Empfehlungen: Neue Kinderbücher für den Sommer

Es riecht nach Krieg

Als die Mutter des kleinen Fuchses Pax nicht mehr zum Bau zurückkommt, scheint sein Schicksal besiegelt: "Einer nach dem anderen waren seine Brüder und Schwestern gestorben, und nur sein eigener Herzschlag war in dem kalten Bau übrig geblieben, bis Peter den Welpen herausgeholt hatte." Der Fuchs und der Junge, dessen Mutter kurz zuvor ebenfalls gestorben war, gehören seitdem zusammen.

Doch dann kommt der Krieg, bedrohlich stets am Rande des Geschehens, und Peter soll zu seinem Großvater ziehen. Was auch bedeutet, den Fuchs - dem Peter den namen Pax (Frieden) gegeben hat - in die Wildnis zu entlassen. Dass er sich darauf eingelassen hat, bereut Peter schnell; er reißt aus, um ihn zu finden. Und hier beginnt die Geschichte eigentlich erst. Mit weichen Worten und vertrauten Gerüchen beschreibt Sara Pennypacker die Freundschaft und die Suche der beiden.

"Mein Freund Pax" ist ein einfühlsames und poetisches Buch, das man auch als Erwachsener nur schwer weglegen kann. Es berichtet von innerlich verletzten Menschen, die trotzdem Großes für einander tun. Der Krieg schwenkt immer wieder bedrohlich ins Bild, er bringt den Geruch nach verbranntem Metall und Gefahr. Zentral bleibt aber nicht die Angst, sondern die Freundschaft.

Erschienen bei Sauerländer. Alter: Ab zehn Jahren. 304 Seiten.

Kurzrezensionen von Rosa Schmidt-Vierthaler

(c) Fischer Sauerländer

Käferische Sprachformen

Dass „Wazn Teez?“ übersetzt wurde, klingt zunächst nach einem Scherz. Denn das Bilderbuch ist - siehe Titel - in einer Fantasiesprache geschrieben. Doch beim Hineinlesen entdeckt man natürlich Ähnlichkeiten mit verschiedenen Varianten des Deutschen.

Auf die Titelfrage „Wazn teez?“ folgt ein „Mi nanüt“, und die kleinen Mitleser rufen aus: „Ich weiß es nicht!“ - sie sind begeistert, dass sie die Fantasiesprache verstehen. Wenn es mit Sätzen wie „Keksn allwiezi Izzi“ auch nicht ganz so einfach ist: Man kann und soll rätseln, welche Wörter die reizenden Käfer und Insekten von Carson Ellis von sich geben. Schließlich stehen die wunderbaren Illustrationen ohnehin im Vordergrund.

Erschienen im NordSüd Verlag. Alter: Ab fünf Jahren. 48 Seiten.

 

 

(c) NordSüd Verlag

Ein neues rothaariges Mädchen

Die Kinderliteratur ist voll von wunderbaren rothaarigen Mädchen. Sie sind ungezügelt und ungebügelt; stark, fast unbesiegbar. Mit den Eltern ist immer irgendwas, dafür haben sie meist besonders gute Freunde. "Penelop" ist der Neuzugang in dieser Gruppe. Das Mädchen hat besondere Kräfte - und die sind auch tatsächlich an ihre roten Haare gebunden.

Über Jahre hinweg färbte ihre Mutter die Mähne heimlich grau, damit blieb Penelop (ansatzweise) normal und unauffällig. Als plötzlich die Feuerfarbe und damit die Fähigkeiten des Mädchens zum Vorschein kommen, ändert sich alles. Die Straße spricht, allerlei Magisches passiert, und sogar ein Vater taucht schließlich auf. "Penelop" ist eine aufregende, abenteuerliche Geschichte, die den Leser unweigerlich in ihren Bann zieht. Und ja: Kinder lieben magische Bücher.

Erschienen bei Fischer KJB. Alter: Ab 10 Jahren. 256 Seiten.

 

 

(c) KJB

Alligatoren, Treibsand und mehrere Leichen

Als vier Freunde beim Angeln in den sumpfigen Gewässern Louisianas zufällig eine Dose mit drei Dollar finden, beginnt für sie ein großes - und durchaus gefährliches - Abenteuer. Wenige Wochen später werden sie von einem Mann gejagt, der durchaus auf sie schießen würde, bei eben dieser Verfolgung aber zu Tode kommt. Und die Freunde treffen eine folgenschwere Entscheidung: Sie wollen die Reise nach Chicago antreten, um möglicherweise sehr reich zurückzukehren.

