T.C.Boyle: "Unser Gott ist Darwin – trostlos!"

Sein Roman "América" ist heuer Wiener Gratisbuch, ab kommenden Dienstag ist T.C. Boyle in Wien: Ein Gespräch über neue Romane und die Hoffnungslosigkeit unserer Spezies.

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TCBoyle – (c) APA

Ihr Roman „América“ geht in die Tiefen des Phänomens Migration. Seit er 1995 erschienen ist, hat sich in den USA viel verändert.

T.C.Boyle: In Kalifornien ist die Immigration heute ein Fait accompli, Menschen lateinamerikanischer Herkunft stellen die Mehrheit der kalifornischen Bevölkerung. Aber in anderen Teilen der USA tobt die Debatte um illegale Immigration weiter wie in Europa. Deshalb ist „América“ heute noch relevant.

 

Sie waren ein erbitterter Gegner Bushs, wie zufrieden sind Sie jetzt mit Obama? In Europa hat er durch die Snowden-Affäre wieder Sympathien eingebüßt ...

Zu Obama will ich nichts sagen, Snowden jedenfalls ist für mich ein Held. Er hat gezeigt, in welchem Ausmaß wir in einem Polizeistaat leben. Bei uns in Santa Barbara überlegt die Polizei auf dem Highway 101 die Videoüberwachung aller Autos, sie will jede Bewegung aufzeichnen. Das ist total übertrieben! In meinem nächsten Roman, „The Harder They Come“, geht es um Amerikaner, die sich dieser Art von Reglementierung und Zerstörung der Privatsphäre widersetzen.

 

Sie wollten ihn bis zu Ihrem Wien-Besuch fertig schreiben, haben Sie das geschafft?

Ja, am 31. August! So werde ich die Österreicher leichten Herzens unterhalten können.

 

Davor haben Sie den Roman „San Miguel“ veröffentlicht, der soeben auf Deutsch erschienen ist. In einem Interview sagten Sie, dass Sie beim Schreiben immer schneller und schneller würden, „San Miguel“ sieht aber nach viel Arbeit aus ...

(Lacht.) Ich mache rund neunzig Prozent meiner Zeit Spaß, nehmen Sie das also nicht so wörtlich. Für „San Miguel“ habe ich drei Monate lang recherchiert und dann noch ein Jahr geschrieben. Richtig ist, dass Schreiben für mich wie eine Droge ist, je mehr ich schreibe, desto mehr brauche ich es. Und ein Leben ohne Schreiben ist für mich sinnlos.

 

Schreiben Sie auch deshalb so viele Kurzgeschichten, um Schreibpausen zu vermeiden?

Ja, dass ich nach jedem Roman zur kurzen Form zurückkehren kann, erspart mir normalerweise die langen Nachwehen, die manche Romanciers nach der Geburt eines Buches haben.

Die Insel San Miguel liegt vor der kalifornischen Küste neben der Insel Santa Barbara, auf der Sie leben. Ihr Buch handelt von drei Frauenschicksalen zwischen den 1880er- und den 1930er-Jahren auf diesem menschenfeindlichen Stück Erde und gründet auf historischen Ereignissen. Wie wichtig war Ihnen die „Faktentreue“?

Ein Schriftsteller muss sich bewusst sein, dass seine Recherchen den Zweck haben, ein Kunstwerk zu schaffen. Im Fall von „San Miguel“ habe ich die Tagebuch-Fragmente gelesen, die Marantha Waters zurückgelassen hat, außerdem die Memoiren von Elise Lester. Ich wollte mir vorstellen, wie es gewesen sein könnte, so zu sein wie sie und an einem so entlegenen Ort zu leben.

 

„San Miguel“ sei untypisch für Sie, hat ein Kritiker gemeint, sehen Sie das auch so?

Ich habe schon Kurzgeschichten in dieser geradlinigen, nicht ironischen, realistischen Weise geschrieben. Aber das ist vielleicht die erste lange Geschichte dieser Art. Das Material hat den Zugang natürlich nahegelegt, aber für mich war es auch ein Experiment: ob ich einen traditionellen historischen Roman schaffe. Abgesehen davon ist das Buch zwar nicht so ökologisch wie mein vorletzter Roman „When the Killing's Done“ (Deutsch: „Wenn das Schlachten vorbei ist“, Anm. der Red.), aber mein altes Thema Mensch in der Natur ist trotzdem präsent. Man kann das Buch als ein Drama über Menschen lesen, die sich angesichts eines gleichgültigen Universums abmühen – und somit als Variation jenes Lebens, das wir alle führen.

 

Ist das Ihr Lebensthema?

Ja, ich denke, der rote Faden durch meine 25 Bücher ist die Beziehung unserer Spezies zur Natur, in der wir uns wiederfinden – mit allen Auswirkungen daraus. Wozu holen wir Atem, gehen zur Arbeit, zahlen Steuern, sind gute oder böse Bürger oder sogar Massenmörder, wenn wir am Ende alle zum Tod verurteilt sind? Mehr noch und schlimmer noch: Kein Umweltexperte erlaubt uns nur einen Funken Hoffnung für unsere Spezies. Wir haben keinen Gott, wir haben Darwin. Und das ist eine extrem trostlose Welt, um darin zu leben. Ich kann nur sagen: Macht Kunst, macht Liebe und lebt im Augenblick, weil diese Augenblicke so spärlich sind und gerade jetzt, da wir reden, der Auslöschung entgegenrasen.

 

Sehen Sie sich als „engagierten“ Autor?

Ja, aber ich will nicht bekehren, Leser sind für mich gleichwertige Partner. Ich verwende das Schreiben, um Dinge für mich selbst ins Reine zu bringen oder zumindest um tief in sie einzudringen. Das meine ich mit „Engagement“.


Sie sind bekannt für Ihren gut gelaunten Pessimismus, finden Sie wirklich alles so schlecht an unserer Welt?

Nein, nicht alles. Wenigstens haben wir Drogen. Und Alkohol.

 

Steckbrief

Thomas Coraghessan (T.C.) Boyle, geb. 1948 in New York, zählt zu den erfolgreichsten US-Autoren. „América“ ist sein bekanntester Roman, seitdem erschienen u.a.: „Ein Freund der Erde“, „Drop City“, „Dr. Sex“.

DIE AKTION

„Eine Stadt. Ein Buch“
ist eine 2002 geschaffene Gratisbuchaktion der Stadt Wien.

Am 10. 9.
um 12.30h startet die Verteilung, Verteilstellen siehe www.einestadteinbuch.at. 16h: Signierstunde, Thalia-Filiale Landstraßer Hauptstraße. 12.9., 19h: Gespräch mit Boyle, Wien Energie Kultur-Point Spittelau, danach Signier- und Autogrammmöglichkeit. Zählkarten seit 23.8. beim Kultur-Point erhältlich, solange der Vorrat reicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2013)

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