Wie sich Autor Cartarescu an Bukarest rächt

Der rumänische Autor Mircea Cartarescu über wahre und falsche Träume, Hass und Liebe zur Heimat.

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Heribert Corn

Die Presse: Herr Cartarescu, war es in Rumänien in kommunistischer Zeit schwer, an internationale Literatur zu kommen?

Mircea Cartarescu: In den Siebziger- und Achtzigerjahren war alles erhältlich. Damals wurde immens viel ins Rumänische übersetzt, sogar Literaturtheorie. Wir haben als Studenten in Bukarest eine Menge gelesen.

 

Mussten Sie im Literatur-Seminar also so wie im Westen die Lektüre von Derrida, Lacan oder Foucault durchmachen?

Cartarescu: Auch bei uns herrschte damals die Diktatur des Strukturalismus, jeder sprach über Saussure, Barthes, Bachtin. In den Neunzigerjahren gab es jedoch einen völligen Niedergang der Theorie. Für das Schreiben heute spielt sie keine Rolle mehr. Damals aber bedeutete das Schreiben eines Romans auch, dass man in dieser Hinsicht sehr gebildet war. Wir orientierten uns am französischen „nouveau roman“. Heute ist nur noch das Geschichtenerzählen wichtig.

 

Ihr soeben auf Deutsch erschienener Roman „Die Wissenden“ scheint weit entfernt vom einfachen Erzählen zu sein. Er hat eine hochpoetische, komplexe Struktur.

Cartarescu: Der einzige Unterschied, den ich zwischen Gedichten und Prosa mache, besteht darin, dass ich bei der Poesie linksbündig schreibe und nicht die ganze Zeile fülle wie bei den Romanen. Die sind eben nur sehr lange Gedichte. Ich suche selbst außerhalb des Schreibens nach Poesie. Sogar bei Balzac oder Tolstoi bin ich nicht am Inhalt ihrer Romane, sondern an den poetischen Momenten interessiert. Dostojewski sagt, dass ein Schriftsteller mit einem sehr starken Eindruck beginnen soll. Aus diesem Gefühl entsteht ein Roman. Zu dieser Form bin ich gekommen, weil mir das Gedicht zu eng geworden ist.

Träume sind bedeutend in Ihrem Werk. Warum? Haben Sie zu viel Freud gelesen, waren Sie in Therapie, oder gibt es andere Gründe?

Cartarescu: Ich hatte immer starke Träume. Das habe ich von meiner Mutter geerbt. Sie ist eine einfache Frau, aber in dieser Hinsicht ganz speziell, sehr raffiniert. Viele Passagen in meinen Romanen sind Beschreibungen meiner Träume. In der Antike unterschied man zwischen gewöhnlichen und von den Göttern gesandten. Die betrat man entweder durch ein Elfenbeintor oder durch eines aus Horn. Durch das Elfenbeintor wurde der Träumer getäuscht, das Horn stand für Wahrheit. Beide aber wirkten sehr real. In „Die Wissenden“ erzähle ich auch sehr realistisch. Es macht mir Spaß, das Bukarest der Fünfzigerjahre auferstehen zu lassen, das New Orleans der Dreißigerjahre. Orte sind wichtig in meiner Trilogie. Der zweite Teil spielt vor allem in Amsterdam, der dritte in Italien. Ich möchte, dass die Realität wie ein Traum erscheint und der Traum wie die Wirklichkeit.

 

Wie würden Sie also „Die Wissenden“, den ersten Teil der Trilogie, zusammenfassen?

Cartarescu: Ich gehe von der Chemie der Wörter aus, schöpfe aus dem Unbewussten. Es geht bei meinem Schreiben vor allem um Musik. Ich kann schwer das Geschehen schildern, eigentlich gibt es keine Story. Jorge Luis Borges, den ich sehr schätze, hat einmal behauptet, es sei sinnlos, dicke Bücher zu verfassen, man könne alles in zwei bis vier Seiten zusammenfassen. Aber da gibt es auch die Romane, bei denen man kein Wort auslassen kann, die so lang wurden, wie sie sein mussten. Bei Wladimir Nabokovs „Lolita“ steht kein Wort zu viel. Sogar die Präpositionen haben Bedeutung. Dieses Buch kann man nicht kurz beschreiben. Ähnlich steht es um meine Bücher. Darin wird viel erzählt, aber der Gegenstand bin ich selbst, ist meine Art des Denkens.

Sie zeigen auch detailliertes Interesse für die Naturwissenschaften. Das erinnert an die Romane des Amerikaners Thomas Pynchon.

Cartarescu: Pynchon bewundere ich sehr, ich halte ihn für das derzeit einzige Genie der Weltliteratur. Als ich seinen Roman „V“ las, war das wie eine Offenbarung. Endlich! So wollte ich schreiben, er war für meinen Wechsel vom Gedicht zur Prosa bedeutend. Ich musste eine Zeit lang aufhören, ihn zu lesen, weil er mich zu stark beeinflusste. Sein Werk ist völlig konsistent und zugleich äußerst komplex. Das ist fantastisch, ich begreife nicht, wie er das macht. Ich kann nicht wie Pynchon schreiben, aber ich verwende einige seiner Instrumente.

Sie schöpfen sehr viel aus Legenden Ihrer Heimat. Wie bedeutend ist der Ort Bukarest für Ihr Werk, die Geschichte Rumäniens?

