Singer: „Als ich aufhörte, Fleisch zu essen“

Peter Singer, einer der bekanntesten wie umstrittensten Gegenwartsphilosophen, ist heute in Wien zu erleben. Mit der „Presse“ sprach er vorab – über schlechte Asylpolitik, schädliche Tabus und seine Wiener Wurzeln.

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(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die Presse: Ihr Großvater David Oppenheim lebte bis zu seiner Deportation durch die Nazis in Wien. Er arbeitete mit Freud zusammen, wandte sich aber dann Alfred Adler zu – mit Freud wäre er wohl bekannter geworden geworden . . .

Peter Singer: Ziemlich sicher, Freud wollte mehr Zusammenarbeit, weil sich mein Großvater mit Mythen auskannte. Als der sich Adlers Ideen zuwandte, hat Freud ihn aus der „Traumdeutung“ gestrichen, nicht mehr mit ihm gesprochen, ihn nicht mehr gegrüßt. Er war sehr autoritär und akzeptierte nur Ideen, die in seinen strengen Rahmen passten.

Ihr Großvater war tief in der deutschsprachigen Kultur verwurzelt. Hat das durch Ihre Familie auf Sie abgefärbt?

Nur ein wenig. Mein Vater sagte, im Englischen gibt es nur einen großen Autor, nämlich Shakespeare, im Deutschen eine ganze Menge, Goethe, Schiller, Heine . . . Ich habe Deutsch in der Schule und auf der Uni gelernt, das hat schon meinen Horizont erweitert. Später schrieb ich auch Vorwörter für Hegel- und Marx-Ausgaben.

Gerade in Deutschland war der Widerstand gegen Ihre utilitaristische Ethik stets besonders groß, man warf Ihnen sogar Nähe zur Eugenik vor, u. a. wegen Ihrer Aussagen zur Tötung behinderter Neugeborener. Verstehen Sie die Ängste?

Ich verstehe, dass die Vergangenheit die Debatte belastet. Trotzdem ist das schlimm, weil die Freiheit der Auseinandersetzung beschränkt wird, die einer der wichtigsten Schutzschilde gegen den Faschismus ist. Man zieht hier die falschen Lehren aus der Geschichte. Wir müssten im Gegenteil die Meinungsvielfalt umso mehr zulassen.

Wie erleben Sie diesen Widerstand im Vergleich zur eher religiös motivierten Kritik, die Ihnen in den USA entgegenschlägt?

Zwischen Deutschland und den USA gibt es einen wichtigen Unterschied. In den USA protestieren Gruppen gegen meine Vorlesungen, stehen mit Flugblättern da – aber niemals haben sie versucht, mich am Sprechen zu hindern. Das Recht freier Rede wird respektiert. Als ich 2015 in Deutschland den Preis für Strategien zur Tierleidminderung erhielt, gab es viele Proteste, auch das ist o.k. Aber das Kölner Philosophiefesival hat mich im selben Jahr einen Tag vor Beginn wieder ausgeladen.

Man hat es mit einem Interview mit mir begründet, in dem es um die Tötung von Säuglingen und die Zulässigkeit von Folter in gewissen Fällen ging.

Was ich da gesagt habe, war nichts Neues, das habe ich immer schon gesagt. Ich hatte gedacht, seit den 1990ern wäre es besser geworden, aber nein. Ich glaube nicht, dass der philosophische Absolutismus letztendlich verteidigbar ist. Und ich glaube, dass dessen Anhänger ihn im Extremfall auch nicht praktizieren würden, etwa wenn man mit der Folterung eines Menschen Millionen Tote verhindern könnte. Es kann nicht die Lösung sein, diese Dinge zu tabuisieren.

Auch im Tierschutz sind nicht alle mit Ihrer Ethik glücklich, weil Sie manche Tierversuche doch für gerechtfertigt halten, wenn sie großen Nutzen bringen. Werden Sie dort auch stark angefeindet?

