Sibylle Lewitscharoff: "Soll Hitler etwa froh im Himmel rumturnen?"

Sie ist eine große Schriftstellerin – und gläubige Christin: Warum Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff an einen strafenden Gott und die befreiende Wirkung von Spatzen glaubt.

Sibylle Lewitscharoff, Berlin
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Sibylle Lewitscharoff, Berlin
„Seelenmassage light, ohne Verantwortung für den Nächsten“: So nennt Sibylle Lewitscharoff eine Theologie, die von Sünde und Strafe schweigt. Die Deutsche mit bulgarischem Vater erhielt 1998 den Bachmann-Preis, später u. a. den Kleist- und den Büchner-Preis. – Antje Berghaeuser / laif / picturedesk.com

Die Presse: Zum christlichen Osterfest bietet Ihr Roman „Blumenberg“ eine wilde Deutung: Vielleicht opfere Gott seinen Sohn zwecks Flucht aus dem „Gemütsallerlei“, um Vaterschmerz zu empfinden . . . Das wäre ein reichlich perverser Gott.

Sibylle Lewitscharoff: Ich probiere gern an abwegigen Theorien herum, die ich meinen Figuren ins Hirn lege. Über Gott kann man nichts Bestimmtes wissen, gerade das bedeutet ja Seine Allmacht. Ich mache halt vor Seiner übermächtigen Essenz kleine Veitstänze.

 

Literatur und Religion vertrugen sich in Europa schon besser als heute; bei Ihnen scheinen sie eng verbunden . . .

Die Bibel ist ein großartiger Text, durchzogen von abgründigen menschlichen Erfahrungen. Für mich war das immer eine aufregende Lektüre. Manche Details mögen veraltet sein, viele sind es nicht. Meine sehr fromme Großmutter, die vom Pietismus inspiriert war, hat wunderbar daraus erzählt, ohne mich als Kind zu ängstigen. Sie war überhaupt ein herzensguter Mensch, keine abscheuliche Frömmlerin. Der Vater liebte Homer und erzählte mir ebenfalls feurig davon. Beide Stoffe haben in mir Wurzeln geschlagen, und, wer weiß, vielleicht haben sie den Grundstein für mein eigenes Schreiben gelegt.

 

Apropos Kindheitsglaube – Sie erzählten früher, wie Ihre Großmutter Ihnen von Jesus erzählte, wie beschützt Sie sich von ihm fühlten; was wurde bei Ihnen aus diesem selbstverständlichen Kinderglauben?

Das Naive hat mich nie ganz verlassen. Natürlich kann man schwerlich an einen himmlischen Aufenthaltsort für Tote glauben, wenn man die Erkenntnisse der Astrophysiker auf sich einwirken lässt, und natürlich weiß ich nicht, wie es nach dem Tod sein wird. Aber ein gewisses jenseitiges Rüstzeug, der Glaube, dass mit dem Tod nicht alles vorbei ist, kann ganz gut durchs Leben führen. Spekulationen sind natürlich erlaubt. Und ich spekuliere gern wild in den Himmel hinein.

 

In Ihrem Roman „Blumenberg“ passiert ein Wunder, ein Löwe sitzt plötzlich im Zimmer, und bleibt. Warum geben Sie so oft Tieren bedeutsame Rollen? Sie haben bei Ihnen direkt etwas von Erlöserfiguren.

Blicken wir ein Tier an, sind wir von uns selbst befreit. Das ist das Schöne, nicht umsonst gibt es bei Handke herrliche Passagen über Spatzen. Ein Tier ist in meinen Büchern immer dabei, und sei's ein winziger Spatz. Schon als Kind habe ich heftig daran geglaubt, dass es den Himmel als Ort für Totenspaziergänge gibt, und mein geliebter Dackel war selbstverständlich mit von der Partie. In meinem neuen Roman über einen Kongress von Dante-Forschern in Rom spielt ein Terrier eine recht heitere und inspirierte Rolle.

 

Passiert dort auch ein Wunder?

Ja, zu Pfingsten, ein Sprachwunder. Ein polnischer Forscher versteht plötzlich das Chinesische, ein Argentinier das Griechische, alle Sprachen, die im Raum durch die Menschen vertreten sind, ergeben für alle einen Sinn. Vermutlich bringt sich sogar das eigentlich unaussprechliche Aleph zu Gehör, der Erzähler glaubt das. Das verschafft den Forschern enormen Auftrieb, vom aventinischen Hügel aus fliegen sie stracks gen Himmel.