Cartarescu: Es ist nicht wirklich wichtig, wo man lebt, die Welt ist, wie es bei Shakespeare heißt, eine Nussschale. Im dritten Teil meiner Trilogie ist die Geschichte meines Landes aber von Bedeutung. Ich habe mich gerächt an allem, was mir Rumänien und Bukarest angetan haben! Dieser Selbsthass, der auch für Wien typisch ist, gilt auch für mein Land. Wien war allerdings für mich im vorigen Jahrhundert das Zentrum Europas, nicht Paris. Bukarest hingegen: Man fühlt sich dort total an der Peripherie, in einer schmutzigen Stadt, weit weg von der Zivilisation. Viele unserer Schriftsteller sind deshalb ziemlich politisch. Wir sehen es als Sodom und Gomorrha. In den Dreißigerjahren war Bukarest eine ganz normale europäische Stadt, sie ähnelte Brüssel und hatte ein reges intellektuelles Leben. Dann aber wurde das Land ab den Vierzigerjahren systematisch zerstört.

 

Können Sie Ihr Leben dort beschreiben?

Cartarescu: Ich stamme aus dem Arbeitermilieu, bin ein Kind von Bauern, die in die Stadt gezogen sind. Ich hielt meine Heimatstadt für die schönste der Welt. Dieses Bild habe ich bis 1989 behalten. Da kam ich das erste Mal ins Ausland. Ich hatte zuvor keinen Pass, keine Möglichkeit des Vergleichs. Ich hatte in einem Gefängnis gelebt, das aber als normal empfunden. Man konzentrierte sich auf das Private, auf Liebe, Freundschaft, Bücher. Die Sprache war das Fenster zu Welt. Meine schreibenden Freunde und ich haben uns gegenseitig unsere Werke vorgelesen, es gab regen Gedankenaustausch. Wir haben überlebt. Die Realität hat uns gar nicht interessiert. Ist das nicht eigenartig? Ich kenne keine rumänischen Familienromane, keine realistische Prosa aus dieser Zeit. Jeder war darum bemüht, äußerst raffiniert zu schreiben, jeder wollte einmalig sein. Das klingt vielleicht provinziell, aber so war es eben. Wir wollten sein wie Kafka oder Proust.

 

Wie haben Sie 1989 erlebt? Als Schock?

Cartarescu: Es gab in meinem Leben bisher zwei außerordentliche Ereignisse; die rumänische Revolution 1989 und der Terror vom 11.September2001. Die Revolution bedeutete mir viel mehr. Ich war 34 und hatte vor allem in Büchern gelebt. Man hatte sich an Ceausescu gewöhnt, wie an einen Vulkan in unmittelbarer Nachbarschaft, gegen den man nichts machen kann. Und plötzlich war er weg. Plötzlich lebten wir wie in Utopia, die Leute umarmten sich wie im Karneval. Alle waren wir extrem naiv, sodass die wirklichen Bastarde wieder das Kommando übernehmen konnten, von der KP, von der Securitate. So ist es geblieben. Es gab keine Aufarbeitung von 42 Jahren Kommunismus. Aber die Rumänen haben ohnehin nie an diese Ideologie geglaubt, es wurde nicht, wie in 70 Jahren Sowjetunion, ein neuer Mensch geschaffen. Wir Rumänen sind ein lateinisches Volk, alles ist für uns ein Witz, wir sind weder besonders religiös noch fanatisch. Wir waren ganz einfach besetzt.

 

Wie waren dann die Neunzigerjahre?

Cartarescu: Es war schlimm, die alten Regeln und Strukturen waren zerstört, es herrschte Anarchie. Es gab, um über das Leben als Schriftsteller zu reden, keine Verlagshäuser mehr. Wir mussten für die Presse schreiben, um leben zu können. Wenig wurde publiziert. Seit einigen Jahren hat sich die Situation verbessert, vor allem seit dem Beitritt zur EU. Viele von uns haben aber noch immer nicht begriffen, dass wir nun ein Teil Europas sind. Das wird kaum thematisiert.

Wie schreiben Sie methodisch? Entstand Ihre Trilogie in einem Schwung? Was kommt jetzt?

Cartarescu: Ich habe die Arbeit immer wieder unterbrochen und dazwischen weniger Anspruchsvolles geschrieben. Auch meine Short Stories „Warum wir die Frauen lieben“, die demnächst auf Deutsch erscheinen, sind solch leichte Lektüre. Sonst wäre mir das zu anstrengend, zu gefährlich gewesen. Und jetzt beherzige ich vielleicht den Rat von Borges. Ich will drei kurze Romane schreiben, einen historischen Stoff aus dem 18.Jahrhundert zuerst. Aber mehr will ich nicht verraten. Da bin ich abergläubisch.

DER AUTOR UND SEIN ORBIT

Maßlosigkeit, ein an Marquez gemahnender magischer Realismus und sprachmächtiges, „postmodernes“, Erzählen prägen Cartarescus Romane. Der 1956 in Bukarest geborene Autor begann als Lyriker, heute zählt er zu den wichtigsten rumänischen Gegenwartsautoren.

Der Roman „Die Wissenden“ bildet den ersten Teil seiner „Orbitor“-Trilogie. Erzählt wird die Geschichte des Bukarester Buben Mircea und seiner Familie ab der Mitte des 20.Jahrhunderts (Zsolnay, 526S., €25,60). 2010 soll die gesamte Orbitor-Trilogie auch auf Deutsch vorliegen. Bei Suhrkamp erscheint demnächst der Erzählband „Warum wir die Frauen lieben“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.01.2008)

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