Jan Assmann: "Glaube muss immer Unglauben bekämpfen"

Der Ägyptologe Jan Assmann sieht den Monotheismus als Wurzel der religiösen Gewalt. Ein Gespräch über sein neues Buch „Exodus“, den Kosmotheismus der Ägypter und die Mysterien in Mozarts „Zauberflöte“.

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„Bei den Ägyptern ging es um Wissen, die Juden brachten das ganz Neue: den Glauben!“ – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die Presse: Das biblische Buch Exodus spielt in früheren Ihrer Bücher eine Rolle und steht im Zentrum Ihres neuen Werks, „Exodus“. Warum ist es so wichtig für Sie?

Jan Assmann: Der Auszug der Israeliten aus Ägypten hat keine nachweisbare historische Basis. Er beschreibt vielmehr symbolisch die Wende vom Polytheismus, den ich Kosmotheismus nenne, zum Monotheismus.

 

Der Monotheismus habe die religiöse Gewalt in die Welt gebracht, sagen Sie, mit der Unterscheidung von wahr und falsch.

Genau genommen geht es zunächst um Treue und Untreue. Etwas Neues erscheint: der Glaube. In den alten Religionen ging es um Wissen, das Göttliche war in der Schöpfung sichtbar. Die ägyptische Religion etwa ist eine Kosmologie, da gibt es keine Orthodoxie. Das Göttliche manifestiert sich in der Welt und wird in austauschbaren Bildern umschrieben. Der Himmel kann eine Kuh sein oder eine Frau oder eine Wasserfläche, die Sonne kann in einem Boot über den Himmel fahren oder mit Flügeln durch den Himmel fliegen. Bei den Juden wird Gott etwas Unsichtbares, das sich offenbart und geglaubt werden muss. Und Glaube muss sich immer gegen den Unglauben wehren.

 

Warum nennen Sie die ägyptische Religion kosmotheistisch statt polytheistisch?

Für die alten Ägypter hat alles, auch die Götterwelt, einen historischen Ursprung, nämlich den Sonnengott als Urgott. Echnaton hat diese Idee nur radikalisiert. Die Welt ist das Zusammenwirken göttlicher Mächte, der Mensch hat die Aufgabe, sich in den Staat zu integrieren, der sich seinerseits in den Kosmos integrieren muss. Alle Riten dienen diesem Zweck. In der kosmotheistischen Religion hat man das Göttliche vor Augen, man kann sich auch nicht dagegen auflehnen. Gegen den biblischen Gottesbund schon, und da wurzelt die religiöse Gewalt.

 

Der biblische Gott ist eifersüchtig, mit ihm kommen die „Eiferer“. Was meinte hebräisch „qin'ah“, Eifersucht, genau?

Es kommt von „qana“, erwerben, anstreben, besitzen wollen – der Name Kain kommt von Evas Ausspruch „Ich habe mir einen Sohn erworben“. Gottes Eifersucht wurzelt in der Bundesidee: Gott ist deshalb eifersüchtig, weil er ein Liebender ist, der sich leidenschaftlich für sein Volk engagiert.


Und wogegen wenden sich die „Eiferer“?

Sie müssen den Willen Gottes umsetzen, auch mit Gewalt. Die Bücher Exodus und Deuteronomium sind voller Gräuelpropaganda gegen die Kanaanäer im eigenen Land, die sollen mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Als die Texte kanonisiert wurden, gab es diese Kanaanäer gar nicht mehr. Sie stehen für die Ungläubigen im eigenen Volk, die noch nicht konvertierten Hebräer.

 

Der Gott der Bibel verlangt, keine anderen Götter neben sich zu haben. Das klingt so, als gebe es diese anderen Götter.

In der Tat, der Befreiergott sagt: Es gibt viele Götter, aber ihr dürft nur mich verehren. Es geht um Treue und Verrat, um Freund und Feind. Auch Christen, etwa radikale Protestanten, haben sich später immer wieder auf den Anti-Kanaanismus im Alten Testament berufen. Die Ureinwohner in Amerika oder Afrika wurden als Kanaanäer gesehen, die man vertreiben muss. Den Juden dagegen waren die anderen Völker, die Heiden gleichgültig, sie haben die Texte auch nicht wörtlich gelesen, wenn man von ultrarechten Siedlern in Israel absieht; aber das ist ein modernes Phänomen.