"Die Mississippi-Bande" ist ein Roman, der etwas Anlaufzeit braucht. Das ungewohnte Setting, nämlich die Südstaaten vor etwa hundert Jahren, kennen die älteren Generationen aus Mark Twains "Huckleberry Finn". Kindern wird es wohl eine völlig neue alte Welt sein. Sie lesen dabei ungeschönt von einer Welt, in der es nach Fehlverhalten Prügel mit dem Gürtel setzt und Armut allgegenwärtig ist.

Davide Morosinotto schrieb ein wunderbares Jugendbuch, das einen ganz eigenen Ton hat. Aus den Sätzen sprechen nicht die zeitgeistigen, politisch korrekten Ansichten eines Pädagogen, sondern die Lust eines Erzählers an seiner Geschichte. Echte Literatur für junge Leser. Die Altersangabe des Verlags sollte man etwas nach oben setzen.

Erschienen bei Thienemann. Alter: Ab 10 Jahren (aber lieber ein wenig später). 368 Seiten.

 

(c) Thienemann

Ein heiterer Briefroman

Giraffe langweilt sich, so ganz allein in der Savanne. Und weil der - ebenso wenig beschäftigte - Pelikan gerade seinen eigenen Postdienst eröffnet hat, entschließt sie sich, einen Brief zu schreiben. Dieser findet seinen Weg zu Pinguin, der schon die Selbstbeschreibung der Giraffe sehr spannend findet. Und sich existenzielle Fragen stellt: "Könnte es sein, dass ich keinen Hals habe? Oder nur aus Hals bestehe?". Zwischen den beiden Tieren entsteht eine Brieffreundschaft, die in eine wunderbare Verkleidungsaktion mündet.

Es gibt sie nicht oft: Kinderbücher, die für Eltern und Nachwuchs gleichermaßen lustig sind. Dieses Kunststück ist Megumi Iwasa bei "Viele Grüße, Deine Giraffe" gelungen. Erwähnen sollte man auch die herrlichen Illustrationen von Jörg Mühle. Zwar handelt es sich um ein kleines Büchlein für Erstleser, doch in diesem Fall sollte man sich die Freude des Vorlesens nicht nehmen lassen.

Erschienen im Moritz-Verlag. Alter: Ab 5 Jahren. 112 Seiten.

 

 

(c) Moritz

Narretei

Wie sehr darf man noch Kind sein, wenn man zwölf Jahre alt ist? Diese Frage stellt sich Sophie, ein Mädchen, das phantastische Gestalten zeichnet, Traumwelten entwirft und sich in der Bücherei dafür schämt, dass es noch zu den Kinderbüchern greift. Eines Tages nähert sich die Realität abrupt ihrer Traumwelt an: In ihrem Kasten sitzt ein Narr - ein Wesen mit petrolfarbenen Haaren, großen Augen und übermäßig langen Gliedmaßen.

Bald darauf fliegt Sophie ins Narrenreich, wo man Regenbogen zähmen muss ("das sind wilde und trickreiche Biester"), wo es kitzelige Pflanzen und freiheitsliebenden Tau gibt. Und Sohie ganz offensichtlich ein besonderes Wesen ist. Doch wo wäre das Abenteuer, wenn die bösen Wesen fehlen würden? Es sind die Schwarznarren, die versuchen, sich alle Wesen untertan zu machen. Und Sophie taucht in ein irrwitziges Abenteuer ein. Denn: "Vernunft ist fehl am Platz, wenn sich Grauen und Verderben und Kälte ausbreiten."

"Sophie im Narrenreich" ist ein Abenteuer auf über 500 Seiten, das Phantasie und Narretei feiert.

Alter: Ab 11 Jahre. 536 Seiten.
Erschienen bei Beltz.

(c) Beltz

Ein Loch für den Bauch

Natürlich erfährt man etwas über scharfe Krallen und spitze Zähne, das erwartet man ja auch bei dem Titel. Doch „Das große Buch der wilden Tiere“ hat noch mehr zu berichten als dass Braunbär mit seinen Zähnen sogar Knochen knacken kann. Etwa, dass der Fuchs hören kann, wie sich Regenwürmer durch die Erde winden. Oder dass der Panzer des Gürteltiers dieses vor Wölfen und Pumas beschützen soll. Weil es aber am Bauch keinen Panzer hat, gräbt sich das Gürteltier ein Loch für seinen Bauch, wenn Gefahr naht.

Das großformatige Sachbuch zeigt prominente und weniger beachtete Tiere auf jeweils einer Doppelseite – und gibt ihnen genug Platz für alles, was sie so machen: Schlafen, jagen, streiten, graben, spielen, sich verstecken. Jede Tierart hat ihre Persönlichkeit: Eine liebevoll gestaltete, einzigartige Sammlung.

