Peter Henisch: Seit Langem ein eifriger Bibelleser

Schon der erste Prosatext des späteren Schriftstellers Henisch war vom Religionsunterricht (und seinem Religionslehrer Adolf Holl) inspiriert. Sein jüngstes Werk, "Der verirrte Messias" hat also eine lange Vorgeschichte.

Peter Henisch
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Peter Henisch
(c) APA (ROBERT NEWALD)

Sie wenden sich erstaunlich oft in Ihren Büchern der Religion zu, wie eben erst in Ihrem neuen Roman „Der verirrte Messias“ (Deuticke). Ist das Zufall?

Peter Henisch: Das Thema ist für mich nicht vom Himmel gefallen, ich trage es schon ziemlich lange mit mir herum. Etwas ironisch eingesetzte religiöse Motive klingen zum Beispiel in Romanen wie „Die schwangere Madonna“ und „Pepi Prohaska Prophet“ an. Bei Pepi Prohaska geht es auch um jemanden, der glaubt, einen Auftrag von Gott zu haben.

 

Aber diesmal gehen Sie noch einen Schritt weiter.

Der Protagonist von „Der verirrte Messias“ ist eine andere Mischung. Darauf weist schon sein Familienname hin, derselbe wie jener der Hauptfigur aus Dostojewskis Roman „Der Idiot“. Den verwendet mein Messias, den schreibt er als Absender auf seine Briefe. Das ist vielleicht Chuzpe, aber die Frau, die er mit diesen Briefen belästigt – anfangs wirkt er auf sie ja fast wie ein Stalker –, diese Frau ist Literaturwissenschaftlerin: Ihr versucht er sich durch diesen Namen kenntlich zu machen.

 

Ihr Verirrter, eine Art wiedergekommener Heiland, der sogar Stigmata hat, liest das Neue Testament in einer viersprachigen Ausgabe. Und behauptet, es war damals, als er zum ersten Mal da war, ganz anders. Ist das auch Ihre Exegese?

Mischa Myschkin versetzt sich in die Situation des Herrn Jesus, der wahrscheinlich keine Ahnung gehabt hat, dass man ihn je Christus nennen wird. Die Idee seiner Jünger, dass er der Messias sein soll, hat Jeschua wohl mit einer gewissen Reserve gesehen. Vielleicht lässt er sich nach und nach darauf ein, in den synoptischen Evangelien kann man Spuren dieser Art von Bewusstwerdung finden. Aber dass er alles von vornherein weiß und nie an sich zweifelt, wie bei Johannes, das wäre ja eigentlich gerade das Gegenteil der Menschwerdung, die doch als Voraussetzung der Erlösung gilt.

 

Haben Sie Tabubrüche einkalkuliert?

(Lacht) Es gibt eine Stelle, in der in Rom ein Buch von Dan Brown aus dem Fenster geworfen wird. Vielleicht ist das für manche der größte Tabubruch. Ach ja, und am Ende, als er im Zweifel, in der Verzweiflung zu versinken droht, da kokst mein Messias. Aber Barbara, die Frau, mit der sich nach und nach eine ganz eigenartige Liebesgeschichte entwickelt hat, versucht, ihn da rauszuholen.

 

Sind Sie ein eifriger Bibelleser?

Seit Langem. Die Luther-Bibel zum Beispiel ist doch das Basismaterial der deutschen Sprache. Bert Brecht hat sie geliebt, und auch der Philosoph Ernst Bloch, über den ich eine unvollendete Dissertation geschrieben habe. Im Unterschied zu den meisten Autorenkollegen meiner Generation in Österreich habe ich diese Lektüre nie als reaktionär empfunden.

 

Wie sind Sie konkret auf das Thema gekommen?

Vor zwei Jahren, nach der Fertigstellung des Romans „Eine sehr kleine Frau“, habe ich mich zum Lesen in mein italienisches Refugium zurückgezogen. Einfach frei lesen, habe ich gedacht. Ohne besonderen Plan. Ich lese dort gern auf Italienisch. Unter den vorhandenen italienischen Büchern war eine exzellente Bibelübersetzung mit Kommentaren. Da habe ich mich also in die Evangelien vertieft. Das sind Texte, die ich gut kenne, aber in einer anderen Sprache wirkte vieles neu. „La potenza di Dio“, die über die Jungfrau Maria kommen soll, hört sich zum Beispiel anders an als „Die Kraft des Allerhöchsten“. Da hab ich mir Notizen gemacht und schon mit dem Gedanken gespielt, eine etwas andere Jesus-Geschichte zu schreiben.

 

Und wie wurde es dann konkret?

Ich sollte auf Empfehlung von Adolf Holl für das „Spectrum“ ein Buch von Anne Rice besprechen, die hat eine Reihe von Vampir-Romanen geschrieben. Auf ihre alten Tage ist sie offenbar fromm geworden und hat eine Jesus-Trilogie verfasst. Den ersten Band, „Rückkehr ins Heilige Land“, sollte ich rezensieren. Das Buch ist gut gemeint, so viel kann man sagen – lieb amerikanisch, als ob Walt Disney in den Fünfzigerjahren einen Jesus-Film gemacht hätte, mit all den frommen Legenden. So nicht, habe ich mir gedacht.

 

Adolf Holl war Ihr Religionslehrer. War das ein nachhaltiger Einfluss? Auch er hat außergewöhnliche Bücher über Jesus geschrieben.

