600 Kantianer reden über Natur und Freiheit

Beim zwölften Internationalen Kant-Kongress an der Wiener Universität sieht man auch eine Ausstellung.

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„Nie las ein Blick, von Thränen übermannt, ein Wort wie dieses von Immanuel Kant.“ Diese Zeilen von Karl Kraus zeigen den großen Sprachkritiker nicht nur als mäßigen Poeten, sondern auch als Freund der Philosophie Kants. Als Kantianer hätte er sich freilich nie bezeichnet, als solchen stellte er in seiner Schrift „Ein Kantianer und Kant“ (1918) den deutschen Kaiser Wilhelm II. bloß, indem er Passagen aus dessen Kriegsreden unkommentiert Stellen aus Kants „Zum ewigen Frieden“ gegenüberstellte.

Rund 600 Kantianer, über die sich Karl Kraus wohl nicht empören würde, sind bis 25. 9. an der Wiener Universität, beim zwölften Internationalen Kant-Kongress. Rahmenthema ist „Natur und Freiheit“, es gibt freilich auch Vorträge über Erkenntnistheorie (z. B. Mario Caimi über den Begriff der objektiven Realität) und über Wirkungsgeschichte, so spricht der Wiener-Kreis-Experte Friedrich Stadler über Neo-Kantianismus im logischen Empirismus.

Am Rand des Symposions, dessen Teilnehmer in den Pausen Apfelkuchen essen, der Wiener und Königsberger Gemüter gleichermaßen erfreut, ist eine Ausstellung zu sehen. Sie beginnt mit dem Wiener Ex-Jesuiten und Freimaurer Karl Leonhard Reinhold und seinen „Briefen über die Kantische Philosophie“ (1787): Er schickte Kant diesen „beykommenden jungen Blüthenzweig von dem Baum, den Sie gepflanzt haben“, heute gilt er als erster Kantianer. In Wien konnte er als solcher nicht wirken, er ging nach Weimar und Jena. Noch 30 Jahre später wurde Bernard Bolzano wegen Kantianismus von der Wiener Lehrkanzel abberufen.

 

Musil, Bernhard, Bachmann

Die „Kritik der reinen Vernunft“ ließ auch Robert Musil seinen Zögling Törleß lesen, allerdings resignieren: „Vor lauter Klammern und Fußnoten verstand er kein Wort.“ Musils Urteil über Kant („Das Weltbild schloss sich ihm nicht zusammen“) ist auf den Tafeln über Kant und die Dichter zu lesen, dort findet man naturgemäß auch Thomas Bernhard (in dessen „Immanuel Kant“ der Philosoph mit Papagei nach New York reist) und Ingeborg Bachmann, die Philosophie studiert und über Heidegger dissertiert hat: Die Hauptfigur in ihrem Roman „Malina“ liest Kant bei 60 Watt (Kafka nur bei 25, Freud bei 360).
Nicht zum Lesen, nur zum ehrfürchtigen Bestaunen sind die drei alten Bände der Kritiken aus der Stiftsbibliothek Melk, auf ihren Deckeln steht noch „Critik“, so hieß das ganz ungriechisch im Original.

Kant-Ausstellung „Umwege“: bis 31. Dezember im Foyer der Universitätsbibliothek.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.09.2015)

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