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Autor Richard Barbrook: Die Klasse der Masse

18.04.2009 | 18:14 | von Ulrike Weiser (Die Presse)

Immer diese neuen Phrasen, immer diese neuen Helden: In „The Class of the New“ fühlt Autor Richard Barbrook der Idee der kreativen Elite auf den Zahn. Und erklärt, warum in Wahrheit jeder dazugehört und die Finanzkrise am Ikonenstatus der Creative Industries kratzt.

In Ihrem Buch „The Class of the New“ propagieren Sie die Idee der Massenkreativität. Demnach entsteht ein Gutteil der Kreativität nicht in speziellen kreativen Berufen, sondern überall und ständig.

Barbrook: Was ich versucht habe, war eine Antwort auf Richard Florida (Anm.: US-Ökonom und Autor etwa von „The Rise of the Creative Class“). Florida definiert die kreative Klasse als eine kleine Gruppe von bestimmten Leuten in bestimmten Jobs, die heute machen, was morgen alle machen werden. Was ich zeigen will, ist, dass dieser Ansatz nicht neu ist. Vielmehr kehrt die elitäre Fantasie von solchen Pionieren in der Geschichte immer wieder und zwar sowohl bei den Rechten wie bei den Linken. Das waren mal die Fabriksarbeiter, mal politische Aktivisten, mal Faschisten. Das hat zunächst auch nicht per se mit Kreativität zu tun. Allerdings wird seit Daniel Bells (Anm.: US-Soziologe), seit den Siebzigern also, von der „Wissensgesellschaft“ geredet. Insofern ist es nicht erstaunlich, dass die Kreativen nun „the Class of the New“ stellen.

Was stört Sie an der Idee von der Elite?

Die Implikation ist, dass alle anderen nicht kreativ sind. Und das bezweifle ich. Schauen Sie sich London an: Das, wofür die Stadt am bekanntesten ist, wurde von der Club- und Jugendkultur erschaffen. Hippie, Punk oder Mod zu sein sind aber die Dinge, die Menschen in ihrer Freizeit machen, Menschen, die oft andere Jobs haben. Außerdem hat die Diskussion um Kreativität einen politischen Aspekt. Mein Ziel ist, dass jeder an Kreativität partizipiert, dass wir die Klassen hinter uns lassen.

Sie haben sicher Freunde in den Creative Industries. Wie reagieren die auf Ihre Kritik?

Viele stehen dem Hype selbst skeptisch gegenüber. Ich sage ja nicht, dass die Creative Industries nicht wichtig sind, ich kritisiere, dass sie zu einem politisch-ideologischen Programm wurden.

Die Technik arbeitet für die kreativen Amateure: 3-D-Drucker und andere Hilfsmittel werden immer billiger. Beschleunigt das die Massenkreativität, macht es sie professioneller?

Die Technologie macht vieles leichter, aber die Industrie reagiert hier auf ein Bedürfnis der Bevölkerung. Ich glaube nicht an die Idee von McLuhan (Anm.: US-Medientheoretiker), dass die Technologie das Subjekt der Geschichte ist und wir auf ihre Änderungen wie pawlowsche Hunde reagieren. Es tobt ja ein Kampf um die Technik: Kameras werden einerseits zur Überwachung eingesetzt, andererseits halten private Kameras fest, wenn die Polizei jemanden, wie beim G20-Gipfel, prügelt.

Ein Medium, dessen Inhalt großteils von Amateuren stammt, ist das Internet.

Hier zeigt sich, dass professionelle Creative Industries und kreative Masse kein Widerspruch sind. Es braucht Spezialisten, die Programme schreiben etc., aber auch User, die Inhalte beisteuern.

Das Internet ist auch ein Paradoxon der Wissensgesellschaft. Niemand, auch nicht jene, die versuchen, von immateriellen Güter wie Musik zu leben, ist bereit, für ebendiese Güter zu bezahlen.

Ich würde es statt Paradoxon Dialektik nennen. Ich habe selbst Musikerfreunde, die nicht für Musik zahlen, aber erwarten, dass andere ihre eigene kaufen. In den Siebzigern nahm man an, dass Information zur wichtigsten Ware wird. In Wahrheit hat vieles, etwa Musik, seinen Warencharakter verloren. Und in Wahrheit sind die Probleme – denken Sie an Raubkopien von Büchern – nicht neu. Information ist stets beides: Geschenk und Ware. Das verstehen die Leute nicht, aber es ist der Widerspruch, in dem wir leben.

Der wie zu lösen ist?

Gar nicht. Oder, wenn Sie eine philosophische Antwort wollen: nur in einer postkapitalistischen Gesellschaft.

Sie selbst bieten Ihr Buch sowohl gratis zum Download als auch gedruckt zum Verkauf an. Kauft das wirklich jemand?

Ja, und es würden mehr kaufen, würde ich es aggressiver bewerben. Die Leute kaufen es, weil sie nett sind und sich ein Ausdruck nicht gut liest. Ins Internet gestellt habe ich es, weil Studenten das Buch für Kurse brauchen und es viele Zitate anderer enthält, die man ins eigene digitale Dokument kopieren können soll.

Apropos verdienen. In London profitierte die Kreativwirtschaft stark vom Finanzsektor. Was bedeutet da die Krise?

London ist ein globales Finanzzentrum und da gab es einen „Trickle-down-Effekt“: Finanzfirmen förderten Kunst, und all die jungen Männer mit zu viel Geld – was sollten die machen? Außer es auszugeben? In der Krise stellt sich nun die Frage: Sind die Creative Industries eine echte Industrie?

Und?

Die Wirtschaft muss insgesamt ihre Balance finden. Großbritannien hat in der Vergangenheit seine verarbeitende Industrie ruiniert. Tony Blair sagte, als er Premier war, in einer Rede: „Wir treten in die Wissensgesellschaft ein“ und deutete so an, dass die „Old-School-Wirtschaft“ im Gegensatz zur Finanzwirtschaft oder den Creative Industries nicht zählt. Wir sehen nun, dass das nicht so ist. Mit dem Wiederfinden der Balance könnte die Kreativwirtschaft etwas von ihrem Heldenimage einbüßen.

Heißt das, sie wurde überschätzt?

Man soll nicht von einem Extrem ins andere fallen. Wahr ist, dass die Creative Industries ein wichtiger Arbeitgeber geworden sind.

Laut einer Studie arbeiten zehn Prozent der Londoner in Kreativberufen.

Aufpassen! Weil Daten fehlen, wurden auch Sicherheitsleute in Museen erfasst, andere „echte“ Kreative wieder nicht.

Was wäre dann die korrekte Zahl?

10 Prozent sind wohl trotzdem keine schlechte Schätzung.

 


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