Comic: Die Freiheitskämpfer ohne Heimat

Paco Rocas großes Geschichtsepos „Die Heimatlosen“ setzt den vergessenen Helden aus dem Spanischen Bürgerkrieg, der sich heuer zum 80. Mal jährt, ein spätes Denkmal.

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Paco Roca – (C) Paco Roca

Dieses Buch kam um Jahre zu spät – und doch überpünktlich: Denn 2016 jährt sich der Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges zum 80. Mal, zweifellos werden noch einige Jubiläumspublikationen weitere Facetten dieses einschneidenden historischen Ereignisses offenbaren. Paco Roca, strahlende Ausnahmefigur unter Spaniens jüngeren Comic-Künstlern, hat schon 2015 mit „Die Heimatlosen“ ein erstaunliches Geschichtsepos zum Thema vorgelegt: In Form eines gezeichneten Schlüsselromans schildert er das Schicksal einer Truppe vergessener Helden – jener durch die Niederlage gegen Franco heimatlos gewordenen republikanischen Kämpfer, die im Zweiten Weltkrieg die Schlacht gegen den Faschismus auf Seite der Alliierten weiterführten. So war etwa „La Nueve“, eine größtenteils mit Spaniern besetze Kompanie von De Gaulles Freien Französischen Streitkräften, federführend bei der Befreiung von Paris 1944.

Doch obwohl sie zu den Siegern in diesem Kampf gehörten, blieben sie letztendlich Verlierer – und damit auch Vergessene, zumal die Geschichte von den Siegern geschrieben wird: Ausgerechnet in ihrer Heimat blieb der Faschismus bestehen. Mit bitterer Enttäuschung mussten die Republikaner zur Kenntnis nehmen, dass ihre bisherigen Alliierten die ersehnte Befreiung Spaniens vom Franco-Regime nicht zu unterstützen gedachten. Paco Rocas Buch erzählt von der Überwindung dieser Bitternis.

 

Ein grantelnder Zeitzeuge erzählt

Das tut er auf zwei zeichnerisch abgegrenzten Erzählebenen: Auch im Bildstrich vergleichsweise flüchtig anmutende Zweifarbdruck-Szenen schildern, wie der Comiczeichner Paco Roca nach jahrelanger Recherche einen betagten Veteranen von „La Nueve“ namens Miguel Ruiz in einem französischen Örtchen aufspürt. Der grantelnde Alte ist einer der letzten Zeitzeugen, doch er hat sich in wortkarge Verbitterung zurückgezogen – nicht einmal sein bester Freund ahnt das Ausmaß von Miguels Kriegsabenteuern. Doch Rocas Beharrlichkeit macht sich bezahlt: Es gelingt ihm, den widerwilligen Miguel von der Aufrichtigkeit seiner Intentionen zu überzeugen. Die Erinnerungsarbeit wird nach Anlaufschwierigkeiten zum Befreiungserlebnis.

Miguels Erinnerungen – in lebendigen Farben, doch von dunklen Tönen dominiert – bilden die zweite Erzählebene. Sie beginnt 1939 in Alicante nach Francos Sieg. An der Mole der letzten Republikaner-Hochburg spielen sich erschütternde Szenen ab. Tausende warten auf Rettung durch Schiffe – doch nur eines wagt noch anzulegen, auch Miguel kann auf dem überlasteten Boot entkommen. Die Zurückgebliebenen lassen alle Hoffnung fahren: Einer stürzt sich mit dem Ruf „Es lebe die Republik“ von einem Kran in einen ruhmlosen Tod, anderswo setzt sich ein Mann mit Anzug und Aktentasche seelenruhig auf den Boden, zündet sich eine Zigarre an – und schneidet sich die Kehle durch.

Auch auf Miguels weiterem Weg durch tunesische Lager zu neuen Fronten spart Roca zwar die harten Tatsachen nicht aus: Die Verrohung der Soldaten ist ebenso Thema wie der Streit unter den spanischen Exilfraktionen – für ein Heldenlied wird ein bemerkenswert unheroischer Ton angeschlagen. Vielmehr zeigt sich Roca weiterhin als Schöpfer feinfühliger Porträts und Erinnerungskünstler: Sein gerade in seiner Unsentimentalität herzzerreißender Alzheimer-Comic „Kopf in den Wolken“ war ein kleiner Welterfolg, mit „Der Winter des Zeichners“ beschwor er eine still gescheiterte Revolution spanischer Comiczeichner in späteren Franco-Jahren. In „Die Heimatlosen“ führt er die subtile Charakterzeichnung des alten Miguel mit einem prallen Historienepos parallel, das trotz Triumphen wie dem über Seiten ausgekosteten nächtlichen Paris-Einmarsch und Tragödien – es gibt sogar eine große Liebesgeschichte – niemals unbescheiden wirkt.

Abgesehen von seiner künstlerischen Qualität und der stimmigen Erzählung ist Rocas Buch auch als Geschichtslektüre hochwillkommen: Zwar hat er im Schicksal seines Miguel viele Figuren und Ereignisse verdichtet, aber mit historischer Sorgfalt hat er trotzdem ein kaum beachtetes Kapitel des demokratischen Kampfes der Vergessenheit entrissen – im Nachwort dankt ihm dafür ein führender Forscher auf dem Gebiet, Robert S. Coale, der einer von Rocas Recherchehelfern war und eigene Publikationen zum Thema ankündigt. Vielleicht kommt ja noch eine zum Jubiläumsjahr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2016)

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