Erschienen bei Sauerländer. Alter: Ab vier Jahren. 64 Seiten.

(c) Fischer Sauerländer

Liam ist elf Jahre alt, seine Probleme würden aber auch für breitere Schultern noch zu schwer wiegen: Seine Großmutter ist schwer dement, und Liam sieht einen Dämon in ihr wüten. Mit seiner Mutter und Schwester musste er wegen der Krankheit der alten Frau in die Kleinstadt Swanbury umziehen, was für alle belastend ist. Im Haus seiner Großmutter findet er ein altes Tagebuch, das seine Ängste noch verstärkt. Gibt es tatsächlich einen Dämon? Wo ist er, wenn er gerade nicht in jemandem sitzt? Und was hat es mit der Steinfigur in der alten Kirche auf sich?

„Wundervogel“ ist ein Buch, das nichts beschönigt. Nicht die Krankheit der Großmutter, nicht die Überlastung der Mutter, nicht die beklemmende Angst eines Kindes, das keine Wahl hat. Doch Liam bleibt, was allen Kindern bleibt: Phantasie.

Alter: Ab zehn Jahren. 336 Seiten. Erschienen bei Fischer.

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(c) Fischer

Der Weg zum Mond

Als der junge Illustrator Torben Kuhlmann eine Hamburger Maus fliegend den Atlantik überqueren ließ ("Lindbergh"), war das eine kinderliterarische Sensation. Er wurde verdientermaßen mit Preisen überhäuft, das Buch in zwanzig Sprachen übersetzt. In dunklen Braun- und Grautönen sind die Bilder weit weg von der Lieblichkeit anderer Kinderbücher.

Der Nachfolger "Armstrong" folgt dem erprobten Konzept: Detailreiche, realistische Bilder ziehen den Leser in die USA der 60er Jahre. Diesmal geht es um die Geschichte der Raumfahrt. Die Maus ist mit ihrer Leidenschaft für den Mond und mit ihrem Forschergeist zunächst allein. Die anderen Nager wollen nichts von den Theorien hören, da sie annehmen, der Mond sei ein großer Käse ("manchmal gelb wie Gauda, dann weiß wie Camembert"). Doch sie gibt nicht auf, erforscht und erprobt Weltraumkatapult, Raketentriebwerk und Raumkapsel. Ein wunderschönes Buch, das Kinder zum Staunen bringt. 

Alter: Ab fünf Jahren. Erschienen im NordSüd Verlag. 128 Seiten.

 

 

(c) NordSüd Verlag

"Ich bin beige und stolz darauf!"

Es gibt Dinge, über die haben sich wohl noch nicht mal die einfühlsamsten Kinder Gedanken gemacht. Etwa darüber, wie sich die einzelnen Farben fühlen, wenn sie "viel härter arbeiten müssen als die anderen" (Rot), ständig Hellbraun genannt werden und "immer nur die zweite Wahl" sind (Beige), sich "irgendwie leer" fühlen (Weiß) und deshalb dringend mal reden wollen.

Jeder hat seine Bedürfnisse ("du musst Orange unbedingt sagen, dass ich - gelb - die Farbe der Sonne bin") und die sind nicht recht in Einklang miteinander zu bringen ("kannst du der Petze bitte ausrichten, dass sie nicht die Farbe der Sonne ist?"). Nur Grün ist glücklich.

"Der Streik der Farben" ist ein überraschendes, witziges und natürlich genial illustriertes Buch - die Bilder stammen ja schließlich vom irischen Künstler Oliver Jeffers.

Alter: Ab vier Jahren. Erschienen im NordSüd Verlag. 40 Seiten.

(c) NordSüd Verlag

Ziegelstein! Socke! Kaugummi!

Der Wolf ist nicht wirklich ein großer, böser. Zwar ist er auf der Suche nach einem Kind, das er fressen kann. Doch hapert es ordentlich bei der Durchführung dieses Vorhabens. „Junges Fräulein, darf ich's wagen?“ fragt der Wolf das anstapfende Kind, was dieses nicht einmal ignoriert. Exakt in dieser Tonart geht es auch weiter. Der Wolf vergisst angesichts der Geschenke des Rotkäppchens für seine Großmutter (Ziegelstein! Socke! Kaugummi!) wohl seinen ursprünglichen Plan und verliert sich im Kuchenbacken und Blumenpflücken. Das Rotkäppchen, das eine recht rustikale Natur hat, geht dagegen einen ganz anderen Weg.

