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Nachruf Umberto Eco: So gelehrt! Und so vergnüglich!

Umberto Eco (1932 - 2016)
Umberto Eco (1932 - 2016) / Bild: imago/Leemage 

Umberto Eco war ein großartiger Wissenschaftler und hat uns die Fingerübung »Der Name der Rose« geschenkt. Nachruf auf einen Intellektuellen, der uns und sich selbst gerne unterhielt.

 (Die Presse)

Natürlich kann man ein geisteswissenschaftliches Studium abschließen, ohne jemals Umberto Eco gelesen zu haben. Man kann ja auch mit Halbschuhen auf den Großglockner steigen oder ohne Sauerstoffflaschen auf den Mount Everest. Und so ist es zum Beispiel möglich, sich in überfüllten und von überlasteten Assistenten geleiteten Proseminaren erklären zu lassen, wie man ein Thema eingrenzt und eine These entwickelt. Oder man liest Ecos „Wie man eine wissenschaftliche Abschlussarbeit schreibt“, nicht mehr ganz up to date, was die Recherche-Möglichkeiten betrifft (1977!), aber sonst bis zum Ratschlag „Wie man verhindert, dass man von seinem Betreuer ausgenutzt wird“ unerreicht.

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Genauso gut kann man, wenn es um die Ästhetik der Moderne geht, zuerst Adorno lesen. Und wenn es um Semiotik geht: Roland Barthes. Aber man macht es sich nur unnötig schwer. Besser, man studiert vorher Umberto Ecos „Das offene Kunstwerk“ oder seine „Einführung in die Semiotik“. Semiotisches Spiel. Letzteres ist eines der Hauptwerke des als Sohn eines Buchhalters im Piemont geborenen Eco: Es ist eine stupende, differenzierte, dabei unterhaltsame Abhandlung über die Zeichen – und dabei eine wunderbare Zurechtrückung: Nein, bei der Semiotik handelt es sich nicht um eine rätselhafte Orchideen-Wissenschaft. Die Semiotik ist vielmehr ein Handwerkszeug für jeden, der sich wissenschaftlich, journalistisch und politisch mit Kommunikation auseinandersetzt. Sie lehrt uns, wie jedes gute intellektuelle Rüstzeug, zu unterscheiden: Zwischen Bedeutung und Nebenbedeutung. Zufälligen und absichtlich gesetzten Zeichen. Zwischen Rauch, der uns auf Feuer hinweist, und Rauch, mit dem uns jemand etwas mitteilen will.

Die „Einführung in die Semiotik“ ist ein bei aller Sorgfalt reichlich verspieltes Werk. Wie auch Roland Barthes hat es Umberto Eco stets Spaß gemacht, die Möglichkeiten seines intellektuellen Seziermessers auszutesten und er hat sich dabei auch an populären Themen versucht. Das machte der Wissenschaftler Eco gerne: Ausprobieren, wozu sein Wissen denn tauge.

Eines der vergnüglichsten Ergebnisse dieser Lust an der Praxis war der Roman „Der Name der Rose“. Eco war fast 50 Jahre alt, als er ihn schrieb. Es war ein kalkulierter Erfolg, wenn man denn solch einen Erfolg kalkulieren kann: Eco hatte als Mediävist das Wissen, eine so pittoreske wie überzeugende Kulisse zu schaffen. Er kannte seine Erzähltheorien. War in der Philosophie der Antike zuhause. Und wusste als Semiotiker genau, wo er wie welche Fährten legen konnte und wie weit ihm die Leser folgen würden. Raffiniert baute er rund um einen theologischen Diskurs einen Krimi: William von Baskerville und sein Adlatus Adson von Melk erinnern an Sherlock Holmes und seinen John Watson.

Zweit-Karriere als Romancier

„Der Name der Rose“ hatte außerdem ein Thema, das heute noch brisanter ist als damals: die Verdammung des Vergnügens durch die Religion. Der fundamentalistische Bibliothekar der Benediktinerabtei hält nämlich einen Text von Aristoteles über die Komödie versteckt. Warum? Weil er Humor für gefährlich hält. Für gotteslästerlich. Weil das Lachen den gläubigen Menschen auf den falschen Weg führe: „Komödien wurden geschrieben, um die Leute zum Lachen zu bringen, und das war schlecht“, sagt er. „Unser Herr Jesus hat weder Komödien noch Fabeln erzählt, ausschließlich klare Gleichungen, die uns allegorisch lehren, wie wir ins Paradies gelangen, und so soll es bleiben.“

Der Roman wurde zum Welterfolg und mit Sean Connery und Helmut Qualtinger verfilmt. Spätere Werke konnten in Präzision und Konsistenz an den Erstling nicht anschließen. Doch „Das Foucaultsche Pendel“ (1988), „Baudolino“ (2000) und „Der Friedhof von Prag“ (2010) fanden in jedem Fall ihr Publikum. Eines von Ecos Lieblingsthemen dabei waren die Verschwörungstheorien: „Alles, was in der Welt geschieht, wird irgendeiner geheimnisvollen Kraft zugeschrieben, auf die wir keinen Einfluss haben. Das verhindert, dass wir Verantwortung übernehmen“, meinte er in einem Interview mit der „Presse“.

Umberto Eco war ein eminent politischer Autor. In seinen ab 1985 unter dem Titel „Streichholzbriefe“ erschienenen Kolumnen schrieb Eco unter anderem gegen Berlusconi an, 2002 schloss er sich der oppositionellen Gruppe „Libertà e Giustizia“ an. Erst vor wenigen Monaten hat er einen kleinen Verlag „La nave di Teseo“ mitgegründet – aus Protest gegen Monopolisierungstendenzen der Branche.

In diesem Verlag wird im Mai sein letzter Essay erscheinen. Umberto Eco litt an Krebs. Am Freitag ist er in seiner Wohnung in Mailand gestorben.


[LZMB8]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2016)

 
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2 Kommentare
halvarvonflake
21.02.2016 09:02
1

von allen bisher gelesenen nachrufen

scheint mir dies der klügste zu sein.

Klgfter Renegatin
20.02.2016 17:45
6

RIP.

Aus tiefstem Hirnstamm.................

es ist ein riesiger Verlust für`s europ. Geistesleben ;-(

(...tippte hier erst kürzlich in 1em Post den Hinweis auf die aktuell wichtige Lehre aus `der Name der Rose` rein........)

Wenn es 1 Jenseits von Geistern/Seelen gibt (woran ich nicht mehr glaube); bitte auch Grüsse an Hr. Qualtinger.

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