Judith Butler, Freud und die Grausamkeit

Judith Butler
Judith Butler / Bild: (c) Die Presse (Clemens Fabry) 

Die feministische Starphilosophin füllte mit ihrer Freud-Vorlesung gleich vier Hörsäle der Uni Wien.

 (Die Presse)

Kein Wort über Gender, Queerness und Performativität: Judith Butler erwähnte bei der Freud-Vorlesung keines der Themen, die sie berühmt gemacht haben. So berühmt, dass ihr Publikum nicht nur das Audimax der Uni Wien füllte, sondern noch drei mittelgroße Hörsäle, in die ihr Vortrag übertragen wurde, dazu.

Er müsse aufpassen, dass es keine Toten gebe wie bei der Love Parade 2010 in Duisburg, sagte ein Saalordner angesichts des heftigen Andrangs halb im Scherz – und sprach damit zwei zentrale Begriffe des Abends an: Liebe/Libido und Tod, Eros und Thanatos, die beiden miteinander ringenden „himmlischen Mächte“, wie sie Freud (natürlich unter Anführungszeichen) im „Unbehagen in der Kultur“ (1930) nannte. Aus diesem Buch zitierte Butler ausführlich (ohne, wie sie's früher gern getan hat, Freuds Ideen durch die Zerrbrille des Jacques Lacan zu sehen), und sie hielt ihren Vortrag auf Deutsch: eine sympathische Geste des Respekts für den Vater der Psychoanalyse, zu dessen Geburtstag am 6.Mai alljährlich die Freud-Vorlesung in Wien stattfindet.

Todestrieb versus Lustprinzip

„Politik des Todestriebes. Der Fall der Todesstrafe“ war der Titel. Zur Annahme eines Todestriebes rang sich Freud ja erst spät durch, in „Jenseits des Lustprinzips“ (1920), und er verbarg nie, dass ihm selbst nicht ganz klar war, wie die beiden, Lustprinzip und Todestrieb, zusammenpassen sollen, was das überhaupt sein soll, ein Todestrieb: eine Tendenz zur Auflösung der vom Eros geschmiedeten Verbände, zur Rückkehr zum Anorganischen? Von „Lebensfeindlichkeit, die dem Leben selbst inhärent ist“, sprach Butler und von der Verdrängung der Grausamkeit, die bedeute, die Aggression gegen sich selbst zu richten, in der Gestalt des schlechten Gewissens, des Über-Ichs, das besonders in der Melancholie wütet.

Doch schon bei Freud richtet sich der Todestrieb vor allem nach außen, als Tötungstrieb sozusagen, als Lust an der Zerstörung anderer. Diese ist – wie die Grausamkeit – nicht durch die Abschaffung der Todesstrafe aus der Welt zu schaffen, das hat Jacques Derrida festgestellt: Das Einsperren von Delinquenten könne die Grausamkeit sogar prolongieren. Butler zitierte dazu die US-Bürgerrechtlerin Angela Davis, die für Heilung statt Gefängnis plädierte, und erklärte, dass in den USA sowohl Todes- als auch Haftstrafe rassistisch seien, weil sie häufiger gegen Schwarze angewandt werden. Ob Butler darüber mit Obama und Putin spreche, fragte ein Zuhörer. Die Philosophin schwieg kurz und sagte dann: „Nein. Mein Geschäft ist es, Räume der Reflexion zu öffnen.“ Diesfalls vier Hörsäle. (tk)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2014)

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