Variationen des Märchens gibt es tatsächlich viele, „Rotkäppchen hat keine Lust“ ist aber eine besonders schöne: Die Idee des Rollentauschs ist ebenso wunderbar wie ihre Umsetzung. Und die Feinheit, mit der Sebastian Meschenmoser die Charaktere der Figuren zeichnet, sucht ihresgleichen.

Alter: Ab vier Jahren. Erschienen bei Thienemann. 32 Seiten.

(c) Thienemann

Abtauchen und reingraben

Unter der Erde tut sich ja so einiges, und viele Kinderbücher widmeten sich bereits den Wurzeln diverser Pflanzen oder wühlendem Getier. Aleksandra und Daniel Mizielinscy - man kennt sie bereits durch ihr vielfach gelobtes Landkartenbuch "Alle Welt" - gehen weiter. Kapitel um Kapitel legen die beiden Illustratoren unterirdische Geheimnisse offen: Würmer und Wimmeltiere machen den Anfang, der Bau von Dachs und Fuchs werden detailliert dargestellt, doch es bleibt nicht dabei: Unsichtbare Leitungen, Bohrlöcher, Abwasser (inklusive Kläranlage), prominente Tunnel und Höhlen, Fossilien und Bodenschätze, Vulkane und Erdaufbau - kaum ein Thema bleibt unberührt.

Doch das ist erst die Hälfte des Buches. Denn ab dem Mittelpunkt der Erde wendet sich das Blatt wortwörtlich. "Unter der Erde. Tief im Wasser" ist ein Buch, das sich von zwei Seiten lesen lässt. Der zweite Teil stellt Bewohner der Tiefsee vor, taucht nach dem Wrack der Titanic, erklärt Bohrinseln, verblüfft mit der Darstellung alter U-Boote und Taucheranzüge. Natur und Technik faszinieren gleichberechtigt. Ein herrliches Buch mit unglaublich viel Weltwissen zwischen den Buchdeckeln.

Alter: Ab sieben Jahren. Erschienen im Moritz Verlag. 112 Seiten.

(c) Moritz Verlag

Wunderbare Reime

"Paul und Anna Sausebier
hätten furchtbar gern ein Tier.
Kätzchen, Hündchen, kleines Schwein ...
Doch die Eltern sagen Nein."

Tja, da geht es den Sausebierkindern wie so vielen anderen, doch etwas ist dann doch ganz anders:

"Aber was sie gar nicht wissen
Auf dem Teppich, auf den Kissen
grad bei ihnen, Kirchplatz vier,
nah bei Bonn, da gibt's ein Tier."

Ein Tier, das hier schon lange lebt, das aber niemand sehen kann. Bis das Chamäleon eines Tages nicht mehr in der Lage ist, sein Aussehen dem Mobiliar anzupassen. "Neu in der Familie: Chamäleon Ottilie" ist ein äußerst vergnügliches Buch, bunt und wirklich schön gereimt.

Alter: Ab vier Jahren. Erschienen bei FISCHER Sauerländer. 32 Seiten.

 

(c) Sauerländer

Wo sich Fuchs und Hase ...

Was kann dahinterstecken, wenn die beiden Freunde Fuchs und Hase plötzlich völlig schwarz sind? Darauf, dass die Kletterpartie im Kamin das Fell verdunkelt haben könnte, kommen sie nicht. Sie haben eine eigene Lösung: "Das ist ein Stück Nacht. Es ist an uns hängen geblieben, weil wir nicht genug geschlafen haben." Was sich leicht beheben lässt: "Gehen wir ins Bett und schlafen wir, bis wir nicht mehr schwarz sind," sagt der Fuchs.

Schlafen zu gehen ist - nona - das große Thema in "Nun schlaft mal schön". Bei den elfeinhalb Gutenachtgeschichten von Fuchs und Hase könnte man aber oft lauthals loslachen, so wunderbar komisch sind sie. Etwa wenn die beiden Freunde Synonyme für "Gute Nacht" suchen und "eine wohltuende Verfinsterung" oder "eine gemütliche Schwärze" dabei herauskommen. Kristina Andres schrieb und illustrierte das Büchlein.

Alter: Ab fünf Jahren. Erschienen im Moritz Verlag. 64 Seiten.

