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Germanist Wendelin Schmidt-Dengler 66-jährig verstorben

08.09.2008 | 17:37 |   (DiePresse.com)

Der Literatur- und Sprachwissenschafter Wendelin Schmidt-Dengler ist am Sonntag im Alter von 66 Jahren an einer Lungenembolie gestorben. 2007 war er zum "Wissenschafter des Jahres" gekürt worden.

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Der Germanist und Literaturwissenschafter Wendelin Schmidt-Dengler ist völlig überraschend am Sonntag im Alter von 66 Jahren gestorben. Das teilte das Institut für Germanistik der Universität Wien am Montag mit. Schmidt-Dengler erlag einer Lungenembolie, wie es weiter hieß. Der Institutsvorstand der Germanistik und Leiter des Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek galt als österreichischer Literaturpapst.

Schmidt-Dengler wurde am 20. Mai 1942 in Zagreb geboren. Der vielfach ausgezeichnete Germanist und Fußballfan hätte heuer im Rahmen der Frankfurter Buchmesse den "Preis der Kritik" erhalten sollen. Im Jahr 2007 wurde er zum "Wissenschafter des Jahres" gekürt. Im Zentrum seiner Arbeit stand die österreichische Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts sowie die Wirkungsforschung der Antike. Das Österreichische Literaturarchiv hat er zu einer der bedeutendsten Literaturinstitutionen im deutschen Sprachraum ausgebaut.

In einem seiner letzten Interviews erklärte Schmidt-Dengler kurz vor der EM im Gespräch mit Norbert Mayer und Anne-Catherine Simon von der "Presse", was Fußball mit Ödipus und der Schlacht auf dem Lechfeld zu tun hat, und warum Spiele die Staatshygiene fördern.

Kollegen: Fach "wesentlich geprägt"

"Wir verlieren nicht nur einen großartigen Wissenschafter, sondern auch einen Freund und einen Kollegen, der unser Institut und die österreichische Germanistik wesentlich geprägt hat", schreibt der stellvertretende Vorstand des Instituts für Germanistik, Michael Rohrwasser, in der Nachricht über den Tod Wendelin Schmidt-Denglers.

"Er war Hochschullehrer, Wissenschafter und Literaturkritiker." - So charakterisierte Werner Welzig, ab 1968 ordentlicher Professor für neuere deutsche Literaturgeschichte am Institut für Germanistik der Universität Wien und zwischen 1991 und 2003 Präsident der Österreichischischen Akademie der Wissenschaften, den verstorbenen Wendelin Schmidt-Dengler, seinen ehemaligen Untergebenen. "Seine Interessen waren vielfältig. Sie galten zunächst Heimito von Doderer, in jüngerer Zeit Thomas Bernhard", sagte Welzig Montagnachmittag gegenüber der APA.

Was Schmidt-Dengler ausgezeichnet habe: "Seine Darstellung der Literatur war so lebendig, dass er viele Leute aus anderen Fächern angezogen hat, die sonst eigentlich der Literatur indifferent gegenübergestanden sind." Der Literaturwissenschafter mit vielfältigen Talenten ("Zuletzt hat er ja auch einen Preis für Literaturkritik erhalten") hätte die Studenten mit seinem Vortrag und seinem Enthusiasmus begeistern können. Schmidt-Dengler sei dabei von seinem Herkommen her ja klassischer Philologe gewesen.

Mit "großer Bestürzung" haben auch die Organisationen des Literaturhauses, die Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur, die IG Autorinnen Autoren und die Übersetzergemeinschaft vom Tod ihres langjährigen Vorstandsmitglieds erfahren. Schmidt-Dengler habe "die Geschicke der Dokumentationsstelle und den Aufbau des Literaturhauses entscheidend mitgestaltet. Mit ihm hat die österreichische Gegenwartsliteratur einen ihrer größten und leidenschaftlichsten Fürsprecher verloren", heißt es in einer Aussendung des Literaturhauses.

