Stellen Sie sich folgende Szene vor. Ein Mann, eine Frau, im Bett, auf der Couch, wo immer. Plötzlich dreht sich die Frau zum Mann und sagt: „Du geiles Vieh! Lass mich kommen so wie nie! Ich hab gehört, du bist der Meister des G-Punkts. Los Kleiner, fick mich wund.“
Falls Sie sich jetzt fragen. Nein, das ist kein übler Pornodialog. Sondern ein Songtext einer Frau. Mit Rap über „deutsche Schwänze“ und „Vaginastyle“ ist Lady Bitch Ray alias Reyhan ?ahin bekannt geworden. Und mit ihrem Hang zum Expliziten steht die studierte Germanistin auch nicht mehr alleine da. In Deutschlands Buchhandlungen reihen sich Titel wie „Fucking Berlin“, „Bitterfotze“ oder „Anatomi. Monotoni“ (dumm übersetzt mit „Die Hände des Cellisten“) aneinander. Ob die Ex-Prostituierte, die beichten will, die promiskuitive Norwegerin mit Hang zur Philosophie oder das Berliner Party-Gör aus Rebecca Martins „Frühling und so“, dem alles „ficken egal“ ist: Sie alle wollen bloß über eins reden.
„Frauen haben derzeit Lust, über Sex zu schreiben“, sagt Jennifer Hirte. Hirte leitet „Anais“ beim deutschen „Schwarzkopf & Schwarzkopf“-Verlag, ein im Herbst 2008 gestartetes Programm, das sich auf „coole erotische Romane“ (so die Eigendefinition) von Frauen spezialisiert hat. Ähnliches gibt es bei britischen Verlagen schon längst. Der Zulauf von Autorinnen ist enorm. Hirtes „digitaler Schreibtisch“ biegt sich geradezu unter Manuskripten. Manchmal schummelt sich via Pseudonym auch ein Mann darunter. Aber, so Hirte: „Den erkennt man am Text.“
Knietief im Feuchtgebiet. Neu ist es freilich nicht, dass Frauen über Sex schreiben. Man denke an Anais Nin, „Catherine Millet („Das sexuelle Leben der Catherine M.“), Virginie Despentes („Baise-moi“), überhaupt Frankreich! An Melissa Panarello („Mit geschlossenen Augen“) sowie Nellie Arcans „Hure“. Und selbstverständlich an sie, die hartnäckige Regentin der Bestsellerlisten: Die deutsche Ex-TV-Moderatorin Charlotte Roche und ihre „Feuchtgebiete“. Die – wenngleich ihr Thema mehr der Ekel denn der Sex ist – den aktuellen Trend auch losgetreten haben könnte.
Denn dass hier eine mit der alten Formel „Junge Frau schreibt schmutzig“ so viel Aufmerksamkeit und in Folge so viel Geld lukriert, bleibt weder bei Verlagen noch Kolleginnen unbemerkt. Weshalb hinter der Häufung der Sex-Literatur laut nüchterner Expertenanalyse vor allem Marketing steckt. Aber eben nicht nur. Denn auch wenn Roche klagt, dass sie „pseudofeministische Debatten“ über ihr Buch gründlich satt hat, lässt sich die ihr nachfolgende Romanflut doch als Versuch deuten, geänderte gesellschaftliche Spielregeln zu reflektieren. Findet auch Ariadne von Schirach, Autorin der Gesellschaftsanalyse „Der Tanz um die Lust“. Ihre These lautet: „Sex und Liebe sind heute endgültig getrennt, und die Frauen versuchen nun dieses Thema, diesen Raum, der offenbar frei geblieben ist, sprachlich zu besetzen.“ Und sie spielen dabei im literarischen Universum mit einem Thema, das im realen nach wie vor bloß in der Theorie existiert: die sexuelle Gleichberechtigung der Geschlechter. Auch mit dem Ton wird experimentiert. Der fällt bisweilen so desillusioniert, so zornig aus, dass sich das deutsche Feuilleton zuletzt fragte, ob der Sex-Trend nicht in Wahrheit ein einziger großer Wutausbruch sei.
Frauen als Schweine. Richtig ist: Die neue weibliche Sex-Literatur liest sich anders als jene aus den vergleichsweise gut gelaunten Sechzigern. „Mein Körper gehört mir!“, einst fröhlicher Schlachtruf, taugt heute nur mehr als halbironischer Kommentar. Denn, so sagt Klaus Kastberger, Leiter des Österreichischen Literaturarchivs in der Nationalbibliothek: „Es gibt jetzt nicht einmal eine vermeintliche Hoffnung mehr, dass Sexualität Befreiung bedeuten könnte.“ Und es gibt auch keine Zensur, keine Empörung mehr, gegen die man lustvoll anschreiben könnte. Stattdessen spielen die Sex-Autorinnen brav und desillusioniert nach den Regeln eines medialen Marktes, in dem Sex omnipräsent ist und zu dem sie selbst gehören. Ein System ohne Entkommen.