Dass ich Holl in der Oberstufe als Lehrer bekommen habe, war entscheidend. Vorher war der Religionsunterricht echt jenseitig, nun war er auf einmal interessant. Ich komme nicht aus einem religiösen Haus, bin also nicht vom Katholizismus geschädigt. Ich musste keine Verletzungen abarbeiten, wie etwa mein Kollege Josef Winkler. Der landläufige Katholizismus und das Christentum passen für mich nicht unter einen Hut. Holl, damals ein junger Kaplan, hat uns einfach andere Perspektiven ahnen lassen.

Was hat er denn gemacht?

Er hat die philosophisch interessierten Schüler für sich gewonnen. Damals, bevor es von oben gebremst wurde, sah die Befreiungstheologie noch wie eine gleichzeitig idealistische und realistische Perspektive aus. Was mich am Christentum und am Judentum, aus dem es ja kam, anzog, hatte jedenfalls wenig bis nichts mit einer konservativ autoritätsgläubigen Lebenshaltung zu tun. Holl war anders als alle anderen Lehrer. Ich habe mich auf seine Stunden gefreut.

 

Hat sich das literarisch ausgewirkt?

Mein erster Prosatext war tatsächlich von einer Frage im Religionsunterricht inspiriert. Es ging um einen Fall von Tötung nach Verlangen. Da hat einer seinen Bruder, einen unheilbar Kranken, auf dessen Verlangen umgebracht. Das war ein konkreter Fall in Frankreich, den wir im Unterricht diskutierten, ich habe den Vorfall in meiner Geschichte ins Inzersdorfer Ziegelwerk verlegt. Dostojewski und Camus haben mich damals auch schwer beeinflusst. Aber Holl hat mir „the doors of perception“ geöffnet.

 

Hat Herr Holl Ihr Buch gelesen?

Ich habe ihn ersucht, das Manuskript vor Erscheinen zu lesen und mich auf eventuelle sachliche Fehler hinzuweisen, aber er hat keinen gefunden. In den Realien bestens beschlagen, hat er gesagt. Das freut mich natürlich. Dieser Jesus-Roman, hat er gesagt, ist ein Lichtblick. Auf jeden Fall ist dieses Buch viel weniger langweilig als das des Herrn Ratzinger.

Ist es Ihnen leichtgefallen?

Ich habe es nicht einfach aus dem Ärmel geschüttelt. Im Grunde genommen hat sich dieses Buch seit meinen Anfängen als Schriftsteller vorbereitet. Man kann das schon in sehr frühen Arbeiten von mir nachlesen. Ein Kurzprosatext mit dem Titel „Lazarus“ etwa ist 1970 in der damals sehr ambitionierten Literaturzeitschrift „Konfigurationen“ erschienen. In gewisser Hinsicht war diese poetisch-experimentelle Prosa der Keim zum nun vorliegenden Roman.

 

Der hat also eine lange Vorgeschichte...

Ja, es gibt viele Verbindungslinien zu früheren Büchern von mir. Etwa zu „Morrisons Versteck“, das scheint mir jetzt in mancher Hinsicht wie eine Vorarbeit zu diesem Buch. Oder im „Hiob“-Zyklus, an dem ich jahrzehntelang geschrieben habe. 1971 wurden Proben daraus in der „Neuen Rundschau“ veröffentlicht, vorläufig zwischen zwei Buchdeckeln aufbewahrt steht er dann 1989 in meinem Gedichtband „Hamlet, Hiob, Heine“ – die letzten Dinge haben mich einfach immer interessiert.

 

Wie stehen Sie also zu diesen letzten Dingen?

Bei aller Liebe zur Ironie setze ich mich ernsthaft mit dem Thema auseinander. Die angeblich schon absolvierte Erlösung, und warum man so wenig davon merkt. In einer Welt, in der mein verirrter Messias hilflos vor einer Mauer steht, die das sogenannte Heilige Land in zwei Teile spaltet. Ausgerechnet an dem Ort, an dem angeblich Lazarus auferweckt wurde.

1943
ist Peter Henisch in Wien geboren. Nach einer „Wiederaufbaupubertät“ studiert er Philosophie, Psychologie, Geschichte und Germanistik. Seine Dissertation über Ernst Bloch bleibt aber unvollendet.

1969
gehört Peter Henisch zu den Mitbegründern der Literaturzeitschrift „Wespennest“.

Ab 1975
ist er „freischwebender Schriftsteller“. In diesem Jahr erscheint sein Roman „Die kleine Figur meines Vaters“.

Soeben
ist der neueste Roman „Der verirrte Messias“ im Verlag Deuticke erschienen – über einen Mann unserer Zeit, der sich mit Jesus identifiziert.


1...ob Sie an ein Leben nach dem Tod glauben?
Die wahrscheinliche Endgültigkeit des Todes stört mich jedenfalls. Dagegen schreibe ich an.
2...was für Sie eine Todsünde ist und was eine lässliche?

Die Todsünde: der absolute Mangel an Liebe. Die lässliche: die relative Verirrung im Leben.
3...was Sie von Judas halten?

Womöglich ein frommer Mensch. Wahrscheinlich ein armer Hund. „I feel used“, sagt er ganz richtig in „Jesus Christ Superstar“.

4...und vom Teufel?

Mit C.G. Jung gedacht: der Schatten Gottes.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2009)

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