(c) Moritz

Physikalische Häppchen

In vielen Fällen hat das Schulfach Physik nicht die besten Erinnerungen bei der jetzigen Elterngeneration hinterlassen. Weil man die grundlegenden Phänomene der Natur aber nicht so einfach zur Seite wischen kann (und, ja: man vor den Kindern auch nicht als dumm erscheinen will), ist das Buch "Physik ohne Grenzen" ein wunderbares Erklärwerk. Dominic Walliman und Ben Newman erläutern die Welt der Physik anschaulich. Weil das Wissen in kleinen Häppchen angeboten wird, kann das Kind je nach Alter und Interesse ein paar Kuriositäten aufsaugen oder aber - bei genauerer Lektüre - die größeren Zusammenhänge erkennen. Der Physiker Dominic Walliman und der Illustrator Ben Newman (es ist nach "Universum ohne Grenzen" ihr zweites Buch) stemmen das Gewicht des Themas bravourös.

Beispiel gefällig? Nach der Erklärung, was ein Atom ist und einem kleinen Ausflug zum Namensgeber Demokrit taucht natürlich die Frage auf, wie klein ein Atom ist. "Nimm einen wirklich spitz angespitzten Bleistift. Was glaubt du, wieviele Atome auf seiner Spitze Platz hätten? Drei? Vier?" Schön illustriert folgt die Antwort: Zehn Billionen Atome. Zwei weitere Doppelseiten beschäftigen sich dann mit dem Aufbau von Atomen und der Frage, wie die Atome in Festkörpern, Flüssigkeiten und Gasen angeordnet sind. Von der Schwerkraft bis Fibanocci-Folge: Man würde kaum glauben, wie vieles sich in dem Buch findet.

Alter: Ab sieben Jahren. Erschienen im NordSüd Verlag. 72 Seiten.

Flüchtlingsnot

Es sind wunderschöne Bilder, die die junge Italienerin Francesca Sanna für "Die Flucht" schuf. Starke Bilder. Und zum Teil auch beängstigende Bilder. Krieg und Sorgen erscheinen als überdimensionierte, dunkle Hände, die der Familie auch den Vater nehmen. Trotz des schwierigen Themas ist das Buch aber kindergerecht: Die Kinder finden Halt bei der Mutter, deren langes wallendes Haar wie eine eigene Welt ist, in der die Kinder sich sicher fühlen können. "Doch Mama ist ja da, und sie hat nie Angst. Uns fallen die Augen zu, und wir schlafen endlich ein." Die Ängste der Mutter kann man nur erahnen.

Für ihr Buch bekam Francesca Sanna bereits die Gold-Medaille der Society of Illustrators New York.

Alter: Ab vier Jahren. Erschienen im NordSüd Verlag. 48 Seiten.

 

(c) NordSüd Verlag

Abenteuerlich

Als die drei Geschwister Mo, Kaja und Jonathan über den Zaun zum still gelegten Vergnügungspark kletterten, rechneten sie mit abenteuerlichen Entdeckungen. Damit, dass der Park zum Leben erwachen würde, aber wohl nicht. Dinosaurier, Sheriff und Indianer, Riesen und Wahrsager haben aber nicht annähernd die gleiche Wirkung auf sie wie Schabalu, dessen Schloss in der Ferne leuchtet.

"Wenn der geheime Park erwacht, nehmt euch vor Schabalu in Acht" ist ein herrliches Buch, eine fantastische Achterbahnfahrt durch Abenteuer, Rätsel und Gefahren. Und mittendrin ein überdimensioniertes Zuckerwattewagen. Wie kein anderer behält Oliver Scherz bei den fantastischen Begebenheiten den Charakter seiner kleinen Helden im Auge. Es sind stets ganz normale Kinder, sie dürfen mutig und verzagt sein, Heldentaten vollbringen und Fehler machen.

Illustriert ist das Buch mit den wunderbaren Bildern von Daniel Napp ("Dr. Brumm"), die auch mal über eine Doppelseite gehen dürfen. Ein Lesevergnügen.

Alter: Ab sechs Jahren. Erschienen bei Thienemann. 144 Seiten.

 

(c) Thienemann

Im Wald ist wieder was passiert

Die kleine Buffy hat sich seit dem letzten Fall zur Polizeichefin gemausert. Und das ist wörtlich zu verstehen, denn Buffy ist eine Maus. Ein kluge Maus, die stets versucht, ihre Angst zu überwinden und die Aufgaben besonders gut zu bewältigen, die ihr Kommissar Gordon überlassen hat. Denn dieser befindet sich in einem langen Urlaub - oder vielleicht sogar im Ruhestand.

Allerdings: Genießen kann er seine neue Freiheit nicht so recht. Einmal Polizist, immer Polizist. Und so hilft er Buffy doch recht bald wieder dabei, den aktuellen Fall zu lösen: Im Wald sind zwei Kinder verschwunden, ein Eichhörnchenjunge und ein Kaninchenmädchen.

