Winston: Ein Hund für Skeptiker

Nicht jeder ist zum Hundehalter geboren. Manche werden dazu überredet. So wie Autor Hilmar Klute Von Winston. Der inspirierte Klute zu seinem Buch über die Metaphysik der Hundehaltung.

Hund am Meer
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(c) Bilderbox

Eines Tages war er einfach da. Die Frau des Erzählers brachte den kleinen Hund mit dem gurkenförmigen Kopf vorbei. Sie hatte ihn auf einem Münchner Friedhof angeleint gefunden, ausgesetzt, mit einem Namensschild: Winston. Hilmar Klute erzählt eine wahre Begebenheit, die Geschichte davon, wie ein Mann, der sich nie einen Hund wünschte, plötzlich zum Hundebesitzer wird und in eine fremde, seltsame, tierische Welt eintaucht.

Herr Klute, würden Sie empfehlen, sich einen Hund anzuschaffen?

Auf jeden Fall. Jeder sollte einmal in seinem Leben Sätze sagen müssen wie „Er will nur spielen!“ oder „Dass ihre Hündin läufig ist, macht gar nichts, mein Rüde ist kastriert.“ Das verleiht dem Menschenleben eine gehörige Portion Demut. Außerdem sagt man mehrmals am Tag „Aus!“ Das hat fast was Metaphysisches.

Sie waren der klassische interesselose Nicht-Hundebesitzer. Dann lief Ihnen der Hund zu. Hätten Sie jeden genommen?

Vermutlich hätte ich sogar einen Schakal genommen. Ein ausgesetztes Tier zu retten ist ja eine große Chance, gegen die Verdorbenheit der Welt tätig zu werden.

Wie würden Sie mich als Hundeskeptiker von den Vorteilen des Hundebesitzes überzeugen?

Würde ich nicht versuchen. Es gibt keine wirklichen Vorteile, einen Hund zu besitzen.

Ich hatte den Eindruck, der Hund wurde zu Ihrer Lebensaufgabe – liegt das an der ironischen Form des Erlebnisberichts oder war das wirklich so?

Zuerst fragte ich mich, warum ausgerechnet ich mich jetzt um einen Hund kümmern muss. Ich wusste nicht einmal ansatzweise, was ein Hund an geistiger Nahrung und spirituellem Input benötigt. Außerdem hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich den Hund einige Stunden allein in der Wohnung lassen musste. Erst als unsere Hundetrainerin erklärte, dass Winston durchaus ein Freund des Rückzugs und der einsamen Kontemplation sei, war ich beruhigt.

Was zeichnet Winston aus?

Große Freundlichkeit und nicht nachlassende Spielfreude. Und sein großes Interesse an Kulturgütern wie Möbeln, Antipasti und Fleischgerichten. Außerdem ist er charakterstark, also stur, er stemmt sofort die Vorderläufe gegen den Boden, wenn ein Spaziergang ihm nicht mehr zusagt oder er aus dem Zimmer entfernt werden soll.

Seine schlechtesten Eigenschaften?

Sein kurzes, gleichwohl peitschenknallartiges Bellen und die Angewohnheit, an Leuten hochzuspringen.

Was war Ihr schrecklichstes Erlebnis mit Winston?

Einmal wurde er von einem Hund in die Pfote gebissen. Die Wunde ging bis auf die Knochen, noch schlimmer war aber: Der Hund hatte gewissermaßen das Böse im anderen Hund kennengelernt, und ich konnte ihm nicht mehr weismachen, dass es das Böse nicht gibt.

Und das schönste Erlebnis?

Da muss ich doch ein bisschen natursentimental bis eichendorffisch werden: Das sind und bleiben die langen Spaziergänge durch oberbayerische Landschaften, bei denen Winston seine Naturzugehörigkeit dergestalt belegt, dass er Ganzkörperbäder in Schlammpfützen nimmt oder Reste von bereits erlegten Tieren verspeist.

Sie räumen mit vielen Hunde-Vorurteilen auf, auch mit positiven. Erkennen Hunde tatsächlich nicht einmal ihren eigenen Namen?

Vielleicht wollen sie ihn manchmal einfach nicht mehr kennen. Ein Hund darf sich ja auf seinen Standpunkt als dummes Tier zurückziehen. Hunde können es sich im Grunde sehr einfach machen.

Ist Ihnen wichtig, dass Ihr Hund intelligent ist?

Nein, aber er sollte bitte verstehen, dass er nicht extra aufstehen muss, wenn ich vom Schreibtisch in den Sessel wechsle. Das ist einfach zu viel der Aufmerksamkeit.

Und dass er „folgt“?

Draußen ja, weil ich sonst nicht unbehelligt durch die Gegend laufen kann. Ein Hund, der nicht folgt, verleitet zu unwürdigem Verhalten.

In Wien gibt es die Kampagne „ein Sackerl fürs Gackerl“. Stört Sie Hundekot?

Nein, ich hielt Hundekot immer für einen legitimen Teil des allgemeinen Unrats in der Welt.

Ist Hundebesitz in gewissen Schichten eigentlich per se politisch unkorrekt?

Ich glaube, es gibt Hunderassen, die politisch unkorrekt sind, Pitbulls vielleicht oder Staffordshire-Terrier. Aber es ist eben doch schwierig, in der Hundewelt mit moralischen Kategorien zu arbeiten, weil die Hunde diese Kategorien so wenig interessieren wie Rassezugehörigkeit.

Ich finde an Hunden diese „Treue“ etwas borniert. Sehen Sie Treue mittlerweile als positiven Begriff?

Nein, aber ich glaube auch nicht, dass Hunde wirklich treu sind. Sie erkennen die materiellen Vorteile einer lebenslangen Bindung – regelmäßige Mahlzeiten, Schlafplatz, kurze Ansprachen – und die nützen sie aus.

TIPP

Winston oder der Hund, der mich fand. Von Hilmar Klute. Verlag Antje Kunstmann.

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