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Literatur: Herr de Winters Gespür für das Herz

Literatur Herr Winters Gespuer
Literatur Herr Winters Gespuer / Bild: (c) beigestellt 

In seinem neuen Roman macht Leon de Winter seinen früheren Erzfeind Theo van Gogh zum Schutzengel – und drapiert die Geschichte erneut um eine Herztransplantation.

 (Die Presse)

Einem verwinkelten Spiegelkabinett gleicht der neue Roman des Niederländers Leon de Winter: Wo endet die Realität, wo beginnt die Fiktion? Fragen, die man sich bei vielen Romanen schnell einmal stellt, in dieser Geschichte entkommt man ihnen einfach nicht. Denn bei de Winter kreuzen ziemlich viele weit über Hollands Landesgrenzen hinweg bekannte Personen auf: Der 2004 ermordete Theo van Gogh und sein Mörder Mohammed Boujeri, der rechtskonservative Politiker Geert Wilders, der frühere Amsterdamer Bürgermeister Job Cohen und nicht zuletzt de Winter und seine ebenfalls schreibende Ehefrau Jessica Durlacher.

Im Eröffnungskapitel wird der Leser Zaungast eines seltsamen Vorgangs: Nachdem der muslimkritische Regisseur Theo van Gogh auf offener Straße erschossen und enthauptet wird, schwebt er „30 Meter über dem Boden, einer Möwe gleich, die nahezu reglos im Wind lag“. Von oben beobachtet er das Eintreffen der Polizei, die Verhaftung seines Mörders, und er führt dabei einen inneren Monolog: „Dieser Ziegenficker maßte sich an, was Theo sich selbst als letzte Ehre vorbehalten hatte.“ Leon de Winter hat van Gogh die aggressiv-derbe Sprache gelassen, die zu Lebzeiten sein Markenzeichen war. Und er erzählt Begebenheiten, die einen wie erwähnt zweifeln lassen, ob es sich dabei um Satire oder Realität handelt: In einer TV-Show soll der Regisseur über das Paar de Winter/Durlacher gesagt haben: „Wenn die miteinander ficken, wickelt sie einen Stacheldraht um seinen Penis. Und wenn er kommt, ruft er: ,Treblinka! Treblinka!‘“ Vor laufender Kamera behauptete er zudem wahrheitswidrig, dass ein befreundeter Jude ihm erzählt habe, de Winter würde Stacheldraht sammeln.


Aussöhnung mit einem Feind. All das sei tatsächlich so passiert, erzählte de Winter kürzlich dem „Spiegel“, ein YouTube-Video vom TV-Auftritt beweist es. Dennoch liest sich der Roman nicht als Abrechnung, eher als Aussöhnung mit dem einstigen Erzfeind, den er nicht nur in den Himmel lässt, sondern sogar zum Schutzengel für die Schlüsselfigur des Buches macht, den ausnahmsweise fiktiven einstigen Drogenboss Max Kohn.

Leon de Winter ist und bleibt ein politischer Erzähler, einer der sich einmischt und seine proisraelische, muslimkritische Haltung nicht verbirgt. Auf 500 Seiten fliegt das Amsterdamer Opernhaus teilweise in die Luft, wird ein Flugzeug entführt und eine Schule überfallen – verantwortlich dafür ist eine Gruppe junger radikalisierter Marokkaner, die weniger von Ideologien als von Abenteuerdrang angetrieben werden. Versöhnliche Töne bleiben aus, die Gräben zwischen Juden und Muslimen, zwischen Niederländern und Migranten zweiter, dritter Generation bleiben unüberwindbar.

Geert Wilders, den die jungen Terroristen im Gegenzug für die Freilassung der Schüler fordern, darf sogar krude Heldenfantasien äußern: Er will sich eintauschen lassen, mit den Entführern „in irgendein Land, das auf -stan endet“ fliegen und dort getötet werden, weil ihn das unsterblich machen und seiner Partei ungeahnte Erfolge einbringen könnte.

Eines muss man Leon de Winter jedoch lassen: Er nimmt sich selbst genüsslich aufs Korn. Nicht nur, dass er sich als alternder, übergewichtiger Autor darstellt, dem die Frauen davonlaufen (im Buch hat ihn seine Frau Jessica für einen Architekten verlassen), nein, er übt sich auch gekonnt in Selbstironie. Geert Wilders nennt de Winter „einen intellektuellen Drückeberger“, der Amsterdamer Bürgermeister bezeichnet ihn als Polemiker, „der feig und scheißfreundlich“ ist.

Unübersehbar ist die Vorliebe des Autors für schwierige, von tiefer Liebe geprägte Vater-Sohn-Beziehungen und eine seltsame Anziehung für Herztransplantationen: Wie im Roman „Malibu“ lässt er der Hauptfigur ein neues Herz einpflanzen. Hauptfigur Max Kohn bekommt es von jenem Franziskaner-Priester, der Theo van Gogh im Himmel ins Schutzengel-Dasein einweist. Eine Liebesgeschichte steckt da natürlich auch dahinter. Insgesamt also reichlich konstruiert, das alles, aber wie immer bei de Winter, rasant und spannend erzählt.

Leon de Winter: Ein gutes Herz. übersetzt von Hanni Ehlers, Diogenes, 505 Seiten, 23,60 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2013)

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