"Kommissar Gordon: Doch noch ein Fall!" ist ein schöner neuer Kinderkrimi aus der Feder des Schweden Ulf Nielsson (bekannt etwa durch "Die besten Beerdigungen der Welt").

Alter: Ab sechs Jahren. Erschienen im Moritz Verlag. 128 Seiten.

 

Philosophische Episoden

Die kleine Maus Rosa kann nicht schlafen, weil sie Angst vor großen Tieren hat. Naheliegend, würde man sagen, denn Rosa wohnt im Zoo, große und gefährliche Tiere sind also durchaus vorhanden. Weniger naheliegend ist aber, dass Rosa bei einem Tier Schutz sucht, das für ein Mäuschen der Inbegriff von groß und gefährlich sein müsste: bei einem Leoparden.

Diesen trifft das Vertrauen des Mäuschens aber ebenso unvorbereitet wie heftig, weshalb sich eine Freundschaft entwickelt. Für Rosa gibt es bald nur noch zwei Sorten von Tagen: "Tage, an denen sie zu Rigo ging. Das waren gute Tage. Und Tage, an denen sie nicht zu Rigo gehen konnte, weil sie schon dort war. Das waren auch gute Tage." So führen die beiden viele Gespräche, lachen mit einander, lernen von einander. Der Ton, in dem die beiden miteinander sprechen, ist warm, fragend, entdeckend. Und lässt "Rigo und Rosa" zu einem besonderen Vorlesebuch werden. Die wunderbaren Illustrationen stammen von Kathrin Schäfer, die Gefühle in ein Mäusegesicht zeichnen kann wie keine Zweite.

Alter: Ab fünf Jahren. Erschienen bei Atlantis. 128 Seiten.

 

(c) Atlantis

Wissensschatz

Aufwendig und anspruchsvoll gestaltet sind sie, die Bücher aus dem Verlagshaus Jacoby & Stuart. Das gilt auch für "Vögel auf Weltreise. Alles über Zugvögel", das Kindern ebenso anschaulich wie detailreich ebendiese Welt näher bringt.

Etwa: Woher wissen die Vögel, dass es Zeit ist aufzubrechen? Und wie bereiten sie sich vor? Oder: Gibt es einen Vogel, der Winterschlaf hält? Es gibt ihn, so viel sei verraten. Faszinierend sind auch die Flugrouten, die kreuz und quer über den gesamten Globus verlaufen. 
Fazit: Ein Buch, an dem man sich kaum sattsehen kann - und das außerdem einen großen Wissensschatz birgt.

Alter: Laut Verlag ab neun Jahren. Dürfte aber davor auch schon gut ankommen. Erschienen bei Jacoby & Stuart.

 

 

 

 

 

(c) Jacoby und Stuart

Trautes Heim, Glück allein

Ein jeder baue nach seiner Facon, heißt es, und das haben die Tiere im reizenden Bilderbuch "Briefträger Maus" wirklich ernst genommen. So hat der Postbote einiges vor sich, wenn er seine Tour absolviert: Herr Krake bekommt seine Post ins Meer geliefert während das Zuhause von Frau Fliege seiner äußeren Form nach schon verdaut wurde - trotzdem aber sehr hübsch eingerichtet ist. Das Haus der Gämsen liegt in luftiger Höhe und bei der Familie Krokodil holt er sich nasse Füße, denn das Haus wird durch ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem unter Wasser gesetzt.

Interieur und Haustechnik sind chamant in Szene gesetzt. Durchaus auch mal absurd, wie beim Schildkrötenpanzer, der Esstisch und Regenschirm beinhaltet. Detailreich und humorvoll: ein Buch, das Freude macht.

Alter: Ab drei Jahren. Erschienen bei Geltz & Gelberg.

 

 

 

 

 

(c) Beltz

Ein wahrhaft großes Abenteuer

Friedrich Johann Löwenmaul ist der letzte Sproß einer berühmten Familie von Hummelreitern. Und die reiten, so viel sei gleich verraten, tatsächlich auf Hummeln. Was natürlich nur funktionieren kann, weil die Größenverhältnisse stimmen.

Friedrich seinerseits ist eigentlich kein Hummelreiter, doch weil die Berühmtheit seiner Familie bis übers Endmeer vorgedrungen ist und man dort dringend seine Fähigkeiten braucht, ist dies nicht weiter wichtig. Er muss nun ein Hummelreiter sein, schließlich gilt es, ein Reich, sein Volk und seine Königin vor einer namenlosen Bedrohung aus Nordwärts zu retten.

