Blanker Hass statt enger Freundschaft

Ein Sammelband untersucht die Folgen des Krieges in der Ostukraine für Europa.

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(C) Suhrkamp

Das vom Staatenkollaps in der islamischen Welt ausgelöste Flüchtlingschaos hat den Krieg in der Ostukraine aus den Schlagzeilen verdrängt. Im Moment schweigen dort auch die Waffen, deshalb wächst die Hoffnung auf ein Befriedung. Ist diese Hoffnung auch berechtigt?

Andreas Kappeler, früherer Ordinarius für Osteuropäische Geschichte der Uni Wien, lässt die Frage jedenfalls offen, ob die Ukraine den „seit 1991 eingeschlagenen Weg einer friedlichen Revolution weitergehen wird oder ob sich im Osten des Landes unter dem Druck des von Russland aufgezwungenen Krieges ein Szenario nach dem Muster der postjugoslawischen Kriege fortsetzt“. Auch Andrew Wilson, ein weiterer international anerkannter Ukraine-Spezialist gehört zu den insgesamt 14 Autoren, die Aufsätze zu diesem empfehlenswerten Sammelband beigesteuert haben.

Die stärksten, aufwühlendsten Beiträge stammen aus Russland. Sowohl der Kriegsberichterstatter Arkadi Babtschenko als auch die Kulturkritikern Irina Prochorova beklagen entsetzt, wie zwei einst so eng befreundete Völker wie Russen und Ukrainer einander inzwischen nur noch mit blankem Hass begegnen. Dabei ist für Babtschenko klar: „Russland hat immer nach Einfluss in der Ukraine gestrebt. Immer hat es sie als Satelliten betrachtet, nicht als gleichberechtigten Partner. Moskau wollte in der Ukraine immer eine Marionettenregierung unter eigener Kontrolle haben.“

Irina Prochorova wiederum diagnostiziert die historischen Besonderheiten Russlands, sein „imperiales Syndrom“, die kollektive Angst vor dem Zerfall des Staates, die Erhöhung der russischen Erde gegenüber den auf ihr lebenden Menschen. Und mit der Aggression gegen die Ukraine seien alle Bemühungen der russischen Zivilgesellschaft, das Land in Richtung Weltgemeinschaft zu drängen, gescheitert. Genau das aber wollte Wladimir Putin: Ihm gehe es darum, dem rationalistischen, seelenlosen Westen „die besondere, die rätselhafte russische Seele“ gegenüberzustellen. (b. b.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2015)

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