Literaturnobelpreis für Herta Müller

Die Schwedische Akademie zeichnet die deutsch-rumänische Dichterin Herta Müller aus – eine sympathische Geste für die tapfere Gegnerin einer KP-Diktatur aus Nitzkydorf.

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(c) EPA (Jack Mikrut)

Enklaven haben den wunderbaren Effekt, dass dort die Sprachen der Zuwanderer ihre ursprünglichen Formen viel länger bewahren. So haben sich im rumänischen Banat, in dem unter den Habsburgern über Jahrhunderte Deutsche angesiedelt wurden, Mundarten erhalten, die sich in der alten Heimat längst anders entwickelten. Das gibt diesen Sprachinseln heute einen ganz eigenen, altmodisch-poetischen Charakter.

Aus einer dieser Enklaven stammt die in Berlin lebende Dichterin Herta Müller, die am Donnerstag von der Schwedischen Akademie mit dem Nobelpreis für Literatur bedacht wurde. Aus ihren Texten, die scharfe Intellektualität verraten, scheint auch die Exotik der alten Sprache herüberzuwehen. Dieses Jahr wird also eine Dichterin aus einer besonders kleinen Nische ausgezeichnet – nichts Neues bei den Entscheidungen der Gelehrten in Schweden, die das tapfer Randständige neuerdings den großen Romanen aus dem Norden und Süden Amerikas oder der Lyrik Asiens vorziehen. Allerdings trifft es stattdessen eine stilistisch völlig eigenständige Autorin, die virtuos in ihrer Trauerarbeit ist. Müller ist unbequem, kantig, kann aber auch sehr lyrisch sein.

Die Angst vor der Deportation

Sie wurde 1953 in Nitzkydorf im Kreis Temesvár (Timisoara) geboren, im deutschen Milieu. Rumänisch lernte sie erst als Teenager, später studierte sie Germanistik und rumänische Literatur in der Kreishauptstadt. Ihr Großvater war ein reicher Bauer, der Vater bei der Waffen-SS, die Mutter wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert, die Familie enteignet. Verstohlene Gespräche über das Thema Deportation hätten ihre Kindheit begleitet, schreibt Müller im Nachwort ihres jüngsten Buches: „Ihre Inhalte habe ich nicht verstanden, die Angst aber gespürt.“

Die Oppression durch die kommunistische Diktatur Ceau?escus ist dominant in den Büchern der Autorin, die 1987 mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Richard Wagner, in den Westen kam; „Reisende auf einem Bein“ (1989) erzählt von diesem Systemwechsel, von einer Entwurzelung, der schmale Band „Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt“ (1986) von der Zeit vor diesem Aufbruch. Lakonisch wird die mit dem Körper der Tochter erkaufte Ausreise beschrieben: „,Wer weiß, was aus uns wird‘, seufzt Windischs Frau. Windisch schaut in die stechenden Strahlen der Lampe. Amalie und Windischs Frau schließen die Koffer.“

Von einer Deportation und dem Leben in einem stalinistischen Lager handelt auch Müllers bisher letztes Buch, der im September erschienene Roman „Atemschaukel“, an dem auch der 2006 verstorbene Dichter Oskar Pastior durch Gespräche über seine Lagererfahrungen nach dem Krieg mitwirkte (ein ideeller Teil des Nobelpreises gehört denn wohl auch dem genialen Wortschöpfer aus Siebenbürgen). Dieses Buch ist nach Meinung maßgeblicher Rezensenten das bisher beste in Müllers vielfach ausgezeichnetem Werk, das in 24 Sprachen übersetzt wurde. (Lesen Sie diesen Samstag im „Spectrum“ der „Presse“ die Besprechung von Alexandra Millner.)

 

Widerstand gegen die Securitate

Zu schreiben begann Müller, nachdem sie ihren Job als Übersetzerin verloren hatte, weil sie die Zusammenarbeit mit dem rumänischen Geheimdienst Securitate verweigerte. Sie arbeitete als Lehrerin, ihr erstes Buch „Niederungen“ wurde 1982 zensuriert, es folgte ein Veröffentlichungsverbot. Müller hat dennoch alles aufgeschrieben, enthüllt die Verkommenheit des Systems, beschreibt die Verletzlichkeit der Menschen, etwa in den jüngst wieder neu herausgegebenen Romanen „Der Fuchs war damals schon der Jäger“ (1992) und „Herztier“ (1994); diese angstvolle Schilderung einer Kindheit wirkt autobiografisch.

Ein leichterer Einstieg sind da wohl Müllers als bunte Collagen getarnte Gedichte, zuletzt „Die blassen Herren mit den Mokkatassen“ (2005): „mir tickt die WOLKE durch den Kopf und die Stadt sitzt krötenstill morgens vor meinem Mantelknopf.“ So lustig kann es in der Nobel-Enklave sein.

Leben und Werk

Herta Müller, geboren am 17. August 1953 in Nitzkydorf. Die deutsch-rumänische Autorin schreibt gegen das Vergessen, ihre Werke sind geprägt von ihren Erfahrungen im totalitären System des Ceau?escu-Regimes. Sie zeichne „mittels Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit“, hieß es in einer ersten Begründung der Schwedischen Akademie.

Wichtige Werke: „Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt“ (Erzählungen, 1986), „Der Fuchs war damals schon der Jäger“ (Roman, 1992), „Der Fremde Blick oder das Leben ist ein Furz in der Laterne“ (Essays, 1999), „Der König verneigt sich und tötet“ (Essays, 2003), „Atemschaukel“ (Roman, 2009).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2009)

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