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Franz Schuh: "Ich habe auf jede Ordnung verzichtet"

12.09.2009 | 18:03 |  von Norbert Mayer (Die Presse)

Der Wiener Autor Franz Schuh erhält am 18. September beim "Philosophicum Lech" den erstmals vergebenen Essay-Preis "Tractatus", für "geistigen Furor und schriftstellerische Brillanz".

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Die Kunst des Interviews ist Ihnen vertraut. In Ihrem jüngsten Buch, „Memoiren“, haben Sie sich selbst befragt. Was müssen wir jetzt also bereden, damit möglichst viele „Presse“-Leser aufmerksam werden?

Franz Schuh: Das ist für mich keine Frage, weil ich von Herzen und aus Tradition zu den Verweigerern gehöre. Ich bin jemand, der empfiehlt, dies nicht zu lesen und jenes nicht zu lesen, falls es von mir stammt. Sonst sollen die Leute alles lesen, und sie lesen eh alles. Das ist gut, denn so kann ich meiner utopischen Leidenschaft nachgehen, weltberühmt zu sein und in Ruhe gelassen zu werden.

 

Ihr Ruhm wächst aber. Einer der Gründe, warum wir uns treffen, ist, dass Sie beim Philosophicum Lech den ersten Tractatus-Preis erhalten. Mit „Traktat“ verbindet man Ludwig Wittgenstein. Wo ist da der Konnex? Sie sind doch hauptsächlich Essayist.

Ich freue mich sehr über den Preis, aber der Terminus „Tractatus“ zitiert nicht unbedingt Wittgenstein. Wittgenstein hat zwar einen berühmten, wenn nicht den allerberühmtesten Traktat in der Philosophie geschrieben, aber Traktate gibt es davor und danach. Und wenn schon Wittgenstein, dann sind es für mich eher die „Philosophischen Untersuchungen“, was keine abschätzige Bemerkung über den „Tractatus“ enthält – wie käme ich dazu? Aber die „Philosophischen Untersuchungen“ mit dieser Art, sich in den Sprachverlauf einzuklinken und so vorzugehen, als ob man dadurch kaum eingreift, sondern die Sprache, wie sie ist, direkt beobachtet, oder so vorführt, dass sie ihre Selbstbeobachtung betreibt – das ist genial.


Haben Sie selbst Traktate geschrieben, oder ist Ihnen diese Textsorte fremd?

Traktate zu schreiben ist mir keineswegs fremd. Ich glaube, in jedem Menschen, der den Willen hegt, recht zu haben, steckt ein Traktat. Die meisten sollten ihn dort lassen.


Sie haben sich intensiv mit Hegel beschäftigt, amtlich sozusagen, durch Ihre Dissertation. Was hat der fürs Leben gebracht?

Da haben Sie, wenn Sie Hegel zitieren, die Ursache, warum Wittgenstein mir unendlich schwerfallen muss. Bei Wittgenstein in den „Philosophischen Untersuchungen“ steht die wunderbare Formulierung: Ein philosophisches Problem hat die Form „Ich kenne mich nicht aus“. Und Hegel ist der Philosoph, der sich auskennt. Das Verführerische an Hegel ist diese Totalinterpretation, wir kennen uns aus. Das ist auch einer den Gründe, warum man sich in der Zeit mit Hegel befasst hat, in der ich eine Dissertation darüber schrieb. Man wollte eigentlich gründlich alles von Marx verstehen, und wer das will, muss Hegel lesen. Damals herrschte unter Anfängern eine Tradition des Auskennerischen. Hegel, der zu allem etwas weiß, weil er ja tatsächlich ein bestimmtes Ende darstellt, das Ende der metaphysischen Traditionen, die er in seiner Philosophie einsammelt, hat einem das Gefühl gegeben, ja, jetzt kennt man sich selbst im Hinblick auf Marx aus. Hegel bietet neben diesem verführerischen Gestus, der täuscht (woran aber weniger der Philosoph als seine gelehrigen Rezipienten schuld sind), noch eine andere Art der Verführung: die dialektische Verführung. Das ist die Verführung, in der Lage zu sein, alles durch sein Gegenteil zu beleuchten.

 

Ist das nicht gefährlich?

Höchstens, wenn man unter Umständen den Sinn für Phänomene, wie sie für sich selber sind, verliert. Aber das Großartige an Hegel ist für mich eine Kritik an Kant, daran nämlich, dass der Formalismus des Moralischen, die Selbstbezogenheit des Subjekts in der Ethik, nicht ausreicht, weil in den Motivationshorizont von Handelnden die Geschichte eintritt. Die Geschichte setzt dem Subjekt einen Inhalt voraus, der handlungsrelevant und veränderlich ist; er ist ein Teil der ethischen Selbstbestimmung, des politischen Handelns sowieso. Selbstbestimmung auf das Subjekt allein bezogen ist, hegelianisch gesprochen, nicht substanziell. Das ist eine Möglichkeit, zu Marx zu kommen, aber auch eine Möglichkeit, bei der bürgerlichen Existenz zu bleiben, die weiß, dass das Handeln durch das „Angebot“, das die Geschichte im Augenblick zuliefert, relativiert wird.

 

Was haben Sie von Hegel vergessen?