 

Sie lieben ja Dantes „Göttliche Komödie“. Die Hölle, die bei ihm so drastisch ausgemalt wird, scheint der Theologie heute eher peinlich zu sein. Gott sei Dank?

Nein, ich bedaure sehr, dass die Theologie fast nichts mehr von Sünden wissen will, für die wir zur Verantwortung gezogen werden können. Das ist Religionskitsch, Seelenmassage light, ohne Verantwortung für den Nächsten. Unsere bösen Taten sind ja böse, weil sie anderen Leiden bereiten. Wir sind nicht nur arm, wir sind durchaus potent und können andere sehr verletzen, auch ohne handfeste Waffen. Und ein Hitler, ein Stalin, ein Pol Pot, der Schlächter Assad und viele andere, die sollen einst fröhlich im Himmel herumturnen? Müsste ich das denken, wäre der letzte Funke meiner Religiosität verglüht.

 

Auch Sie haben wohl viele verletzt, als Sie 2014 in Ihrer Dresdner Rede die künstliche Befruchtung „widerwärtig“ nannten und daraus entstandene Kinder „Halbwesen“. Die Empörung war enorm, Sie entschuldigten sich. Was haben Sie damals gelernt?

Ich war in einigen wenigen Sätzen viel zu aggressiv, habe damit Menschen beleidigt, die nichts dafür können, dass sie mithilfe künstlicher Methoden zur Welt gekommen sind. Das habe ich rasch eingesehen, ohne Wenn und Aber. Es ändert aber nichts an meiner grundsätzlichen Skepsis des Menschenmachens auf künstlichen Wegen. Natürlich hat das Ganze auch mit meiner religiösen Haltung zu tun. Gott zu spielen und in alles natürlich Gegebene eingreifen zu wollen, bekommt dem Menschen nicht. Er halst sich da eine Verantwortung auf, die viel zu groß für ihn ist. Das macht unglücklich. Ich versuche mich seit Langem in Schicksalsergebenheit zu üben und fühle mich dadurch viel freier.

 

Sie sind für drastische Urteile bekannt. Auch zum Selbstmord Ihres Vaters – da zitierten Sie Thomas Manns „Felix Krull“, wo das vorzeitige Davonlaufen aus dem Leben als „liederlich“ bezeichnet wird. Sind Sie mit sich selbst auch so streng?

Gar so streng nicht. Aber mein Vater hat mit seinem Selbstmord verheerendes Unglück über die Familie gebracht. Das lässt sich nicht leicht verzeihen. Es gibt aber einen Unterschied zwischen einem windelweichen Gott, der die Taten der Menschen gar nicht prüft, und einem rächenden Gott. Gott, der Rächer, ist mir so fremd wie der Gott des Tandaradei, der alles verzeiht.

 

Scheuen Sie sich seit Ihrer Dresdner Rede mehr als früher, Ihre religiösen Überzeugungen öffentlich zu äußern?

Nein, ich bin kein Angsthase und schweige nicht zu Themen, die mir etwas bedeuten. Aber ich trage meine Religionsbindung auch nicht weihevoll vor mir her.

 

Mit dem Islam kehrt die Religion stark nach Deutschland zurück. Botho Strauß hat einmal die „gegnerische sakrale Potenz“ begrüßt, weil sie unsere, wie er meint, geistig verarmte Gegenwart herausfordere. Sehen Sie das auch so positiv?

Nein. Ich bin keine Gegnerin des Islam, habe vor Jahrzehnten an einer hinreißenden Ausstellung über die Schönheit der Koran-Abschriften mitgewirkt. Aber von der gegnerischen sakralen Potenz des Islam halte ich gar nichts. Die fanatischen Ausprägungen, mit denen diese Religion heute zu kämpfen hat, sind eine Katastrophe, für islamische Länder weit mehr als für uns in Europa. Doch als einst das Christentum zu seiner hochaggressiven Form auflief, ging es in den islamisch geprägten Regionen viel toleranter zu. Ich glaube, das sind jetzt gewalttätige Zuckungen, die letzten Endes die Säkularisierung des Islam um so schneller befördern werden.

LEWITSCHAROFF IN WIEN

Am 19. April spricht Lewitscharoff zum Auftakt der neu eingerichteten Poetikdozentur „Literatur und Religion“ an der Uni Wien („Mit Dante und über Dante hinaus“, 18.30 Uhr, Elise-Richter-Saal). Weitere Vortragende im Sommersemester werden Thomas Hürlimann (31. Mai) und Nora Gomringer (16. Juni) sein. Zu Lewitscharoffs bekanntesten Werken zählen „Apostoloff“ (2009) und „Blumenberg“ (2011).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.03.2016)

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