Eine große Aufgabe für jemanden, der bisher nicht mal mit dem Reiten einer Hummel zurecht gekommen ist. Friedrich ist nun kein klassischer Held; Gefahren weicht er lieber aus. Das muss sich ändern: Die Alternative wäre nämlich, portionsweise nach Haus geschickt zu werden. Und so lässt er sich auf eine abenteurliche Spionagegeschichte in einem fremden Land ein, in dem es kuriose Kreaturen gibt und Insekten sprechen können.

"Der Hummelreiter" ist ein fantastischer Abenteuerroman mit anspruchsvollem Vokabular. Junge Leser können darin wunderbar versinken, sie werden in eine Welt gezogen, in der "Hellsehen zum Standardpersonal eines verantwortungsvollen Monarchen gehört", in dem der das Schicksal eines ganzen Landes von einer Spionagehummel und ihrem Reiter abhängt. Insgesamt ein wirklich wunderbares Buch.

Alter: Ab zehn Jahren. Erschienen bei BELTZ & Gelberg.

 

 

(c) Beltz

Anspruchsvoll und anschaulich

Woher kommt meine Haarfarbe? Wofür ist das Nervengewebe zuständig? Wie genau funktioniert das Herz? Wer an der Physis wirklich interessiert ist, kann im wunderbar illustrierten Buch "Mein Körper" so einiges darüber erfahren. Wobei nicht einfach Körperbestandteile aneinander gereiht werden, sondern immer die Frage im Vordergrund steht, wie etwas funktioniert.

Etwa: das Blut. Auf zwei Seiten werden hier die Kapillaren beschrieben, die Blutplättchen, das Plasma, die Aufnahme des Sauerstoffs und vor allem der Weg des Blutes durch den Körper. Anspruchsvoll im Inhalt, anschaulich in der Darstellung. Ein feines Buch.

 

Alter: Ab acht Jahren. Erschienen bei Kleine Gestalten.

 

 

 

 

 

 

(c) Kleine Gestalten

Entdecken, erforschen, verstehen

Schon allein das Titelbild von "Erforsche das Meer" hat mehr als nur einen Blick verdient. Ebenso liebevoll, wie hier die Buchstaben arrangiert werden, wird im Buch auch der Inhalt an den Leser gebracht. Die kleinen Kapitel (etwa: die einzelnen Küsten in Europa. Oder: Wie können Tiere in der Tiefsee überleben?) bieten sehr viel Information, holen den Leser durch die Kleinteiligkeit aber immer wieder bei seinem Wissensstand ab.

Für besonders Interessierte werden auf den 160 Seiten auch noch eine Reihe von Experimenten angeboten. Und auch verschiedenste Forscher kommen zu Wort. Klimaforscher, Erfinder, Meeresbiologen. Ein erfinderisch gestaltetes Buch, das aus den Lesern tatsächlich kleine Experten manchen kann.

Alter: Ab acht Jahren. Erschienen bei Geltz & Gelberg.

 

 

 

 

(c) Beltz

Bitte mehr Märchen

Es gibt ein neues Buch aus der Feder der wunderbaren Illustratorin Gerda Müller, die im Februar ihren 90. Geburtstag feierte. Sie illustriert "Die Bremer Stadtmusikanten" neu - eine Geschichte, bei der das Alter der Tiere eine zentrale Rolle spielt, die Müller noch betont: Esel, Hund, Katze und Hahn sind allesamt hochbetagt und für ihre Herren nutzlos geworden. In kraftvollen Bildern zeigt Müller wie die Tiere, von ihren Höfen vertrieben, sich gemeinsam Richtung Stadt begeben, um dort ein neues Leben als Stadtmusikanten zu beginnen. Freilich: So weit kommt es nicht. Sie entdecken ein Räuberhaus, erobern es sich als Heim und schaffen sich damit ein neues Leben.

Übrigens: Auf die Frage, warum sie nie etwas anderes als Bücher für Kinder machen wollte, antwortet Gerda Müller: "Ich habe mein ganzes Leben für Kinder gezeichnet. Wenn ich alleine in meinem Atelier arbeite, spüre ich die Anwesenheit eines Kindes, das mir zusieht und mich – oftmals – lenkt. Für dieses Kind, und nicht für Eltern oder Verleger, arbeite ich." Wunderschön.

Alter: Ab vier Jahren. Erschienen im Moritz-Verlag.