 

(APA)

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9 Kommentare
Gast: Clemens Ottawa
10.09.2008 00:56
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der Leser mit den Röntgenaugen

Alles wurde schon geschrieben über den Verlust an Persönlichkeit und Intellekt, dem wir nun entgegensehen müssen. Wenn selbst Elfriede Jelinek keine Worte findet, dann fühle auch ich mich außerstande.Ihn als Professor,mit dieser energischen,entlarvenden,entscheidenden Urteilskraft erlebt zu haben,ist ein Moment,dem man nun sehr dankbar sein muss.Mit einem Arbeits- und Lesepensum, dem die junge wie die alte Studentenschaft Ehrerbietung zollen musste, machte er vieles (wieder) salonfähig. Entdeckte Verlorengeglaubtes (Herzmanovsky-Orlando), positionierte sich in der Herausgeberschaft (wie eben vor allem die Bernhard-Gesamtausgabe, gemeinsam mit Dr. M. Huber) ergriff Partei für Mißverstandene (wie Marianne Fritz und ihr Oeuvre) und diese Liste an Aufzählungen (die auch Superlative sein könnten) wäre weiterzuführen, doch eigentlich nehme ich es mit der Literaturnoblepreisträgerin,wenn ich meine, dass man dem Verstorbenen auch damit nicht gerecht werden kann.

Nachruf in der Printausgabe unvollständig

Der letzte Satz bricht in der Printausgabe bei ge- plötzlich ab. Hier fehlt: wusst, wo sie zu suchen sind.

Gast: Ohrwell
09.09.2008 09:56
0 0

Aber das nur am Rande

Natürlich schaue er auch gerne Fußball, trinke gern ein Bier und sei nicht 24 Stunden lang nur Literaturprofessor, so hat er sich selbst einmal in einer Vorlesung beschrieben. "Aber das nur am Rande", fügte er hinzu, eine seiner Lieblingsphrasen, die mir stets im Gedächtnis bleiben. Doch gerade diese Randbemerkungen zeigten, dass er nicht einfach "nur" Wissen vermitteln wollte, sondern aufrütteln, neue Wege suchen, auch jenseits der festgefahrenen Grenzen. Was ihm gewiß nicht nur Sympathien eingebracht hat. Literatur könne man nicht nur national betrachten, dazu sind die Einflüsse von außerhalb viel zu wichtig, eine Maxime, die sein Lebenswerk mitbestimmt hat. Gerne erinnere ich mich auch an seine "Vorlesungen im Freien" zurück, als die Studentendemos gegen das Sparpaket (leider fruchtlos) abgehalten wurden. Seine Rethorik, sein Sprachduktus (Inter-Esse nicht Inte'R'esse), seine Formulierungen, waren einzigartig. Ich muß nachsehen, ob ich noch ein paar Mitschnitte aufgehoben habe.

Gast: snoopy
09.09.2008 09:32
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R.i.p

Aber wenn Herz und Seele der österreichischen Literatur in einem Menschen Platz hätten..dann in W. Schmidt-Dengler!!

Gast: snoopy
09.09.2008 09:29
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R.I.P.

Dieser Mann war der Mitgrund für mich, Germanistik zu studieren! Er hat Leuten die Literatur so näher bringen können, dass man unweigerlich Bücher zu lieben begonnen hat! Danke für ALLES!

Gast: Sebastian Gensgitsch
08.09.2008 21:58
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Pietät...

... Wendelin Schmidt-Denglers Habil ist von 1974, Doderer ist 1966 verstorben. Die Anekdote an sich stimmt, siehe Fleischers Doderer-Biografie. Kaum verstorben und schon inkorrekt dargestellt - ich nehme an, er hätte herzlich gelacht. Es sei denn, man hätte bei ihm studiert.

Gast: Germanist
08.09.2008 17:39
2 0

Ein Großer...

Ein Großer ist abgetreten. Seine Vorlesungen waren für alle prägend.

Die österreichische Wissenschaft wird ihn vermissen. Bitterlich.

Antworten Gast: heide
08.09.2008 18:56
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Re: Ein Großer...

Ein großartiger Germanistik-Professor. Das ist ja furchtbar.

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Re: Re: Ein Großer...

wohl einer der ganz großen! und für das institut und die restliche literarische welt wahrlich ein sehr großer verlust!

auch mich hat er mit seinen tollen vorlesungen dazu gebracht, mich mit werken zu beschäftigen, die ich ansonsten wahrscheinlich nicht gelesen hätte.