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Ohne Kompromisse - Marianne Fritz gestorben

01.10.2007 | 21:09 |   (DiePresse.com)

Wendelin Schmidt-Dengler zum Tod der Schriftstellerin Marianne Fritz, die Montagabend in Wien verstorben ist.

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Marianne Fritz ist am 1.Oktober im Wiener Allgemeinen Krankenhaus gestorben. Sie wurde am 14.Dezember 1948 in Weiz in der Steiermark geboren. Die Familie übersiedelte nach Vorarlberg; dort legte sie 1966 die "Kaufmannsgehilfenprüfung" ab, war in kaufmännischen Berufen tätig; in den Siebzigerjahren war sie mit dem Schriftsteller Wolfgang Fritz verheiratet. 1972 holte sie die Externistenmatura nach und lebte seit 1977 ständig in Wien. Mit der Erzählung der "Schwerkraft der Verhältnisse" gelang ihr 1978 der Durchbruch; das Buch wurde mit dem Robert-Walser-Preis ausgezeichnet.

Im Jahre 1981 erschien ihr erster großer Roman "Das Kind der Gewalt und die Sterne der Romani". Dieses Werk ist einem gewissen Sinne das Vorwerk zu dem großen Romanzyklus, der den Titel die "Festung" tragen und aus vier großen Teilen bestehen sollte. "Dessen Sprache du nicht verstehst" erschien Ende 1985, ein Opus von 3500 Seiten, in dem es um das Schicksal der Arbeiterfamilie Null am Vorabend des Ersten Weltkriegs ging. Johannes Null, "der Nirgendwoer, der Vogelfreie" verweigert den Militärdienst. Wer lesen kann und lesen will, gerät in den Sog einer Sprache und einer packenden Handlung. Es gibt wenige Bücher, die mit so viel analytischem Scharfsinn die Zäsur von 1914 zum Thema gemacht haben, und der Vergleich mit dem von Marianne Fritz außerordentlich geschätzten Robert Musil ist in diesem Punkt keineswegs vermessen.

"Nichtgeschichte, die trotzdem war"

Allerdings handelt es sich dabei um keinen historischen Roman. Zu der durchaus realistischen Handlung kommt eine mythische Ebene, allerdings keine Verklärung, sondern ein Einstieg in die "Nichtgeschichte, die trotzdem war": "Vielleicht befasse ich mich mit dem, was gewisse Formulare, Dokumente, karteimäßig erfasste Lebensläufe ausgrenzen, ausblenden, (...) wahrscheinlich, denkbar ist es gewiss, mache ich gewisse Lebensläufe wieder zum Erlebnis?"

Die Autorin hatte ein gewaltiges Archiv, in dem sie Material aus dem Ersten Weltkrieg zusammengestellt hatte, das in grandioser Verwandlung auch zum Substrat des zweiten Teils werden sollte. Mit "Naturgemäß I" (1996) und "Naturgemäß II" (1998) setzte sie "Dessen Sprache du nicht verstehst" fort, allerdings auf noch komplexere Weise. Sie gab sich nicht mit dem einmal gefundenen Verfahren zufrieden; "Naturgemäß III" konnte sie nicht vollenden. Eine schwere Blutkrankheit hinderte sie an der Fortsetzung, doch weniger physisch denn psychisch. Mit Beharrlichkeit befasste sie sich mit medizinischer Fachliteratur, in der Hoffnung, so gegen das Leiden ankämpfen zu können. Ihr Befinden blieb über geraume Zeit stabil; am Freitag der Vorwoche verschlechterte es sich plötzlich; die Ärzte konnten nicht mehr helfen.

Sie versagte sich kompromisslos der Öffentlichkeit, gab keine Interviews und ließ sich nicht fotografieren. Ihr ging es um das Schreiben, und nur darum. Sie konnte im Zwiegespräch sehr herzlich sein, immer wieder aber schlug Bitterkeit durch über soziale Ungerechtigkeit, über den Gang der Geschichte und die Macht der Massenmedien. Die Gruppe jener, die ihr Werk schätzten, ist nicht so klein: Elfriede Jelinek veröffentlichte in dem Band "Jelineks Wahl" einen Ausschnitt aus dem Werk der Marianne Fritz, der Suhrkamp Verlag hielt ihr über den Tod Siegfried Unselds hinaus die Treue. Es ist an uns, beharrlich immer wieder auf die große Leistung dieser Autorin hinzuweisen.

Der Autor ist Ordinarius am Wiener Institut für Germanistik.

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2 Kommentare
Gast: Christian Gutschi
14.10.2007 23:09
0 0

Was bleibt

"Der Sinn ist im Unsinn", dieser Satz aus Naturgemäß I wird bleiben. Danke Marianne Fritz.

Gast: Clemens Ottawa
02.10.2007 17:25
0 0

Marianne Fritz, die Kaaba unter den Literaten

Den Ausspruch Jelineks aufgreifend, die vor Fritz' Werk ähnliche Ehrfurcht befiel, wie einem gläubigen Muslim vor der Kaaba, ist ihr gesamtliterarisches Schaffen so dicht (ganz abgesehen vom Umfang) und elementar, dass es keine Interpretation, im schnellen Sinne zulässt.
Schon lange sind ihre Werke (mit kleineren Ausnahmen) nur im besser ausgestatteten Antiquariat zu erstehen, da sie als allgemein unattraktiv für den "normalen" Leser anzusehen sind. Und zusammen mit Autoren wie Hans Henny Jahnn oder (obwohl sich dies über die Zeit Gottlob änderte) Robert Musil gehörte sie schon zu Lebzeiten zu der Riege der "ungelesenen" Autoren. Dieser besonderen Spezies werden leicht Attribute à la wunderlich und seltsam und eigenbrödlerisch, angehängt. Dass Fritz eine gnadenlos-obsessiv agierende (und körperliche Einfälle in Kauf nehmende) Schriftstellerin, mit Hang zum opus magnum war und nur peripher den Leser bei diesem Vorhaben im Sinn hatte, spricht doch für ihren außergewöhnlichen Stand.

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