Marjana Gaponenko: "Auf Russisch höre ich mich nicht"

In Odessa fing sie an, auf Deutsch zu schreiben, ihr fabelhafter jüngster Roman spielt im Hotel Imperial, und nun lebt Marjana Gaponenko auch noch in Wien: Begegnung mit einer erstaunlichen Autorin.

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Marjana Gaponenko
Marjana Gaponenko – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die Presse: Welche Sprache ist Ihnen näher, das Russische oder Ukrainische?

Marjana Gaponenko: Meine Mutter kommt aus Wladiwostok, mein Vater aus Georgien. Bei uns wurde Russisch gesprochen, Ukrainisch habe ich in der Schule gelernt, ich verstehe es hundertprozentig, traue mich aber nicht, es zu sprechen. Jedenfalls hat sich jeder Ukrainer zwischen diesen zwei Sprachen hin und her bewegt, das war nie ein Widerspruch oder ein Problem.


Wie russisch fühlen Sie sich jetzt?

Bis zu den Ereignissen in Kiew habe ich die Geschichte meiner Heimat als die des russischen Kulturkreises betrachtet. Und wenn mich auf Reisen jemand nicht so Gebildeter gefragt hat, woher ich komme, habe ich einfachheitshalber gesagt, ich bin Russin. Das ist jetzt anders. Trotzdem fühle ich mich noch als russischer Mensch, als Angehöriger dieser Kultur. Und als Bürgerin der Ukraine.

Und als Ukrainerin?

Ich habe in den letzten Wochen einen kleinen Anstecker mit der ukrainischen Fahne getragen. Seit dem 2. Mai, den vielen Toten in Odessa, konnte ich es nicht. Ich werde den Stecker aber wieder tragen, denn wenn ich jetzt auf diese Symbolik verzichte, verrate ich die Menschen, die keine Extremisten sind. Die Idee am Anfang der Protestbewegung war nobel und human, es ging um Rechtsstaatlichkeit, Freiheit. Aber ich habe ein Problem mit der ukrainischen Symbolik, Symbole haben Folgen. Jeder, der in Odessa einen Stein gehoben hat, wusste, dass ein Stein töten kann. Dass so viele Ukrainer sagen, das war richtig, tut mir weh.

 

Für wen können Sie also heute klar Partei ergreifen?

Nur für die Menschlichkeit. Nach den Ereignissen in Odessa ist es mir ein physisches Bedürfnis zu sagen, wie erschüttert ich bin. Odessa ist seit Langem eine friedliche, tolerante, eine internationale, multikulturelle Stadt, in der jeder den anderen respektierte, eine Stadt der Händler, fortschrittsgetrieben ... War das alles eine Chimäre? Viele Odessiten werden depressiv, weil sie nicht fassen können, dass in ihrer Stadt so etwas möglich war. Der Konflikt ist von außen geschürt, künstlich.

Warum um Himmels willen beginnt ein ukrainischer Teenager in den Neunzigerjahren auf Deutsch Literatur zu schreiben?

Ich war geprägt von den vielen Filmen, in denen die Deutschen die Feinde waren. Ich glaube, ich wollte den Feind verstehen. Deutsch war für mich auch eine Chance, anders zu denken – das war in der Ukraine in den 90ern sehr angesagt.

Bewusst in einer Fremdsprache als Schriftstellerin zu debütieren, das ist schwer nachvollziehbar.

Zum Deutschen habe ich einen sehr pragmatischen Zugang, und alles Pragmatische tut mir gut. In dieser Sprache habe ich im Voraus ein klares Bild davon, was ich sagen will. Als Ukrainerin, als russischer Mensch – trotz allem –, fühle ich mich anders: Wenn ich Russisch spreche, bin ich wie ein Stück Treibholz im chaotischen Meer, ich höre mich nicht, sehe mich nicht. Und ich stottere. Im Deutschen tue ich das nicht oder kaum.

Vor zwei Jahren erschien Ihr wunderbarer zweiter Roman „Wer ist Martha?“ über einen Zoologen, der seine letzten Lebenswochen im Hotel Imperial verbringt. Warum gerade dort?

Bisher habe ich auf diese Frage immer nur geantwortet, dass ich nach einem Hotel gesucht hätte, in dem ein älterer Herr in Würde sterben kann. Aber eigentlich bin ich 2009 daran vorbeigelaufen, und der Stadtführer sagte mir, das sei das beste Hotel in Wien. Als ich noch einmal vom Schwarzenbergplatz zurückschaute, sah es auf einmal so großartig aus, dass ich mir sagte: In diesem Hotel werde ich eines Tages leben. Das war natürlich unvorstellbar, grotesk.

Und dann haben Sie eine Romanfigur drin leben lassen ...

Ich habe selbst drei Wochen im Imperial gelebt! Meine Mutter hat mir das geschenkt, weil sie wusste, dass ich über das Hotel schreibe. Es war ihr großes Geschenk an mich, für alle gegenwärtigen und zukünftigen Geburtstage, Weihnachten etcetera. Einerseits schrecklich – da drin zu sitzen und sich zu denken, diese Stunde hat gerade wieder 50 Euro gekostet... Aber ich habe in diesem Hotel das Buch geschrieben, das mich als Schriftstellerin geprägt hat.

AUTORIN IM BURGTHEATER



Marjana Gaponenko
wurde 1981 in Odessa geboren, wo sie Germanistik studierte. Seit sie 15 ist, schreibt sie auf Deutsch. Veröffentlichte Gedichte und Romane, für „Wer ist Martha?“ (Suhrkamp 2012) erhielt sie den Chamisso-Preis. Sie lebt in Mainz und Wien.Am Donnerstagum 20 Uhr ist sie mit dem ukrainischen Schriftsteller und Übersetzer Jurko Prochasko zu Gast im Kasino des Burgtheaters: in der Gesprächs- und Vortragsreihe „Kakanien – Neue Heimaten“. Gesprochen und gelesen wird über Sprache, Heimat und Identität. [ Clemens Fabry]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.05.2014)

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