Dass Geschichte so einfach oder auch so kompliziert ein Sinnzusammenhang ist. Es gibt in der Geschichte höchstens Sinn-Inseln. Diese Sinn-Inseln miteinander zu verbinden zu einem großen Sinn-Gemälde, das habe ich vergessen. Ich erinnere mich nur daran, dass das einmal eine Möglichkeit schien, eine Chance – auch in den Sechzigerjahren. Sinn und Geschichte. Dass das Glück in der Weltgeschichte, wie Hegel sagt, ein leeres Blatt sei, ist ein wahrer und grausamer Satz. Ich bin zu sehr Kleinbürger, um mir nicht das Gegenteil zu wünschen. Ich hoffe, dass die Geschichte glücklicher verläuft als bisher und dass, was die Leute so tun – sammeln und sich sorgen –, nicht rücksichtslos von geschichtsphilosophisch legitimierbaren, welthistorischen Kräften zerstört wird.

 

Sie sehen sich eher als Essayist denn als Philosoph und beschäftigen sich sehr mit Kriminalliteratur. Hat es Sie nie gereizt, selbst einen Krimi zu schreiben?

Nein, denn es besteht ein grundsätzlicher Unterschied zwischen Lesen und Schreiben. Es gibt ein anderes Textbegehren beim Lesen und beim Schreiben. Das, was ich gerne lese, ist nicht unbedingt das, was ich gerne schreibe. Ich lese Kriminalromane, skeptisch, die Gattung erscheint mir dekadent, in dem Sinne, dass ich sie für ausgeschrieben halte. Es wird wiederholt, was es schon gab, was aber wiederum ein geradezu automatisch-mechanisches Leseinteresse erzeugt. Die Frage ist: Welche Variante kommt jetzt dran? Das Interesse am Variieren ist mein Interesse am Kriminalroman. Und in der Branche gibt es großartige Schriftsteller, Heinrich Steinfest zum Beispiel und, wie jeder weiß, Wolf Haas.


Haben Sie eine Bibliothek oder einfach Bücher? Und wie ordnen Sie die?

Ich habe keine Bibliothek, ich besitze nur unendlich viele Bücher, ich kann sie gar nicht zählen. Aber die sind nicht zu einer Bibliothek versammelt, wenn man unter Bibliothek eine Sinnträgergemeinschaft versteht. Meine Bücher existieren in einer sinnfremden Zusammenhanglosigkeit, in der sich der vergessene, der abgelebte Lebenslauf widerspiegelt, ein Interesse zum Beispiel für die Frage des Schmerzes – was ist Schmerz? Wie spricht man zu anderen über seinen Schmerz? Daneben die Geschichte der Stadt London, eine merkwürdige, intensive Beschäftigung mit dem Städtischen überhaupt. Die Stadt als Metapher, Wittgenstein sagt es: „Unsere Sprache kann man ansehen als eine alte Stadt...“ All diese Fragestellungen ergeben keine Bibliothek, sondern so etwas wie eine Bücherstadt. Ich habe auf jede Ordnung verzichtet, so muss ich mir oft Bücher mehrere Male kaufen. Die „Ethik“ von Aristoteles habe ich bestimmt hundert Mal gekauft, sie hat eine besondere Neigung zum Verschwinden.

Warum befassen Sie sich mit dem Schmerz?

Damit befasse ich mich immer. Denn mein Glück besteht darin, dass ich auf eine Art existieren kann, die Distanz zu den Phänomenen erlaubt. Die ist Voraussetzung für jede theoretische Haltung. Der Schmerz ist aber etwas, das, hat er einen gewissen Grad erreicht, keine Distanz mehr erlaubt. Dann ist auch keine Philosophie im traditionellen Sinn mehr möglich, dann ist man auf die Kreatürlichkeit zurückverwiesen, die um Gottes willen bei keinem Menschen das letzte Wort haben soll.

 

Dann ist es aus mit der Gelassenheit?

Das ist eine Eigenschaft, die manche den Philosophen zuweisen, wobei gilt, dass nicht jede Philosophie die Gelassenheit empfiehlt. In dieser Empfehlung steckt sehr viel Problematik. Adorno hat gesagt: Wer empört ist, denkt nicht. Merkwürdigerweise, weil in seinem Werk und in seiner Art von negativer Dialektik sehr viel Empörung (allerdings gebändigt) ist. Gelassenheit ist ein ähnlich in sich verspannter Begriff wie Humor. Begriffsdropping genügt bei beiden nicht. Man muss schon zeigen, was man darunter versteht, und dafür benötigt man eine Theorie.

 

Wie planen Sie Ihre Lektüre?

Durch Wiederholung. Ich lese vieles immer wieder, gerade eben Stendhals „Kartause von Parma“. Ich finde eine seltsame Metapher in diesem Buch, dass nämlich der junge Protagonist begeistert für Napoleon kämpfen will und gar nicht merkt, dass er in einer Entscheidungsschlacht drinsteckt. Er steckt so drin, dass er nicht begreift, was im übergreifenden, historischen Sinn diese Entscheidungsschlacht am Ende bedeutet. Das halte ich schlicht – Hegel hin oder her – für eine geniale Metapher für unser Leben schlechthin.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2009)

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