Im Jahre 1981 erschien ihr erster großer Roman "Das Kind der Gewalt und die Sterne der Romani". Dieses Werk ist einem gewissen Sinne das Vorwerk zu dem großen Romanzyklus, der den Titel die "Festung" tragen und aus vier großen Teilen bestehen sollte. "Dessen Sprache du nicht verstehst" erschien Ende 1985, ein Opus von 3500 Seiten, in dem es um das Schicksal der Arbeiterfamilie Null am Vorabend des Ersten Weltkriegs ging. Johannes Null, "der Nirgendwoer, der Vogelfreie" verweigert den Militärdienst. Wer lesen kann und lesen will, gerät in den Sog einer Sprache und einer packenden Handlung. Es gibt wenige Bücher, die mit so viel analytischem Scharfsinn die Zäsur von 1914 zum Thema gemacht haben, und der Vergleich mit dem von Marianne Fritz außerordentlich geschätzten Robert Musil ist in diesem Punkt keineswegs vermessen.
"Nichtgeschichte, die trotzdem war"
Allerdings handelt es sich dabei um keinen historischen Roman. Zu der durchaus realistischen Handlung kommt eine mythische Ebene, allerdings keine Verklärung, sondern ein Einstieg in die "Nichtgeschichte, die trotzdem war": "Vielleicht befasse ich mich mit dem, was gewisse Formulare, Dokumente, karteimäßig erfasste Lebensläufe ausgrenzen, ausblenden, (...) wahrscheinlich, denkbar ist es gewiss, mache ich gewisse Lebensläufe wieder zum Erlebnis?"
Die Autorin hatte ein gewaltiges Archiv, in dem sie Material aus dem Ersten Weltkrieg zusammengestellt hatte, das in grandioser Verwandlung auch zum Substrat des zweiten Teils werden sollte. Mit "Naturgemäß I" (1996) und "Naturgemäß II" (1998) setzte sie "Dessen Sprache du nicht verstehst" fort, allerdings auf noch komplexere Weise. Sie gab sich nicht mit dem einmal gefundenen Verfahren zufrieden; "Naturgemäß III" konnte sie nicht vollenden. Eine schwere Blutkrankheit hinderte sie an der Fortsetzung, doch weniger physisch denn psychisch. Mit Beharrlichkeit befasste sie sich mit medizinischer Fachliteratur, in der Hoffnung, so gegen das Leiden ankämpfen zu können. Ihr Befinden blieb über geraume Zeit stabil; am Freitag der Vorwoche verschlechterte es sich plötzlich; die Ärzte konnten nicht mehr helfen.
Sie versagte sich kompromisslos der Öffentlichkeit, gab keine Interviews und ließ sich nicht fotografieren. Ihr ging es um das Schreiben, und nur darum. Sie konnte im Zwiegespräch sehr herzlich sein, immer wieder aber schlug Bitterkeit durch über soziale Ungerechtigkeit, über den Gang der Geschichte und die Macht der Massenmedien. Die Gruppe jener, die ihr Werk schätzten, ist nicht so klein: Elfriede Jelinek veröffentlichte in dem Band "Jelineks Wahl" einen Ausschnitt aus dem Werk der Marianne Fritz, der Suhrkamp Verlag hielt ihr über den Tod Siegfried Unselds hinaus die Treue. Es ist an uns, beharrlich immer wieder auf die große Leistung dieser Autorin hinzuweisen.
Der Autor ist Ordinarius am Wiener Institut für Germanistik.

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