Ferdinand von Schirach: Kein Krimi mit viel Kunst

Sein neues Buch "Tabu", sollte eigentlich "Trauma" heißen. Es ist spannend, bietet viele Assoziationen, reicht aber nicht an seine früheren Romane heran.

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Ferdinand Schirach Kein Krimi – (c) Piper

Draußen schrie ein Habicht. Sebastian wurde schläfrig. Er sah das Profil des Vaters im Halbdunkel, seine hohe Stirn, die eingefallenen Wangen. Er hörte den Vater atmen...“ Ein Junge findet die Leiche seines Vaters, der sich mit dem Jagdgewehr erschossen hat. Packende Innenansichten aus dem Gerichtsalltag haben den Strafverteidiger Ferdinand von Schirach, Enkel des NS-Reichsstatthalters von Wien, Baldur von Schirach, bekannt gemacht. Von der blühenden, auch wuchernden Krimiszene hebt sich von Schirach durch einen Stil ab, der vielleicht auch mit seiner Familiensituation zu tun hat.

Er lotet sich jäh öffnende Untiefen in scheinbar guten Charakteren aus. Von Schirachs Geschichten erzählen von der Undurchschaubarkeit des Menschen, seiner Unberechenbarkeit, dem nahen Nebeneinander von Gut und Böse. Sein Ton ist leise, trocken, lakonisch und eindringlich.

In den beiden Erzählbänden „Verbrechen“ und „Schuld“ erzählt von Schirach „Storys“, die wohl von seinem Alltag als Jurist handeln, aber keine Fälle linear nacherzählen, sondern Milieus in wenigen Strichen plastisch machen, gesellschaftliche Grauzonen erhellen, in welche Gerechtigkeit nicht vordringt. Schirachs bestes Buch ist „Der Fall Collini“, in dem ein Mann Rache am Mörder seines Vaters nimmt, einem italienischen Widerstandskämpfer im Faschismus. Die Tat erweist sich als sinnlos, das ist das Unheimliche, Schreckliche an dem Buch.


Eine Bühne voller Falltüren. „Tabu“ heißt Schirachs neuer Roman. „Trauma“ wäre ein passenderer Titel, denn der Held, Sebastian von Eschburg, aus alter Familie stammend, die ihren Niedergang erlebt, versucht den Tod des Vaters zu verarbeiten, indem er Künstler wird. Eine schöne Frau mildert seine Bindungsscheu. Eschburg wird mit raffinierten Installationen von Nacktaufnahmen berühmt. Als ein junges Mädchen verschwindet, wird er verdächtigt, es ermordet zu haben.

Erneut ist die an Taschenspielerei gemahnende Geschicklichkeit zu bewundern, mit der Schirach seine „Bühne“ bedient: Der Leser hüpft zwischen verschwindenden Kulissen hin und her, fällt jäh in Falltüren, wird wieder hochgehoben und schaut am Ende vom Schnürboden auf das vollendete Mosaik. Doch ein Pageturner wie die anderen Bücher ist „Tabu“ nicht. Vor allem der Beginn ist behäbig – mit seiner Schilderung eines frostigen Großbürgertums, dem Besitz und Formen wichtiger sind als Leben, das sein Korsett von Benimm und Bestimmung von Generation zu Generation weiterreicht und zwecks möglichst frühem und effizientem Beginn der Dressur die Jugend in Internate verfrachtet.


Schematische Nebenfiguren. Die Beziehung Eschburgs zur schönen Frau wirkt klischeehaft, die Dame ist noch nicht richtig bei der Tür herein, schon zieht sie sich aus. Ferner ist sie eine herzensgute Seele, die Eschburgs schwierigen Charakter versteht und unverbrüchlich zu ihm hält. Auch die Ermittler wirken etwas schematisch, der knorrige Anwalt Konrad Biegler, ein Workaholic, Staatsanwältin Landau, die sofort einen Riecher hat: „Alles in diesem Verfahren ist merkwürdig.“ Von Schirach flicht Zitate von Dylan Thomas ein, darunter ein sehr bezeichnendes für seine Bücher: „Auf den Strömen des windabgeworfenen Lichts“ ist der Titel eines Gedichtbands von Dylan Thomas, der schwer übersetzbar ist, daher hier die Passage, die zu „Tabu“ passt, auf Englisch: „Never to reach the oblivious dark/And not to know/Any man's troubles nor your own.“ Dieses Buch ist letztlich kein Krimi, sondern handelt von Kunst, vom Voyeurismus in der Kunstgeschichte, von Tizians „Venus von Urbino“ bis zu Manets „Olympia“. Auch Goyas albtraumhafte Fantasien spielen mit.

Einfallsreich, aber auch routiniert hüpft die „Story“ von Daguerre über Buñuel zu Nietzsche („glatt liegt Seele und Meer“ (sic!) aus den Dionysos-Dithyramben, die er kurz vor dem Ausbruch seines Wahnsinns schrieb). Es geht um Massenvergewaltigung, Mädchenhandel. Ein Leitmotiv taucht immer wieder auf: Wahrheit und Wirklichkeit sind ganz verschiedene Dinge. Wie wahr und wirklich ist dieses Buch? Es erscheint teilweise konstruiert.

Ferdinand von Schirach, Tabu. Piper, 256 Seiten, 18,50 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2013)

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