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Schmidt-Dengler gestorben: Er hat die Literatur geliebt

08.09.2008 | 19:06 |  Von Anne-Catherine Simon (Die Presse)

Der Wiener Germanist Wendelin Schmidt-Dengler ist am Sonntag gestorben. Der 66-Jährige war ein großer Förderer und Chronist der österreichischen Literatur.

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Die österreichische Literaturwelt, seine Zuhörer in den zum Bersten gefüllten Hörsälen und vor den Radiogeräten, bei Literaturveranstaltungen und Streitgesprächen hat Wendelin Schmidt-Dengler immer wieder überrascht, mit seinem sprunghaften Ideenreichtum, seiner literarischen Universalbildung, seinem sprühenden Witz, seiner blitzschnellen spitzen Zunge und seiner leuchtenden Lebendigkeit. Es waren positive Überraschungen - wenngleich er auch Neider und Feinde hatte, wie alle in der Öffentlichkeit erfolgreichen Wissenschaftler.

Am Montag hingegen war der Schock groß: Eine Lungenembolie hat den bekanntesten heimischen Germanisten das Leben gekostet, teilte das Institut der Germanistik mit. Schmidt-Dengler war 66 Jahre alt. Kein Alter heutzutage - schon gar nicht für ihn. Hätte man gedacht.

Was hat dieser Mann, der aus Zagreb nach Graz und schließlich nach Wien gekommene Sohn eines Buchhändlers, nicht alles für die heimische Literatur und ihre Autoren getan! Als Mitarbeiter und dann Vorstand des Instituts für Germanistik begeisterte er Generationen für das Fach; als Gründer und Leiter des Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek gab er Vor- und Nachlässen der österreichischen Autoren eine Heimat - heute ist es einer der wichtigsten Literaturinstitutionen im deutschsprachigen Raum. Er war „die ideale Verbindung eines Professors für Literatur und eines Literaturkritikers, wie man sie in Österreich selten findet", schrieb der Autor Michael Scharang in der „Presse" zu Schmidt-Denglers 60. Geburtstag.

Zagreb, Graz, Wien

Dabei sieht es so aus, als hätte es den Philolologie-Studenten eher zufällig in die deutschsprachige Literatur verschlagen. Er habe während seiner Schulzeit in Wien genau gewusst, dass er nicht Germanistik studieren wollte, erzählte er gerne. „Ich habe Literatur geliebt, aber gerade deshalb wollte ich es nicht studieren. Ich dachte, das ist ein Bereich, den ich für mich behalte." Was für eine Begabung wäre da verloren gegangen - die so seltene Gabe, das eigene Fach als Bereicherung, als aktuell relevant zu vermitteln. Und wie anders kam es, Gott sei Dank: Er studierte Germanistik, vor allem aber Klassische Philologie, promovierte in Letzterer (über Aurelius Augustinus' Confessiones) - und wurde, statt Lehrer, Assistent am Institut für Germanistik.

Auch seine Entwicklung hin zum Leiter des Literaturarchivs hat ihre Wurzeln vielleicht in einer zufälligen Begegnung. Schmidt-Dengler freundete sich mit Heimito von Doderers Sekretär, Wolfgang Fleischer, an, der Schmidt-Dengler nach Doderers Tod die Betreuung des Nachlasses anvertraute. So kam die Freude am „Kennenlernen des Schriftstellers vom Material her". Den Autor der „Strudlhofstiege" hat Wendelin Schmidt-Dengler als habilitierter Altphilologe übrigens noch persönlich kennengelernt - er soll ihn schwer beeindruckt haben, indem er ein Homer-Zitat auf Griechisch weiterführte . . .

Doderer und viele andere, von Fritz von Herzmanovsky-Orlando bis Albert Drach, hat Schmidt-Dengler herausgegeben - und natürlich und vor allem Thomas Bernhard. Seit 2003 erscheint die von ihm mitherausgegebene, auf 22 Bände angelegte Bernhard-Werkausgabe bei Suhrkamp.

Als er zu Thomas Bernhard „Ja" sagte

In einem Interview im „Spectrum" vor fünf Jahren erzählte er über seine einzige Begegnung mit Bernhard: „Ich sitz' da im Café Bräunerhof, und er sitzt auch dort. Plötzlich kommt er zielstrebig auf mich zu. Ich war auf alles gefasst, auf alles. Er fragte mich dann aber nur: ,Ist die ,Frankfurter‘ frei?‘ Ich bewies geistesgegenwärtig meine Werkkenntnis und antwortete mit einem Bernhard-Titel: Ich sagte ,Ja‘."

Selbstironie - bis zuletzt begleitete sie Wendelin Schmidt-Dengler und trug dazu bei, dass bei aller Lust am öffentlichen Auftreten nie die eigene Person, immer die leidenschaftlich geliebten (oder ebenso leidenschaftlich abgelehnten) Bücher im Mittelpunkt standen.