 

 

 

 

(c) Moritz

Von Sprechblasen und Schreiblasen

Kinder lieben es zu malen. Und Kinder lieben Geschichten. Weshalb Geschichten zu malen ein wunderbares Vergnügen für ruhige Stunden sein kann. Die richtigen Anstöße dazu liefert das schmale Büchlein der Schwedin Pernilla Stalfelt "Fang einfach an. Das Kinderbuch vom Geschichtenerzählen". Es beschreibt, wie man mit Worten und Bildern Spannendes, Lustiges, Gruseliges oder Fantastisches kreieren kann.

Etwa so: Eine Hauptfigur finden, ihr einen Namen geben und sie reden lassen, sie sprechen lassen: Wovon kann so eine Gschichte handeln? Wie sieht eine Sprechblase aus, wenn jemand schreit? Und wie zeichnet man, was jemand denkt oder träumt?

"Fang einfach an. Das Kinderbuch vom Geschichtenerzählen" regt auf jeden Fall die Kreativtät an - auch die der Erwachsenen. Fehlen nur noch Stifte und Papier.

Alter: Ab sieben Jahren. Erschienen im Moritz Verlag.

 

 

 

(c) Moritz

Ein echt böser Dieb

Ein Kampf von Gut gegen Böse, welches Kind liebt den nicht? Besonders, wenn das Abenteuer so wunderbar humorvoll ist, wie wir es von der Serie rund um den kleinen Hamster Billy gewöhnt sind. Die Figuren von Catharina Valckx bringen Kinder und Erwachsene stets zum Schmunzeln.

Im neuen Buch "Billy und der Bösewicht" wird die Western-Idylle durch einen neuen Nachbarn gestört, der einer Kaninchenfamilie den gesamten Vorrat an Karotten stiehlt. Doch der böse Dachs hat nicht mit dem Heldenmut der illustren Tierrunde rund um Billy gerechnet.

Alter: Ab vier Jahren. Erschienen bei Moritz.

 

 

 

 

(c) Moritz

Historisches Abenteuer im Eis

Ernest Shackleton hatte große Pläne. Der britische Polarforscher wollte den antarktischen Kontinent von Küste zur Küste durchqueren, scheiterte damit aber vor ziemlich genau hundert Jahren. Das Expeditionsschiff sank im Packeis. Bekannt wurde die Geschichte aber trotzdem, denn die gesamte Mannschaft überlebte unter widrigsten Umständen und wurde in einer abenteuerliche Aktion gerettet.

Was an sich schon eine wunderbare Geschichte ist, wurde von William Grill umgesetzt. Und man muss sagen: Großartig umgesetzt. "Shackeltons Reise" ist eines der schönsten und aufregendsten Bücher dieses Jahres. Der Illustrator Grill gestaltete die Reise so lebendig und detailreich, dass damit der Leser selbst zum Entdecker wird: Von der Rekrutierung der Mannschaft (5000 Männer bewarben sich, 26 wurden ausgewählt) über die Hunde (sie wogen im Schnitt 45 Kilo), von der Ausrüstung (auch ein Fahrrad war dabei) über den Weg durch die Eisschollen und schließlich vom Sinken des Schiffs bis hin zur Rettung. Ein Buch in großem Format, in dem wissbegierige Kinder versinken können.

Erschienen im NordSüd Verlag.

Alter: Ab sieben Jahren.

 

 

(c) NordSüd Verlag

Die Geschichte der Menschheit

Es ist ein Anspruch, an dem man schnell scheitern kann: Die Geschichte der Menschheit in ein Kinderbuch zu packen, ohne an der Oberfläche zu bleiben - oder den Leser zu ermüden. Der französische Illustrator Yvan Pommaux hat es gewagt.  In großem Format (30 x 30 cm) zeichnet er in "Wir und unsere Geschichte" Ausschnitte aus den einzelnen Epochen: Wie begann der Ackerbau? Wann begruben die Menschen erstmals ihre Toten? Wie kann man sich das Leben im antiken Rom vorstellen? Welche Bedeutung hatte die Produktion von Seide?

Die einzelnen Momente zeigen das Große oder das Kleine, die dunklen und die hellen Seiten der menschlichen Natur, den Fortschritt und den Niedergang, sie orientieren sich aber immer am alltäglichen Leben der Menschen. Auf große Namen wird verzichtet, sie finden sich nur am Ende in einem Glossar. "Wir und unsere Geschichte" kann dem Anspruch gerecht werden, den großen Bogen zu ziehen und trotzdem wunderbar plastisch zu sein. Es ist ein prächtiges Buch voll großer und kleiner Episoden, das immer wieder zur Hand genommen werden will.

Alter: Ab neun Jahren empfohlen. (Aber auch schon vorher zum miteinander Lesen interessant.)

Erschienen bei Moritz.

(c) Moritz Verlag