn nicht näher.


Den Verlag in dem Stil weiterzuführen wie bisher – denken Sie, das war eines der Kriterien bei der Auswahl des Kandidaten?

Das hoffe ich. Es wäre mir eine grauenvolle Vorstellung, wenn wir nur mehr Gartenbücher, Pornografisches oder Kriminalromane verlegen würden. Aber diese Angst habe ich nicht. Lendle findet jedenfalls einen Verlag vor, der sehr gut funktioniert. Er kann sich nun in dieses Bett legen; wie er sich das Kissen zurechtknuddelt, muss schon er wissen.


Apropos Kriminalromane: Diese erfuhren in den letzten Jahren einen starken Boom.

Heute ist der größte Teil der Literatur Unterhaltungssache, darum lesen alle diese Kriminalromane. Jedes dritte Buch ist ein Kriminalroman. Denken Sie an Schweden. Was gab es da für eine reiche Literatur! Heute ist ganz Schweden nur mehr als Produzent von Krimis bekannt. Würde jemand vom Mars auf der Erde landen, hätte er sofort den Eindruck, ganz Skandinavien wird von Mördern beherrscht, die sich gegenseitig die Haut abziehen, Frauen vergewaltigen und sonstige Scheußlichkeiten machen. Aber die Kunst ist eben ein Teil des gesellschaftlichen Prozesses, den man nicht steuern kann. Das Lösen eines Rätsels ist offenbar interessanter als die subtile Beschreibung komplizierter seelischer Vorgänge. Merkwürdig, aber es ist eben so.


Fehlt es vielen Lesern an der Bereitschaft, in die Tiefe zu gehen?

Der Mensch ist heute von so vielen Reizen umgeben. Gestern war ich in Hamburg und setzte mich auf eine Parkbank an der Alster, das Wetter war so schön. Und an mir sind in einer halben Stunde 5.000 schwitzende, keuchende Menschen in diesen Verkleidungen vorbeigezogen.


Mit Verkleidung meinen Sie die Sportdressen der Läufer?

Ja. Allein die Auswahl dieser Sachen! Die Leute überlegen sich, welche Hose sie anhaben und welches Leibchen der Andere trägt. Und diese neuen Schuhe! Die sehen ja aus wie U-Boote. Also ich habe am liebsten eine Hose an. Wenn mir eine gefällt, kaufe ich gleich zehn davon. Das ist es dann für die nächsten Jahre. Aber die Leute müssen heute permanent zwischen tausenden Sachen auswählen. Sie fragen sich, wie ist mein Körper, passt er überhaupt noch in die Gesellschaft? Wie muss ich ihn verändern? Wenn sie doch die ganze Zeit mit Schönheitschirurgie und Frisuren befasst sind, wie sollen sie da noch die Zeit finden, über den Menschen außerhalb ihres Körpers etwas zu erfahren? In einem Buch etwa. Das geht ja gar nicht.


Zurück zu Ihnen. Ihre eigenen Werke hat der Suhrkamp Verlag herausgebracht. Nun wird er nach dem genehmigten Insolvenzplan in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Werden Sie Ihr nächstes Buch wieder bei Suhrkamp verlegen?

Ich hoffe doch, ich kann bei Suhrkamp bleiben. Ich hoffe auch, dass dieser Umwandlungsprozess in guter Weise vorangeht. Denn der beste Literatur-, Philosophie und Theorieverlag in Europa muss in die Zukunft kommen! Das Ganze ist passiert, weil jemand den Verlag retten will (Anm.: Gemeint ist der deutsche Unternehmer und 39 %-Miteigentümer Hans Barlach), der  Kaufmann ist und mit Literatur überhaupt nichts am Hut hat. Ich habe ihm einmal geraten: „Gehen Sie da raus!“


Ihren Rat hat er nicht beherzigt.

Es ging um Geld, er wollte die zehn Millionen wieder haben, die er investiert hatte. Aber der Verlag hatte in der Zwischenzeit aufgrund der vielen Turbulenzen viel Geld verloren. Er kam ja wegen dieser Streitigkeiten nie zu Ruhe. Mit der Umwandlung in die Aktiengesellschaft bekommt nun alles eine neue Ebene. Jetzt muss der Verlag endlich wirtschaftlich arbeiten. Bisher konnte er sich gar nicht darauf konzentrieren.


Worauf werden Sie sich konzentrieren, wenn Sie bei Hanser aufgehört haben?

Ich werde ein Buch schreiben. Gerade bin ich auch zum Präsidenten der Bayrischen Akademie der Schönen Künste gewählt worden. Auf die Aufgabe freue ich mich. Und ich habe Lust, komplizierte poetische Texte zu übersetzen. In diesem Leben wird mir nicht langweilig.


Ich danke Ihnen für das Gespräch. Wer weiß, ob wir uns in diesem Leben überhaupt wieder sehen werden?

(Lacht laut.) Kommen Sie doch heute Abend zu unserem Heurigen! Dann sehen wir uns schon in wenigen Stunden wieder.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2013)

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