Natürlich gibt es auch dort absolutistische Gruppen, aber die meisten sind vernünftige Organisationen, die darauf abzielen, Tierversuche möglichst zu reduzieren, wie in der Kosmetik – was die EU ja gemacht hat. Da sehe ich schon Raum für Vielfalt. Ich bin ja ohnehin immer noch viel mehr für Tierschutz als der Durchschnitt der Menschen.

Sie leben in Australien, einem Land mit aktuell rigider Einwanderungspolitik. Wie ist der Blick des utilitaristischen Philosophen auf die Flüchtlingskrise?

Sie ist ein Beispiel dafür, wie Absolutismus kontraproduktiv werden kann. Einiges, was Merkel sagte, wie, dass jeder ein Recht auf Asyl hat, ignoriert die praktischen Konsequenzen, zum Beispiel, ob die Bevölkerung das akzeptieren wird. Es könnte dadurch auch dazu kommen, dass wir am Ende einen rechtsextremen Kanzler haben. Die Flüchtlingskrise kam durch das Recht auf Asyl. Aber hat der, der willens und fähig ist, das Mittelmeer zu überqueren, mehr Recht auf Asyl als einer, der im Flüchtlingslager lebt? Das Asylprinzip hat die Menschen zu diesen gefährlichen Reisen ermutigt. Wir müssen davon wegkommen, wir müssen Programme starten, die berücksichtigen, wie lang Flüchtlinge in einem Flüchtlingslager waren, ob es wirklich Flüchtlinge sind, ob sie nicht radikal sind und so weiter. Wir brauchen einen globalen, geordneten Zugang.

Sind Sie mit der abschreckenden Asylpolitik Ihres Landes zufrieden?

Ich bin für die Aufnahme von mehr Flüchtlingen, aber für einen geordneten Prozess. Wir sehen Individuen, die kommen und Hilfe brauchen, und haben Mitgefühl, sehen aber nicht die Millionen Menschen in den Flüchtlingslagern, die ebenso sehr Hilfe brauchen. Wir identifizieren uns nur mit denen, die gerade gekommen sind, das ist ethisch nicht konsequent.

 

Ihren Grundlagentext zur Tierethik, „Animal Liberation“, schrieben Sie 1975. Hat das Denken Sie zum Vegetarier gemacht?

Ja, nur das Denken. Ich wuchs in Australien auf, mit drei Fleischmahlzeiten pro Tag. In England wurde ich dann von einem vegetarischen Studenten gefragt, wie ich das rechtfertigen könne. Ich habe also nachgedacht, kam darauf, dass er recht haben könnte, las dann einiges darüber und entschied, dass ich kein Fleisch mehr essen würde. Meine Frau konnte es auch nicht rechtfertigen, so wurden wir beide Vegetarier.

 

Es heißt, Sie spenden mindestens 25 Prozent Ihres Einkommens, versuchen zu leben, wie Sie denken. Wann war das besonders schmerzhaft?

Als ich aufhörte, Fleisch zu essen! Das war wirklich schwierig. Ich dachte auch, die anderen werden uns für merkwürdig halten. Das andere, dass ich einen substanziellen Teil meines Einkommens spende, tut nicht so weh, ich lebe ja trotzdem noch gut.

Hätten Sie drei Wünsche frei, was würden Sie sich wünschen?

Dass wir mit dem Klimawandel fertig werden, dass die intensive Tierhaltung ein Ende nimmt und der extreme Hunger in der Dritten Welt.

SINGER IN WIEN: 18. UND 28. JUNI:

Der australische Ethiker Peter Singer, geboren 1946 in Melbourne, stammt von Wiener Juden ab, die während der Nazi-Zeit nach Australien flüchteten. Im Naturhistorischen Museum findet am 18. 6. ab 15.30 Uhr ein Symposium mit ihm zu seiner Tierethik statt. Am 28. Juni gibt es außerdem anlässlich seines 70. Geburtstags im Wien-Museum eine Würdigung seines erstmals 2003 erschienenen Werks „Mein Großvater. Die Tragödie der Juden von Wien“. [ Privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2016)

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