Reich-Ranicki: „Kein Kommentar“

Bei den Buchmachern lag erst Amos Oz vorn, die Gewinnerin Müller holte zuletzt aber auf. Die Reaktionen auf sie: verhalten.

Nur Elfriede Jelinek war wirklich eine Überraschung. In den paar Jahren vor und nach der Österreicherin, die 2004 den Literaturnobelpreis bekam, war stets recht verlässlich an der Wettquote abzulesen gewesen, wie der Gewinner oder die Gewinnerin heißen mag. 2008 gab die Schwedische Akademie sogar zu, die Eingeweihten hielten nicht richtig dicht: Die Wetteinsätze auf den eher unbekannten Franzosen Jean-Marie Gustave Le Clézio waren – ähnlich wie 2006 bei Orhan Pamuk, 2003 bei J.M.Coetzee – kurz vor Bekanntgabe in die Höhe geschossen. Der britische Buchmacher Ladbrokes stoppte die Wettmöglichkeit, weil ihm die Entwicklung verdächtig vorkam.

Diesmal lagen noch Mittwochabend in den Wettbüros der Israeli Amos Oz und die US-Autoren Joyce Carol Oates und Philip Roth voran. Da hielten nur Experten auch Müller, den syrisch-libanesischen Dichter Adonis und die gebürtige Algerierin Assia Djebar für aussichtsreiche Kandidaten. Zuletzt holte Müller aber kräftig auf; kurz vor Bekanntgabe waren sie und Oz bei Ladbrokes als Favoriten gehandelt worden.

Die Reaktionen auf Müllers Nobelpreis am Donnerstag hingegen waren verhalten. Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki lehnte jeden Kommentar dazu ab. Er gilt als Fan von US-Autor Philip Roth: „Ich habe es seit vielen Jahren erlebt, dass er jedes Jahr den Preis nicht bekommt.“ Günter Grass' Favorit war Oz, er sei aber auch mit Müller „sehr zufrieden“. Einzig der österreichische Büchner-Preisträger Josef Winkler jubelte, die Auszeichnung Müllers sei „fantastisch“.

„Ich sitze im Temesvár am Hauptplatz, und plötzlich rotieren hier alle“, schilderte wiederum Staatsoperndirektor Ioan Holender der Austria Presse Agentur Donnerstag am Telefon. Im westrumänischen Temesvár hat Müller studiert, ist Holender geboren. Dass das offizielle Rumänien Müller nun für sich reklamieren werde, glaubt Holender nicht. Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel bezeichnete es Donnerstag als „wunderbares Signal“, dass die Berliner Autorin 20Jahre nach dem Mauerfall ausgezeichnet wurde.

Müller ist übrigens für die neu geschaffene Ernst-Jandl-Dozentur am Institut für Germanistik der Uni Wien als zweite Dozentin für das Sommersemester 2011 mit zwei großen Vorträgen vorgesehen. trick

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2009)

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