Die würdige Erscheinung des Professors der Literaturgeschichte würde, da „gewohnt, auf unkontrollierbare Entfernungen zu zielen, in der Gegenwart oft unheilstiftend danebenschießen", zitierte Schmidt-Dengler einmal Musil. Er war aber auch das Gegenteil eines „Literaturpapstes" à la Reich-Ranicki (der ihm im „Literarischen Quartett" ständig die Hand niedergedrückt haben soll, um ihn zum Schweigen zu bringen). Die mehrschichtige Literatur vertrage auch mehrere Antworten: „Wir brauchen keine führende Kritikerstimme, kein literarisches Duett, Terzett oder Quartett . . ., sondern ein Orchester, das sich auf Polyphonie versteht." So verstand Schmidt-Dengler auch sein Metier - und nahm es in Kauf, auch einmal über das Ziel hinaus zu schießen, wenn nicht gar selbst polyphon zu werden.

Nein, Schmidt-Dengler taugt nicht zum toten Denkmal, seine Worte nicht, um in Stein gemeißelt zu werden. Aber wenn Herz und Seele der österreichischen Literatur in einem Menschen Platz hätten, dann hätte man - bis zu diesem Wochenende - gewusst, wo sie zu suchen sind.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2008")

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9 Kommentare
Gast: Clemens Ottawa
10.09.2008 00:56
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der Leser mit den Röntgenaugen

Alles wurde schon geschrieben über den Verlust an Persönlichkeit und Intellekt, dem wir nun entgegensehen müssen. Wenn selbst Elfriede Jelinek keine Worte findet, dann fühle auch ich mich außerstande.Ihn als Professor,mit dieser energischen,entlarvenden,entscheidenden Urteilskraft erlebt zu haben,ist ein Moment,dem man nun sehr dankbar sein muss.Mit einem Arbeits- und Lesepensum, dem die junge wie die alte Studentenschaft Ehrerbietung zollen musste, machte er vieles (wieder) salonfähig. Entdeckte Verlorengeglaubtes (Herzmanovsky-Orlando), positionierte sich in der Herausgeberschaft (wie eben vor allem die Bernhard-Gesamtausgabe, gemeinsam mit Dr. M. Huber) ergriff Partei für Mißverstandene (wie Marianne Fritz und ihr Oeuvre) und diese Liste an Aufzählungen (die auch Superlative sein könnten) wäre weiterzuführen, doch eigentlich nehme ich es mit der Literaturnoblepreisträgerin,wenn ich meine, dass man dem Verstorbenen auch damit nicht gerecht werden kann.

Nachruf in der Printausgabe unvollständig

Der letzte Satz bricht in der Printausgabe bei ge- plötzlich ab. Hier fehlt: wusst, wo sie zu suchen sind.

Gast: Ohrwell
09.09.2008 09:56
0 0

Aber das nur am Rande

Natürlich schaue er auch gerne Fußball, trinke gern ein Bier und sei nicht 24 Stunden lang nur Literaturprofessor, so hat er sich selbst einmal in einer Vorlesung beschrieben. "Aber das nur am Rande", fügte er hinzu, eine seiner Lieblingsphrasen, die mir stets im Gedächtnis bleiben. Doch gerade diese Randbemerkungen zeigten, dass er nicht einfach "nur" Wissen vermitteln wollte, sondern aufrütteln, neue Wege suchen, auch jenseits der festgefahrenen Grenzen. Was ihm gewiß nicht nur Sympathien eingebracht hat. Literatur könne man nicht nur national betrachten, dazu sind die Einflüsse von außerhalb viel zu wichtig, eine Maxime, die sein Lebenswerk mitbestimmt hat. Gerne erinnere ich mich auch an seine "Vorlesungen im Freien" zurück, als die Studentendemos gegen das Sparpaket (leider fruchtlos) abgehalten wurden. Seine Rethorik, sein Sprachduktus (Inter-Esse nicht Inte'R'esse), seine Formulierungen, waren einzigartig. Ich muß nachsehen, ob ich noch ein paar Mitschnitte aufgehoben habe.

Gast: snoopy
09.09.2008 09:32
0 0

R.i.p

Aber wenn Herz und Seele der österreichischen Literatur in einem Menschen Platz hätten..dann in W. Schmidt-Dengler!!

Gast: snoopy
09.09.2008 09:29
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R.I.P.

Dieser Mann war der Mitgrund für mich, Germanistik zu studieren! Er hat Leuten die Literatur so näher bringen können, dass man unweigerlich Bücher zu lieben begonnen hat! Danke für ALLES!

Gast: Sebastian Gensgitsch
08.09.2008 21:58
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Pietät...

... Wendelin Schmidt-Denglers Habil ist von 1974, Doderer ist 1966 verstorben. Die Anekdote an sich stimmt, siehe Fleischers Doderer-Biografie. Kaum verstorben und schon inkorrekt dargestellt - ich nehme an, er hätte herzlich gelacht. Es sei denn, man hätte bei ihm studiert.

Gast: Germanist
08.09.2008 17:39
2 0

Ein Großer...

Ein Großer ist abgetreten. Seine Vorlesungen waren für alle prägend.

Die österreichische Wissenschaft wird ihn vermissen. Bitterlich.

Antworten Gast: heide
08.09.2008 18:56
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Re: Ein Großer...

Ein großartiger Germanistik-Professor. Das ist ja furchtbar.

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Re: Re: Ein Großer...

wohl einer der ganz großen! und für das institut und die restliche literarische welt wahrlich ein sehr großer verlust!

auch mich hat er mit seinen tollen vorlesungen dazu gebracht, mich mit werken zu beschäftigen, die ich ansonsten wahrscheinlich nicht gelesen hätte.