Frederic Morton ist tot: Denn die Jugend ist unsere Heimat

Am vorigen Samstag noch hat er im Wiener Haus der Barmherzigkeit zu dessen 140-Jahr-Jubiläum eine Rede gehalten. Es wurde seine letzte. Wir bringen sie – gekürzt – in seinem Gedenken.

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Frederic Morton (1924 bis 2015). – (c) Teresa Zötl

Das erste Exil, in dem ich war, betrifft den Auszug aus meiner geografischen Heimat. Ich bin in Hernals, in der Thelemanngasse, aufgewachsen, knapp an der Ottakringer Grenze. Über diese kleine Gasse habe ich einen Roman namens „The Forever Street“ geschrieben – zu Deutsch „Ewigkeitsgasse“. Was nicht leicht war. Denn wenn ich da auf meiner Schreibmaschine, „Shut up, you idiot!“ tippte, hatte das lang nicht die Wucht und die Würze von „Halt die Goschen, Depperter!“

Und doch brachte ich es irgendwie zustande, den wahrscheinlich einzigen Roman zu schreiben, der sich ausschließlich in der Wiener Vorstadt abspielt, aber nur aus englischen Sätzen besteht. Das Wort „aber“ ist hier jedoch doppelbödig. Es drückt das Heimweh eines Menschen aus, der aus dem Vaterland, aus der Muttersprache und aus der heimatlichen Mundart entwurzelt ist – und verbirgt in diesem Schmerz einen sonderbaren Nutzen, den ich als angehender amerikanischer Schriftsteller aus dieser Entwurzelung ziehen konnte. Warum gelang es mir, in die Fremde verbannt, gerade in der Ausübung der fremden Sprache mein Geld zu verdienen? Was hier mitspielte, war nicht nur Begabung, sondern auch ein Paradoxon meines Berufes.
Sartre sagt in seiner Autobiografie Folgendes: „Der Schriftsteller spricht in seiner Muttersprache, schreibt jedoch in einer Fremdsprache.“ Das heißt: In dem Moment, in dem sich der Schreiberling zum Arbeitstisch setzt, wird die Sprache, die er benutzen muss, eine ganz andere als seine alltägliche, wird eine schwierige Herausforderung.

Ein Beispiel: Im sogenannten wirklichen Leben wird der Schriftsteller hungrig, geht ins Lebensmittelgeschäft, sagt: „Guten Tag. Bitte eine Wurstsemmel mit zehn Deka Krakauer.“ Er spricht seinen Wunsch ganz natürlich aus, wie ihm halt der Schnabel gewachsen ist. Anders ist es mit einer Romanfigur des Schriftstellers. Wenn dieser Figur der Magen knurrt und er dem Verkaufspersonal des Geschäftes sein Krakauerverlangen mitteilt, dann müssen Wortlaut und Tonart dieses Wunsches den Charakter und die Gemütsverfassung der Figur ausdrücken, aber zur gleichen Zeit auch dem Fortschritt der Handlung dienen und auch das Ambiente, das Milieu und den Rhythmus der Erzählung wiedergeben. Der Wurstsemmerlwunsch muss in einer durchkomponierten Kunstsprache gesprochen werden, die aber nicht gekünstelt wirken darf.

Nun wurde ich als 15-Jähriger von der Thelemanngasse hinaus- und in den Broadway hineingeworfen, war in Amerika aber noch immer wurstsemmelsüchtig. Ich ging daher zum Supermarket und sagte: „Good day. A sausage roll, please with ten Deka Krakauer.“ Und erfuhr sehr bald, dass man in New York keine Zeit hatte, „good day“ zu sagen, und dass in Amerika weder „Krakauer“ noch „Deka“ bekannt sind.

Nun, soweit die Problematik meines ersten Exils. Das zweite kam später. Es war die Verbannung aus der Jugend in das Alter. Denn die Jugend ist ja unsere biologische und psychologische Heimat. Dort kennen wir uns aus. Und wenn auch unsere nostalgische Erinnerung die Sonne scheinen lässt, wo es damals dunkel war, sind wir doch mit dem Trug und den Tücken der Jugend vertraut und wissen, wie wir mit Gut und Schlecht in diesem Heimatland leben können – beherrschen es jedenfalls besser als das Navigieren durch das Fremdland des Alters, in das wir ausgestoßen wurden.

Anfangs versuchen wir, den Ausschluss überhaupt zu ignorieren. In meinem Fall schien das gar nicht so schwer zu sein, weil meine zweite Verbannung lang nicht so jäh und drastisch war die erste. Die zweite Emigration ging schleichend vor sich, sozusagen auf Zehenspitzen. Ich konnte tun, als wäre ich zu beschäftigt, um sie wahrzunehmen. Und musste dann auf einmal erfahren, dass ich unwiderruflich, unwidersprechbar, unbestreitbar und ganz offensichtlich nicht mehr neunzehn, sondern 90 Jahre alt war.

Plötzlich, hart und tief bin ich ins Altland gefallen. Hier ist es schwerer, sich zurechtzufinden, als im Amerika meines ersten Exils. Schon rein physisch ist das Altland ganz anders als das Jungland gestaltet. Die Distanz zwischen zwei Orten ist größer. Wenn ich von meiner Upper-Westside-Wohnung zum Supermarket gehe, um mir das New Yorker Äquivalent einer Wurstsemmel zu kaufen, dann ist dieser Weg im Altland viel länger und mühsamer, als er es im Jungland war. Die Straßen sind permanent glitschig hier, man rutscht leicht aus und muss daher vorsichtshalber einen Stock benutzen. Die Stiegen sind viel steiler als im Jungland. Aber sogar beim gemächlichen Flanieren kann einem der Atem ausgehen, denn die Luft in diesem Land ist sehr dünn – dünner als auf dem Großglockner Gipfel.

Die Leute, die ich in diesem Fremdland antreffe, sind meistens unerhört jung, direkt ärgerlich jung. Miteinander gehen sie selten so nett um, wie es die Jungen in meinem Jungland zu tun pflegten. Hier sind sie ungeduldiger, streberischer und egoistischer und scheinen im Umgang mit ihren elektronischen Geräten glücklicher zu sein als in der Interaktion mit Mitmenschen.

Und damit bin ich bei einer gewissen Parallele angelangt zwischen meinem ersten und meinem zweiten Exil. Beide haben inmitten aller Schattenseiten auch einen Lichtpunkt. Diese ungestüm jungen Bewohner des zweiten Exils sind nämlich oft geduldig und rücksichtsvoll angesichts der Unbeholfenheit von uns Bewohnern des Altlands. Sie sorgen sogar dafür, dass wir noch mit 90 zu Genüssen wie einem Wurstemmerl mit zehn Deka Krakauer Zugang haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2015)

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