Und ein System, das Autorinnen/Rapperinnen glauben schlagen zu können, indem sie die – Internet sei Dank – fortschreitende Pornografisierung der Sprache für sich verwenden. Motto: Je härter, desto besser. Eine klassisch subversive Taktik. Man nimmt „dem Feind“ das Wort weg. Aber eine Taktik mit Tücken – und Potenzial zur Selbstverletzung. „Female Chauvinist Pigs“ nennt die postfeministische Autorin Ariel Levy das Phänomen, dass sich Frauen in männerbündlerischer Weise über Geschlechtsgenossinnen als Sexobjekte unterhalten, während sie selbst versuchen, so auszusehen, als wären sie einer erotischen Männerfantasie entsprungen. Paradox, oder?
Dort Porno, da Schweigen. Aber nicht weniger paradox, als die sich ständig verbreiternde Kluft, die sich zwischen der sexuellen Geschwätzigkeit in Literatur und Medien einerseits und dem beharrlichen privaten Schweigen anderseits auftut. „Was das Reden über Sex mit dem Partner angeht, sind wir seit 1968 keinen Schritt weiter, sondern eher wieder zurückgefallen“, schätzt Klaus Heer, Schweizer Paartherapeut und Sachbuchautor. Nachsatz: „Dieses Schweigen herrscht bei allen Altersstufen.“
Aber wie kann das sein? Menschen, die nicht zusammenzucken, wenn auf der Theaterbühne das Wort „ficken“ fällt, die bei der TV-Serie „Sex and the City“ locker mitsprechen können und www.youporn.com höchstwahrscheinlich nicht nur vom Hörensagen kennen, sollen privat verstummen, sobald es um Sex geht. Wieso? „Weil wir im öffentlichen Reden Sex zu einem objektiven Faktum stilisieren“, sagt Jakob Pastötter, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung. „Wir geben uns gleichsam wissenschaftlich distanziert, wenn wir über ein Thema diskutieren, das uns im tiefsten Inneren ängstigt. Im privaten Gespräch gelingt aber diese Objektivierung nicht, weil es klar ist, dass es um uns geht.“
Rüder Kommandoton. Wenn es ernst, also persönlich wird, wenn man ohne Ironie und Zoten auskommen soll, wird es schwierig – für beide Geschlechter. Da hilft auch der Pornosprech nicht weiter. Denn der, so Heer, sei letztlich „eine rüde Kommandosprache, die nicht zum Dialog taugt und mit der eigenen Bettrealität wenig zu tun hat“. Wie überhaupt die Porno-Ästhetik nicht auf das Du, sondern stets nur auf das Ich abzielt. In einer pornografisierten Welt wird der Sexappeal zum Selbstzweck und der Mensch zwar attraktiver, aber einsamer.
Und bleibt verlegen. So sind Erwachsene, die in Heers Praxis auftauchen, notorisch verunsichert, sollen sie ihre eigenen Geschlechtsorgane benennen: „Ich finde zum Beispiel, Schwanz ist ein gutes Wort“, sagt Heer. „Aber das muss man vorher abklären. Vielen ist es zu vulgär.“ Die am häufigsten verwendeten Bezeichnungen sind laut Pastötter übrigens auch anno 2009 „das da“ und „dort“.
Die Lösung für das Kommunikationspatt ist aber keine ganz einfache. Einerseits, weil Lust und Scham nun mal zusammengehören. Andererseits, weil das dauernde öffentliche Reden über Sex das private zunehmend erschwert: „Unsere Sprache ist einer feindlichen Übernahme zum Opfer gefallen“, glaubt von Schirach. Weil nämlich Sex und Erotik in Werbung, Film und Diskussion ständig präsent seien, habe man das Gefühl, man spreche hundert Mal gehörte Versatzstücke nach. Die Konsequenz, so von Schirach: „,Ich liebe dich', sagen heute nur mehr große Versicherungen.“
„Ich finde dich geil.“ Was aber soll man denn sagen, wenn „Ich begehre dich“ oder „Ich finde dich geil“ nur nach schlechtem Film klingt? Hier setzt von Schirach Hoffnungen auf die schreibenden Frauen, auf dass sie nicht bei der Reproduktion des vorherrschenden „männlichen Blicks“ auf Sexualität stehenbleiben, sondern diesem vielmehr einen authentischen Ausdruck des weiblichen Begehrens entgegensetzen: „Es geht nicht darum, ein neues Wort für Vagina zu erfinden, sondern mit einer kunstvollen Sprache neue Räume zu eröffnen.“ Verwirklicht wird dieser Anspruch jedoch vom aktuellen literarischen Angebot kaum. Im Gegenteil: „Vieles ist von erschreckender Banalität.“
Erschreckend findet von Schirach auch, dass weibliches sexuelles Selbstbewusstsein nicht nur Männern (die Leser des FHM-Magazins wählten Charlotte Roche unlängst zur „Unsexiest Woman in the World 2009“) Angst zu machen scheint, sondern auch den Autorinnen selbst. Bleibt doch der Feminismus in vielen der neuen Bücher erschöpft auf der Strecke. Zum Schluss muss die Frau auf subtile Weise für ihre sexuelle Freiheit bezahlen und/oder sehnt sich – geläutert – nach der sicheren Partnerschaft. Und alles andere ist dann „ficken egal“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2009)
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