"Das 'Massaker von Ferragosto' in Duisburg zeigt die Unfähigkeit der Medien, ein Problem wie das organisierte Verbrechen anzugehen. Die Existenz krimineller Kartelle in ganz Europa wird bis heute unterschätzt oder für ein inneritalienisches Problem gehalten", sagte der italienische Schriftsteller Roberto Saviano in einem Interview mit der Tageszeitung "La Repubblica". In seinem aktuellen Buch "Gomorrha" enthüllt er die weltweiten Vernetzungen des organisierten Verbrechens. Der Roman erscheint diese Woche auf Deutsch.
"Mafia ist mächtiger, wenn sie nicht tötet"
"Einer der größten Fehler in der Beurteilung einer kriminellen Organisation liegt darin, dass man sie für stark und aktiv hält, wenn sie schießt. Dabei ist die Macht der Mafia viel größer und interessanter zu analysieren, wenn sie nicht tötet," warnte der erst 28-Jährige. Jahrelang ermittelte er selbst verdeckt im Milieu der neapolitanischen Unterwelt.
"Gomorrha" - der Titel ist ein Wortspiel. Es setzt sich zusammen aus „Camorra", der neapolitanischen Variante der Mafia, und „Gomorrha", dem alttestamentarischen Sündenpfuhl. Kriminelle aus Kalabrien und Kampanien investieren seit über 20 Jahren Kapital in Deutschland, so Saviano. Camorra und 'Ndrangheta kontrollieren vor allem die ostdeutsche Bauindustrie. „Bei uns ist es ein offenes Geheimnis, dass die Camorra von Secondigliano und die 'Ndrangheta aus dem Raum Locri die Ersten nach dem Fall der Mauer waren, die in Ostdeutschland investiert haben." sagt der Schriftsteller.
Autor auf der Todesliste
Sein fixer Platz auf der italienischen Bestsellerliste beschert Saviano aber nicht nur Ruhm und Aufmerksamkeit. Die Mafia führt ihn schon länger auf ihrer Todesliste. Polizeischutz bekommt Saviano allerdings erst, seitdem Umberto Eco sich für seine Sicherheit einsetzte. Der Philosoph und internationale Star-Autor hat Savianos Situation mit der von Salman Rushdie und der des Papstes verglichen. Denn Saviano scheute sich nicht einmal davor, konkrete Namen zu nennen. Aber auch die Mafia lässt sich nicht einschüchtern: „Wenn die kriminellen Organisationen ein Fall für Spezialisten bleiben, haben wir keine Chance gegen sie. Sie haben keine Angst vor den Spezialisten, sie haben auch keine Angst vor den Gerichten und vor Verurteilungen", bekräftigte der Schriftsteller.
(APA/Red.)

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