Der Schöpfergott kommt erst später, in der Genesis. Wie wird der exklusive Gott in Exodus zum einzigen, zum Gott für alle?

Möglicherweise unter dem Einfluss des Zoroastrismus, vielleicht auch der vorsokratischen Philosophie. Vom Zoroastrismus kam die Idee eines die Welt erschaffenden und sich gegen das Böse durchsetzenden Gottes. Der Zoroastrismus ist ebenfalls ein Monotheismus und unterscheidet stark zwischen wahr und falsch. Durch ihn bekam der jüdische Monotheismus wohl die universalistische, philosophische Dimension.


Der exklusive Gott für ein Volk und der Gott aller, wie passte das zusammen?

Offenbar entstanden hier zwei Parteien, die eine dachte exklusivistisch, die andere weltoffener. Das ist der Gegensatz zwischen Pharisäern und Sadduzäern, der sich bis heute fortsetzt. In der Bibel gibt es ja neben den mosaischen auch die später entstandenen noachidischen Gebote. Nach der Sintflut stiftet Gott einen Friedensbund mit der ganzen Welt, er erlässt sieben Grundregeln, wie dass man kein rohes Fleisch essen und dass man Richter einsetzen soll. Es sind gewissermaßen die Grundregeln eines zivilisierten Volkes – sagen wir ruhig Menschenrechte. Ein Aufklärer wie Moses Mendelssohn konnte sich auf dieses Nebeneinander berufen. Er hat ganz entschieden die Haltung vertreten, dass man Jude ist und zugleich Mensch.

 

Die Aufklärer definierten eine universale „natürliche“ Religion jenseits der konkreten Religionen. Warum sahen sie die ägyptische Religion als Vorbild?

Sie sahen im alten Ägypten das Paradigma einer Religion, die auf zwei Ebenen funktioniert, der oberirdischen Volksreligion und den unterirdischen Mysterien. Die riesigen mit Hieroglyphen bedeckten unterirdischen Anlagen waren demnach keine Gräber, sondern Forschungsstätten und Heiligtümer. Die Volksreligion der Ägypter beruhe wie die späteren Religionen auf Fiktionen, die die Menschen dazu bringen sollen, die Gesetze einzuhalten. Die radikalen Aufklärer sahen die Volksreligion als Betrug, die milderen als legitime Mittel zu einem guten Zweck.

 

Die „Zauberflöte“ ist von der Mysterien-These inspiriert. Wie Mozart diese kennen lernte, haben Sie ja selbst entdeckt...

Ja, Mozart stand in Verbindung mit der Loge zur wahren Eintracht, dem Wiener Zentrum der Aufklärung. Ich fand heraus, dass er dort zwei entscheidende Vorträge über die These der ägyptischen Mysterien hörte. Diese Mysterien, hieß es da, hatten den Charakter einer Aufklärung, einer Wissenschaft, und wurden unter der Erde betrieben, um die Fiktion der Volksreligion nicht zu stören. Als Schikaneder mit seiner Zauberoper daherkam, brachte Mozart diese Vorstellung hinein.

 

War etwas dran an der Theorie einer ägyptischen Geheimreligion?

Das war reine Fantasie, aber sehr wirkmächtig. Wie der Exodus, auch er war erfundene Tradition – nur noch viel wirkmächtiger.

 

ZUR PERSON

Jan Assmann, geboren 1938 in Langelsheim, wurde weithin bekannt durch seine Theorie des kulturellen Gedächtnisses, die er mit seiner Frau, der Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann, entwickelte. In mehreren Büchern hat er auch seine These von der Entstehung des Monotheismus beschrieben: Er deutet die Geschichte vom Auszug der Israeliten aus Ägypten als symbolische Darstellung dieser Wende. Diese bringe langfristig die „mosaische Unterscheidung“ von wahr und falsch und damit religiöse Gewalt in die Welt. „Exodus“ ist soeben im Beck Verlag erschienen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2015)

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